Der neue Hüter des Bozner Marktes

von Redaktion

Historische Gewänder und die Pestfeuer prägen den Markt. © Hornsteiner

Franz und Florian Lipp (re.) haben den Neustart vorangetrieben. © Hornsteiner

Landsknechte unterhalten die Besucher des Bozner Markts mit Klängen aus einer anderen Zeit. © H. Hornsteiner

Der Legendäre: Fast drei Jahrzehnte war Hans Neuner der Nachtwächter. © R. Tomaschek

Zeitreise: Alle fünf Jahre wird Mittenwald zum historischen Handelsplatz – heuer mit dem neuen Nachtwächter Georg Brennauer (o.). © H. Hornsteiner

Mittenwald – Vor Ostern klingelt bei Georg Brennauer das Handy. Am anderen Ende ist Florian Lipp. Der Mitorganisator des Bozner Marktes kommt ohne große Umschweife zur Sache: „Wie schaut’s denn aus, magst du’s machen?“ Lange überlegen muss Brennauer nicht. „Ich hab’ dann gleich zugesagt, weil absagen könnte ich ja immer noch“, erzählt er lachend. Nur eine Person musste vorher ihr Einverständnis geben. „Als Allererstes hab’ ich mit meiner Frau gesprochen. Wenn Karin nicht dahintergestanden wäre, hätte ich es nicht gemacht.“ Seit diesem Anruf hat Mittenwald einen neuen Nachtwächter.

Wenn sich der Bozner Markt ab morgen bis zum 9. August wieder über den historischen Ortskern und die Kuranlage Puit erstreckt, wird Mittenwald im Kreis Garmisch-Partenkirchen für neun Tage zur Renaissance-Stadt. Händler, Handwerker, Landsknechte, Musikanten und Gaukler beleben jene Epoche, in der der Ort zu den wichtigsten Handelsplätzen zwischen Italien und dem Norden zählte. Was im Jahr 1487 mit der Verlagerung des Warenumschlags von Bozen nach Mittenwald begann, entwickelte sich für fast 200 Jahre zur Blütezeit des Marktes – und ist heute eines der größten Historienspektakel Bayerns.

Mittendrin steht künftig Georg Brennauer. Der Maurermeister, Bauerntheaterspieler und Sänger des Karwendelchores schlüpft in eine Rolle, die weit mehr ist als ein Kostüm. Mit Helm, Hellebarde und Laterne führt er allabendlich einen düsteren Zug von der Pfarrkirche St. Peter und Paul zur Kuranlage Puit. Landsknechte marschieren mit, dumpfe Trommeln schlagen den Takt, Fackeln flackern in der Dunkelheit. Neben ihm ziehen Pestdoktor, Totengräber, Pestkranke und Fährmann Matthias Wurmer durch die Gassen. Immer wieder erklingt der Ruf „Serva nos a peste“ – „Bewahre uns vor der Pest“.

Die Szene erinnert an eine Zeit, in der der Schwarze Tod ganze Landstriche entvölkerte. Schwarze Fahnen warnten Reisende, Häuser wurden gekennzeichnet, Pesttote vor den Toren Mittenwalds verbrannt. Die Feuer sollten die verseuchte Luft reinigen. Wenn der Zug schließlich auf einem Floß den Weiher in der Puit überquert und auf der kleinen Insel die Feuer in Fässern hoch am Himmel entzündet werden, kommt Brennauers großer Moment. Dann singt er „Es hat Zeychne gschlong“ – das Mittenwalder Nachtwächterlied, tief im Ortsdialekt. Punkt 22 Uhr werden dann die Weinfässer versiegelt. Schankschluss für die zahlreichen Schenken in Puit, Hochstraße und Obermarkt.

Dass Brennauer diese Rolle übernimmt, überrascht kaum. „Seine basslastige Stimme ist perfekt für die Rolle“, sagt Florian Lipp. Dennoch weiß Brennauer, dass er in gewaltige Fußstapfen tritt. Fast drei Jahrzehnte lang war Hans Neuner, der „Hackl-Hans“, das Gesicht des legendären Nachtwächters. Seine Geschichten waren ebenso berühmt wie sein markanter Gesang.

„Freilich ist man da auch ein wenig aufgeregt“, sagt Brennauer. Mehrmals in der Woche probt er, schont seine Stimme und legt sich abends ein Tuch um den Hals, um sich nicht zu verkühlen. Mit Hans Neuner hatte er schon vor Jahren über die Rolle gesprochen. „Die Anekdoten waren der Wahnsinn. Er hat sie immer mit so viel Lebensfreude erzählt – das war gleich ansteckend.“ Kopieren will er ihn aber nicht. Sein Helm ersetzt das Barett, auch Mantel und Gewandung unterscheiden sich. „Nur das Lied bleibt gleich. Das gibt’s so nur bei uns.“

Dieses Bewahren und Weiterentwickeln prägt den gesamten Bozner Markt. Schon 1924 ließ Geigenverleger Adolf Baader prächtige historische Gewänder anfertigen und machte die Handelsgeschichte erstmals wieder sichtbar. Den eigentlichen Neustart brachte 1987 das 500. Jubiläum der Handelsverlagerung. Aus einer Idee von Hans Neuner, Hans Schober, Sebastian Pfeffer und Sepp Veit entstand ein Fest, das weit über Mittenwald hinausstrahlt. 2017 kamen rund 100.000 Besucher. Heuer werden mindestens genauso viele erwartet.

Dass der Bozner Markt zurückkehrt, war keineswegs selbstverständlich. Corona bremste die Planungen für 2022 aus, zugleich stiegen Sicherheitsauflagen und organisatorischer Aufwand enorm. Zeitweise stand das Historienspektakel auf der Kippe. Erst die Gemeinderäte Florian und Franz Lipp wagten den Neustart. „Jeder wollte den Bozner Markt haben, aber keiner wollte ihn machen“, sagt Florian Lipp. Heute gehören ausgeklügelte Sicherheitskonzepte ebenso zum Fest wie historische Gewänder und Schänken. „Die Welt hat sich verändert“, sagt Ordnungsamtsleiter Anton Sprenger. Trotzdem solle der Markt ein unbeschwertes Erlebnis bleiben.

Der Bozner Markt soll Geschichte nicht spielen, sondern erlebbar machen. Vielleicht ist genau das sein Erfolgsgeheimnis. Hinter den prächtigen Gewändern, den Landsknechten und dem Pestfeuer steckt viel mehr als Folklore. Es sind Menschen, die ihre Geschichte bewahren und weitertragen. Wenn am Ende des Abends Brennauers Bass über den Weiher in der Puit hallt und „Es hat Zeychne gschlong“ erklingt, endet nicht nur ein Markttag. Dann lebt eine Tradition weiter, die seit Jahrhunderten zu Mittenwald gehört – und nun von einem neuen Nachtwächter in die Zukunft getragen wird.

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