Sieht so unser neuer Sommer aus?

von Redaktion

Niedrigwasser am Bodensee, rechts auf dem Rhein, wo ein Wrack aus dem späten 19. Jahrhundert freigelegt wurde. Das Getreide kam fast schadenfrei davon. © dpa/pa

Auch Obst kann einen Sonnenbrand bekommen: Apfelbauern bekommen das zu spüren. © Bodo Schackow/pa

Viele kurze Gewitter sorgen für viele Blitze. Sind sie weit weg, sieht man sie als Wetterleuchten. © Patrick Pleul/dpa

Berlin – Die Extremhitze hält Deutschland gefangen – mit tödlichen Folgen: Allein durch die heftige Hitzewelle Ende Juni sind nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) fast 10.000 Menschen gestorben. Bisher war von 5000 die Rede gewesen. Neue Zahlen vom Statistischen Bundesamt zeichnen aber ein weit schlimmeres Bild.

Rund 9600 hitzebedingte Sterbefälle gingen allein auf die Woche vom 22. bis 28. Juni zurück. Vielerorts lagen die Temperaturen da um die 40 Grad. Insgesamt erhöhte sich die Zahl der hitzebedingten Sterbefälle laut RKI auf 11.900 – konservativ geschätzt. Die meisten Hitzetoten gab es zuvor 2018 mit rund 9000 im gesamten Jahr.

Hitze ist primär für Senioren gefährlich. Rund 6000 der Todesfälle fielen in die Altersgruppe 85plus, knapp 3000 waren 75 bis 84. Die Bundesärztekammer forderte gestern, extreme Hitze als ernsthafte Gesundheitsgefahr anzuerkennen. Pflegeeinrichtungen, Kindertagesstätten und Schulen müssten klimafest gemacht werden. Umweltverbände fordern zudem von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), einen Hitzegipfel einzuberufen.

Ernten teilweise stark betroffen

Die Hitze ist begleitet von Trockenheit. Schon seit März regnet es laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) in fast ganz Deutschland zu wenig. Im Süden sei gebietsweise noch nicht einmal die Hälfte des Mittels der Jahre 1991 bis 2020 gefallen.

Die Folgen für die Landwirtschaft sind spürbar. Während Getreide und Raps schnell reiften und abgeerntet werden konnten, leiden Mais, Zuckerrüben und Kartoffeln regional stark unter der Trockenheit, weil sie jetzt und in den kommenden Wochen einen hohen Wasserbedarf haben. Laut DWD sind auch die Grünlandschnitte gefährdet, was Futterknappheit bei der Viehhaltung verursachen kann. Bei Obst habe die extreme Hitze zu ungewöhnlich starken Sonnenbrandschäden geführt. Auch bei jungen Weinreben sei eine verstärkte Bewässerung nötig. Die Wälder zehren meist noch von Feuchtigkeit in tieferen Bodenschichten.

Waldbrandgefahr und leere Gewässer

Die Anzahl von Tagen mit Waldbrandgefahr der Stufen 4 von 5 (hoch) lag bis 2. August laut DWD im Deutschlandmittel bei 22 Tagen. Im Mittel 1991 bis 2020 waren es nur etwa zehn Tage. Auch beim Grasland herrsche eine besonders hohe Brandgefahr.

An Bayerns Flüssen hat die Trockenheit ebenfalls Spuren hinterlassen. Der Sylvensteinsee (wir berichteten) gibt nur begrenzt Wasser an die Isar ab, die Pegel sind vielerorts niedrig. Laut dem Bayerischen Landesamt für Umwelt werden an immer mehr Messstellen neue Niedrigstwerte bei den Abflüssen erfasst. An drei von vier Messstellen liegen die Abflüsse unter dem langjährigen mittleren Wert. „Lokal fallende Niederschläge lassen die Wasserstände nur kurzfristig ansteigen“, teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit. An den Seen im Süden Bayerns sinken die niedrigen Wasserstände weiter ab.

Auch an großen Flüssen wie dem Rhein ist die Lage fatal. Die Flussschifffahrt kommt zum Erliegen. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) erwägt deshalb, das Lkw-Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen aufzuheben, um mehr Verkehr auf die Straße zu verlagern. Sein Ministerium führe auch Gespräche mit der Bahn über zusätzliche Kapazitäten. Die Lage sei „wirklich herausfordernd“, sagte der Minister.

Erhebliche Folgen für die Wirtschaft

Noch wenig wird über die volkswirtschaftlichen Kosten gesprochen. Die Allianz hat ein Stress-Szenario erstellt. Demnach liegt die kritische Schwelle bei 30 Grad. Bis dahin nimmt die Produktivität sogar leicht zu, die Heizkosten sinken. Danach kehrt sich der Effekt um. Die Produktivität pro Stunde sinkt pro Grad Celsius um 1,13 Euro, der Energieverbrauch steigt um 1,2 Prozent pro Grad.

In ihrem weltweiten Szenario hat die Allianz berechnet, was wäre, würden die Jahre 2026 bis 2030 so heiß wie die heißesten Jahre seit 2014 im jeweiligen Land. Ergebnis: Die Verluste beim Bruttoinlandsprodukt lägen bei fünf bis sieben Prozent. In Deutschland wären es rund 114 Milliarden Euro, in Frankreich 208 Milliarden, in Japan sogar 307 Milliarden.

Auch langfristig wären die Folgen laut der Allianz enorm: Die Hitze schmälert die Kapitalrenditen, die Folge wären geringere Investitionen und eine geringere Produktionskapazität. Weitere Folgen: Stagflation, steigende Preise und Erwerbslosigkeit. Der Bund müsste mit sinkenden Steuereinnahmen von 0,7 Prozent pro Jahr rechnen. Steigende Gesundheitskosten und Ausgaben für die Hitzeschäden belasten den öffentlichen Haushalt zusätzlich. Bereits 2022 betrugen die klimabedingten Schäden in Europa laut der Allianz 46 Milliarden. Euro. Das erfordere ein koordiniertes Handeln. Die nationalen Anpassungsstrategien seien aber nicht in einem mehrjährigen Haushaltsplan umgesetzt. Standardmäßig werde auf „Ad-hoc-Notfallpakete“ zurückgegriffen was den finanziellen Spielraum der Länder im Ernstfall weiter einschränke.

Wetterdienst: Es bleibt heiß und trocken

Ein Ende der Hitze ist nicht in Sicht. Heute gebe es eine „kleine Abkühlung“, sagte Florian Baur vom Deutschen Wetterdienst in München. Trotzdem werden es noch 26 bis 30 Grad. Für Samstag sind in München 30 Grad, für Sonntag 33 und für Montag 31 Grad annonciert. Großflächige Niederschläge seien nicht zu erwarten, so Baur. Die Heißluftzufuhr aus den Subtropen reißt nicht ab. „Bis Mitte August deutet alles darauf hin, dass es warm und trocken bleibt.“

Was ebenfalls bleibt, ist das Gewitterrisiko. Viele Menschen sahen am Donnerstag heftige Lichtblitze – ohne Donner. Laut Baur normale Blitze. Meteorologen unterscheiden Wolke-Boden- und Wolke-Wolke-Blitze. Erstere sind begleitet von Donner, also Gewitter in der Nähe. Letzteres sind Blitze zwischen Wolken. „Die kann man sehr weit sehen, bei normalen Bedingungen bis zu 100 Kilometer.“ Schall, also der Donner, schwächt sich schnell ab und man hört ihn nicht mehr. Man spricht dann auch von Wetterleuchten. Sogar von der Raumstation ISS aus seien diese Blitze zu sehen. Ganz ungefährlich sind sie laut Baur nicht immer. Ist das Gewitter näher als 20 Kilometer, steigt die Gefahr an.

Über dem Werdenfelser Land gab es beim Gewitter am Sonntag ein richtiges Blitze-Festival. 54.288 einzelne Blitze registrierte der DWD. Lothar Bock vom DWD in München: „Insgesamt finden sich in der Datenbank nur noch fünf weitere Fälle mit mehr als 50.000 Blitzen.“ Der Rekord geht auf den 10. Juli 2011 zurück mit über 66.000 Blitzen. Allerdings werden Blitze erst seit 2007 statistisch erfasst.

Artikel 2 von 4