München – Das Thema Rente ist in aller Munde. Das System muss reformiert werden, weil die Rentenkasse chronisch klamm ist. Aber eine gute Rente zu bekommen, ist das eine. Das andere ist, den Absprung aus dem Berufsleben auch psychisch gut zu verkraften. Und das ist alles andere als einfach, weiß der psychologische Psychotherapeut Valentin Haas. Denn das Berufsleben gibt einem auch Halt und Bedeutung.
Herr Haas: Viele sehen die Rente als Ziellinie. Wie sehen Sie das als Psychologe?
Als Motivation ist das hervorragend. Eine Ziellinie ordnet die letzten Berufsjahre, sie macht Anstrengung erträglich, weil ein Ende in Sicht ist. Das Problem ist aber, dass dahinter nichts eingezeichnet ist. Wer ein Haus baut, plant den Einzug mit. Beim Ruhestand planen die meisten nur die Schlüsselübergabe.
Womit haben Neu-Ruheständler zu kämpfen?
Am meisten unterschätzt wird der Wegfall des unfreiwilligen Kontakts im Berufsleben. Im Beruf trifft man ständig Menschen, die man sich nicht ausgesucht hat – den Kollegen aus der Buchhaltung, den schwierigen Kunden, den Lieferanten. Das kostet Kraft, aber es kommt von allein. Im Ruhestand kommt nichts mehr von allein. Jeder Kontakt muss bestellt werden. Und wer 40 Jahre lang keinen einzigen Kontakt bestellen musste, hat darin schlicht keine Übung.
Das heißt, auch wenn das vermeintlich Negative am Berufsleben wegfällt, kann es Probleme geben?
Ja, weil die Struktur plötzlich wegbricht. Viele merken das erst nach sechs Monaten oder einem Jahr, weil die erste Zeit mit Dingen gefüllt ist, die lange liegen geblieben sind – der Keller, die Reisen, die Termine beim Arzt. Wenn diese Liste abgearbeitet ist, wird es still.
Wer tut sich damit besonders schwer?
Die erwartbare Antwort wäre: Wer seinen Beruf geliebt hat, tut sich schwer. Das stimmt nur halb. Auch Menschen, die jahrelang bei der Arbeit geschimpft haben, tun sich schwer. Ärger ist auch eine Form von Aktivierung, da unterscheidet der Körper weniger, als wir denken. Für Führungskräfte, die sich häufig besonders stark über ihren Beruf definieren, kann es ebenfalls schwieriger sein. Wer viel Verantwortung und Druck trägt, hat auch eine andere Fallhöhe.
Woran liegt das?
Wenn die erste Antwort auf die Frage „Wer sind Sie?“ immer der Beruf war, kann der Ruhestand zu einer Art Identitätskrise führen. Hinzu kommt das Gefühl, weniger gebraucht zu werden. Als Rentner wechseln viele zum ersten Mal vom Leistungsträger zum -empfänger. Leichter tun sich die, die schon einen Lebensbereich hatten, in dem sie nichts beweisen mussten.
Erleben Frauen und Männer das unterschiedlich?
Rund 80 Prozent meiner Klienten sind Männer. Viele Frauen mussten ihre Biografie schon einmal umbauen, als sie Mutter wurden. Der Ruhestand ist dann nicht der erste, sondern der zweite Umbau. Sie wissen aus Erfahrung, dass danach etwas kommt. Viele Männer, gerade die erfolgreichen, haben diese Erfahrung nicht. Für sie ist es der erste Bruch – und er kommt mit 67.
Was bedeutet der Ruhestand für Partnerschaften?
Während des Berufslebens wurde auch der Ehealltag von außen vorgegeben. Man hat sich vielleicht zu wenig gesehen. Mit der Rente ändert sich das. Paare verbringen plötzlich viel mehr Zeit miteinander. Das kann Beziehungskrisen auslösen. Grundsätzlich gilt aber: Menschen mit einer tragfähigen Ehe oder mit festen Freundschaften fällt der Übergang leichter.
Wie sollte sich ein 50-Jähriger vorbereiten?
Es geht darum, sich Anerkennung auch woanders zu holen. Konkret: Etwas anfangen, in dem man schlecht ist. Wer mit 50 nur noch tut, was er beherrscht, verlernt das Anfangen. Und genau das braucht er mit 67. Mit 60 ist die Zeit zum Aufbauen knapp.
Welche Verantwortung trägt der Arbeitgeber?
Für den Einstieg hat jedes Unternehmen Onboarding, Mentoren, einen festen Plan für die ersten 100 Tage. Für den Ausstieg ist oft die Abschiedsfeier das einzige Instrument. Für jeden anderen Übergang in unserem Leben gibt es eine Institution: für den Schulabschluss die Ausbildung, für die Ausbildung den Betrieb, für die Geburt eines Kindes die Elternzeit. Jedes Mal bekommt man eine neue Rolle mitgeliefert. Für den Ruhestand gibt es nur ein Datum. Ein Schalter, kein Dimmer.
Wäre ein gleitender Übergang die bessere Lösung?
Für die meisten ja, aber mit einer Bedingung: Auch ein Übergang benötigt ein Enddatum. Ich habe einen Familienunternehmer begleitet, dessen Sohn die Geschäftsführung übernommen hatte und der trotzdem bei fast jeder Entscheidung die Finger im Spiel hatte. Wer 40 Jahre lang gefragt wurde, hört damit nicht auf, nur weil ein Vertrag unterschrieben ist. Ein Nervensystem liest keinen Handelsregisterauszug. Er musste lernen, nicht zu antworten, sondern auf seinen Sohn zu verweisen. Das haben wir geübt.
Wie bewerten Sie die Aktivrente, die das Weiterarbeiten in der Rente erleichtert?
Als Instrument ist sie ehrlich: Sie macht Weiterarbeiten finanziell attraktiver. Nur: Das ist bei den meisten, die zu mir kommen, gar nicht das Hindernis. Die Wirkung, die ich für größer halte, ist eine andere. Die Aktivrente macht Weiterarbeiten gesellschaftlich normal. Bisher musste sich erklären, wer mit 68 noch arbeitet. Er galt als jemand, der es nötig hat oder nicht loslassen kann. Ein Gesetz nimmt einem diese Erklärung ab.
Bräuchte es ein Modell, das schon vor dem regulären Renteneintritt ansetzt?
Ja, aber nicht als Rentenmodell, sondern als Arbeitsmodell – und es müsste deutlich früher ansetzen. Die kritische Phase liegt Mitte 50. Da denken viele zum ersten Mal: „Das war es jetzt.“ Die letzte Beförderung ist gelaufen, eine neue Rolle kommt nicht mehr. Die zehn Jahre danach werden dann oft abgesessen, und zwar von Leuten, die zu den Erfahrensten im Haus gehören.
Hat sich Ihr Blick auf den eigenen Ruhestand durch Ihre Arbeit verändert?
Ja. Früher dachte ich, ich müsste irgendwann genug angespart haben. Heute kommt mir zuerst eine andere Frage: „Wer ruft mich dann noch an, und warum?“ Die ist unbequemer, weil man sie mit keinem Sparplan beantworten kann. Ich merke auch bei mir, wie leicht der Beruf alles andere auffrisst. Ich bin 42 und arbeite mit Menschen, die genau das 30 Jahre lang gemacht haben. Das ist eine gute Warnung, aber sie schützt nicht automatisch. Ich habe deshalb angefangen, Dinge zu tun, in denen ich nicht gut bin. Das fällt mir schwerer, als es klingt.
Womit?
Ich male mit Acrylfarben und mache Reformer-Pilates. Neu ist auch Yin Yoga. Ausgerechnet dort, wo es nicht um Leistung geht, bin ich eindeutig einer der Schlechteren (lacht).