Beim Ferienprogramm des Eisenbahnclubs bestaunen Kinder die kleinen Züge.
Börse für Sammler: Hier können sich Liebhaber austauschen und alles rund um die Züge erwerben. Modelle gibt‘s hier schon ab fünf Euro.
Höchste Konzentration ist bei der Arbeit an den Modelleisenbahnen gefragt.
Im Eisenbahnfieber ist Rudi Stocker, Vorsitzender des Eisenbahnclubs Rosenheim, schon, seit er sechs Jahre alt ist. © mgs (3)
Rosenheim – Rudi Stocker beugt sich über die Schienen. Präzise setzt er eine schwarze Lok mit roten Rädern darauf. Die Fahrt kann losgehen. In seinem Beruf als Lokführer bei der Deutschen Bahn würde es jetzt heißen: „Alle einsteigen, bitte!“ in den Fernzug ab München quer durch Europa. Doch hier ist er ganz privat. Und hier im Eisenbahnclub Rosenheim sitzt Rudi Stocker nicht im Führerstand, sondern bastelt Miniaturzüge zusammen, schraubt an Gleisen und verbaut Signale.
„Im Alter von sechs Jahren bekam ich von meinem Papa die ersten Teile seiner Modellbahn zu Weihnachten geschenkt“, erinnert sich der 62-Jährige heute. Es war eine Anlage der Marke Märklin im Maßstab H0 – also im Verhältnis 1:87. Für den Buben bedeutete dieses Geschenk den Beginn einer Leidenschaft, die ihn bis heute begleitet. „Mich hat das Eisenbahnfieber gepackt – und es hat mich nicht mehr losgelassen.“
1995 trat Stocker dem Eisenbahnclub Rosenheim bei, seit 2009 ist er der Erste Vorstand. Dort erstrecken sich über 150 Quadratmeter insgesamt 3200 Meter Gleise und 110 Weichen durch liebevoll bemalte Miniaturlandschaften. Die Liebhaber haben die Auswahl zwischen rund 1800 Triebfahrzeugen und Waggons, die sie über die Schienen jagen können. Ein Knopfdruck und der Zug rattert los.
Doch wer glaubt, bei diesem Hobby geht es lediglich darum, kleine Züge im Kreis fahren zu lassen, unterschätzt, wie viel Arbeit und Wissen dahinterstecken. „Wenn man sich intensiver mit Modellbahnen beschäftigt, benötigt man handwerkliches Geschick“, sagt Stocker. Elektronik-, Holz-, Kunststoff- und Metallarbeiten, Malern oder Lackieren – wenn die Vereinsmitglieder sich über ihre Modelle beugen, herrscht konzentriertes Schweigen. Schließlich ist hier Präzisionsarbeit angesagt. Sieben Stunden die Woche haben dafür die Räume des Vereins offen. Ein zeitintensives Hobby also.
Dass Modelleisenbahnen oft als Zeitvertreib der älteren Generation gelten, weiß auch Stocker. Schließlich beschäftigen sich viele Vereinsmitglieder schon seit Jahrzehnten mit ihren Anlagen. Und: „In den frühen 2000er-Jahren ging eigentlich eine Generation verloren“, sagt Stocker. Der Grund: Spielekonsolen und andere technische Geräte liefen den Modellbahnen den Rang ab. Hinzu kommt, dass die Miniaturmodelle damals teurer waren und sich vorwiegend an Sammler gerichtet hatten. Für Kinder und Neulinge war der Einstieg also schwierig.
Zwingend kostspielig muss es heute nicht mehr sein. Es ist Sonntagmorgen. Drei Stunden lang tummeln sich Liebhaber und Kenner, aber auch Großeltern mit ihren Enkelkindern bei der Modelleisenbahnbörse – passenderweise im Rosenheimer Ausstellungszentrum Lokschuppen. Hier wird sich ausgetauscht, gefachsimpelt, gestaunt und manchmal auch gefeilscht. Der Eisenbahnverein organisiert regelmäßig solche Flohmärkte. „Wagen und Lokomotiven bekommt man schon zwischen fünf und 50 Euro“, sagt Stocker. Viele davon stammen aus Nachlässen. Immer wieder wenden sich Angehörige an Stockers Verein, wenn sie auf Dachböden alte Sammlungen entdecken. „Dann fragen die Hinterbliebenen, was sie mit Opas Eisenbahnsammlung machen sollen“, erzählt er.
Doch so verstaubt wie Opas Dachboden ist die Modelleisenbahn-Faszination keineswegs. Für Stocker sind allein die jährlich rund 1,6 Millionen Besucher im Miniatur Wunderland in Hamburg ein Beweis dafür, dass die kleinen Züge, detailreichen Landschaften und unzähligen unterschiedlichen Szenerien noch immer begeistern.
Auch Nachwuchsprobleme habe der Eisenbahnclub Rosenheim nicht, sagt der Vorsitzende. Rund zehn Prozent der Mitglieder gehören laut Stocker der jüngeren Generation an. Das jüngste Mitglied: ein elfjähriges Mädchen, das ihre Eltern lange bearbeiten musste, um dem Verein beizutreten.
Auch die Hersteller beobachten eine kleine Renaissance. „Die vergangenen sechs Jahre wurden stark von den welt- und wirtschaftspolitischen Gegebenheiten beeinflusst“, sagt Wolfrad Bächle, Geschäftsführer des traditionsreichen Modelleisenbahnherstellers Märklin aus Göppingen, unserer Zeitung. Während der Corona-Lockdowns habe man sogar eine besonders große Nachfrage erlebt. „Die Modellbahn wurde in dieser Zeit von vielen Menschen wiederentdeckt.“
Der Hersteller setzt deshalb bewusst auf unterschiedliche Zielgruppen – vom einfachen Einstiegs- bis zum hochwertigen Sammlermodell. Anfang des Jahres brachte Märklin zum 250. Jubiläum der US-Unabhängigkeit eine vergoldete Dampflok heraus. Der „Big Boy“ ist auf 1776 Stück limitiert und mit 24-karätigem Feingold beschichtet. Kostenpunkt mit Verpackung mit Kunstdruck: 1890 Euro. Ein Starterpack für Kinder ab drei Jahren mit batteriebetriebenen Fahrzeugen im Stil der „Sendung mit der Maus“ gibt es dagegen für 80 Euro. Für den Geschäftsführer Bächle ist klar: „Märklin verbindet Generationen.“ Sein Werbespruch: „Wo sonst hat man das soziale Miteinander und die technischen Bildungsmöglichkeiten zwischen Kindern und Erwachsenen so perfekt kombiniert – und das mit ganz viel Spaß.“
Rudi Stocker freut sich jedenfalls schon auf seine Rente. Dann hat er noch mehr Zeit für seine Leidenschaft, die mit einem Geschenk zu Weihnachten begann und ihn bis heute begleitet. Und wer ihm zuhört, bekommt zumindest eine Ahnung davon, warum der letzte Zug dieses Hobbys noch längst nicht abgefahren ist.