Die Erfüllung kam nach der Karriere

von Redaktion

Ein drastischer Vorfall veränderte das Leben des Managers Thomas Thirolf: Im Ruhestand engagiert er sich sozial – und ist glücklich

Eine Chance für Maya: Thomas Thirolf, Gründer von „Friends for Hope“, mit der Schülerin in Rajasthan. © Friends for hope

München – Die Islandreise im Sommer 2018 sollte das Leben von Thomas Thirolf radikal ändern. „Meine Frau wollte nicht fahren, meine Tochter wollte nicht fahren. Es war eine lange Nachtfahrt, es hat geregnet.“ Der Manager von Munich Re saß am Steuer des Wagens. Der damals 56-Jährige war übermüdet, schlief ein. „Auf einmal bin ich aufgewacht und habe gesehen, dass ich auf der Gegenfahrbahn direkt auf ein Fahrzeug zufahre. Im letzten Moment konnte ich auf meine Fahrbahn zurückkehren. Ein Glück, ein großes Glück.“

In diesem Moment war dem erfolgreichen Controller klar, dass er sein Leben ändern muss. Er wusste plötzlich, dass er mit 59 Jahren in Altersteilzeit gehen will. „Es gibt einen Preis für die Karriere, und das sieht man oft nicht.“ Heute führt Thirolf ein viel gesünderes Leben. Nach wie vor sehr aktiv, mit vollem Einsatz für Projekte – heute sind es soziale Aufgaben.

Über sein Leben in der Rente berichtet der heute 64-Jährige Managern und Führungskräften bei einem Seminar der TU München, in dem die künftigen Ruheständler auf ihren Weg in den dritten Lebensabschnitt vorbereitet werden. „Lifelong Leadership“, ein neunmonatiges Programm, das von dem Gautinger Patentanwalt Matthias Bosch mitentwickelt wurde. Der Jurist und Ingenieur hat von der Harvard University ein Konzept mitgebracht, wie Führungskräfte ihre Fähigkeiten und Netzwerke nach der Karriere für soziale Aufgaben einsetzen können.

Bildung für Kinder

Thomas Thirolf hat seinen Weg allein gemacht. „Statt aktiver Berufszeit kommt jetzt die aktive Lebenskarriere“, sagt er. Jetzt bestimmt er Tempo und Einsatz. Gesellschaftliches Engagement ist für ihn ein Bestandteil von lebenslangem Lernen. All das, davon ist er überzeugt, „tut meiner Gesundheit gut“. Thirolf ist Fahrer beim Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes. Diese Aktion erfüllt Menschen, die bald sterben werden, einen Lebenswunsch: noch mal ans Meer, einmal Gleitschirmfliegen. In einem Kinderhospiz betreut er eine alleinerziehende Mutter.

Sein Herzensprojekt ist aber „Friends for Hope“: sein eigener Verein, der Bildungsprojekte im westlichen Rajasthan in Indien finanziert und bedürftigen Kindern eine Schulausbildung ermöglicht. Wenn Thirolf von der kleinen Maya, Tochter von Wanderarbeitern, berichtet, leuchten seine Augen. Das Mädchen hat sich von einem ängstlichen Kind zu einer fröhlichen, tanzenden, lernbegierigen Jugendlichen entwickelt. „Wenn du dich engagierst, gibst du zurück, was du selbst einmal erhalten hast: eine Chance.“ Das ist eine der Leitlinien des Münchners. Und dass der größte Lerneffekt „außerhalb der eigenen Komfortzone“ beginnt.

Das ging auch Matthias Bosch so. In seiner Karriere hatte er „zu viele Akten und zu wenige Menschen“. Er rief eine Stiftung ins Leben, die Kindern die Bedeutung von Menschenwürde vermittelt. Jetzt fungiert er als Lehrbeauftragter bei Lifelong Leadership, das er mit Prof. Claudia Peus, Vize-Präsidentin der TUM, entwickelt hat.

Mit im Boot ist die Stiftung Wertebündnis Bayern, in der 243 Organisationen aus Kultur, Sport, Kirchen, Soziales und Bildung zusammengeschlossen sind. Dieser Schatz an Verbänden wird künftigen Ruheständlern angeboten – entweder, um dort mitzuarbeiten oder mit den Einrichtungen ein eigenes Projekt zu entwickeln. „Wir würden Sie entsprechend zusammenbringen“, wirbt Geschäftsführerin Andrea Taubenböck. Vernetzen ist die halbe Miete.

Es gibt viele Wege, sich auf den Ruhestand vorzubereiten. Man kann es hochprofessionell über die TUM machen. Doch das kostet (neunmonatiges Programm: 9600 Euro/Info: lifelongleadership@III.tum.de). Man kann aber Vereinen seine Mitarbeit anbieten. Ganz nach dem Motto von Thirolf: „Der perfekte Zeitpunkt ist der, an dem du beginnst.“C. MÖLLERS

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