München – Plötzlich ist die Welt in geisterhaftes Zwielicht getaucht. Die Temperatur fällt spürbar ab, von der Dunkelheit verwirrte Vögel und andere Tiere benehmen sich seltsam. Am Himmel tauchen neben der verdunkelten Sonne plötzlich Sterne und andere Planeten auf, die normalerweise nicht zu sehen sind: Eine totale Sonnenfinsternis ist ein beeindruckendes Erlebnis, das in der kommenden Woche Enthusiasten aus der ganzen Welt ins nördliche Spanien locken wird.
„Es fühlt sich an wie das Ende der Welt“, schwärmt die Australierin Elizabeth Warning. „Wenn man eine Sonnenfinsternis miterlebt, verändert einen das für immer.“ Die 51-Jährige gehört zur kleinen, aber wachsenden Gemeinschaft der selbst ernannten „Sonnenfinsternis-Jäger“, die ihre Urlaube sorgfältig rund um totale Sonnenfinsternisse planen, wie sie etwa alle ein bis zwei Jahre irgendwo auf der Erde zu erleben sind.
Die totale Sonnenfinsternis in Spanien am kommenden Mittwoch ist die erste über dem europäischen Festland in diesem Jahrhundert und die Anreise vergleichbar einfach zu organisieren. Solarphysiker Ryan Milligan von der Queen’s University im nordirischen Belfast ist bislang bereits zu zwölf verschiedenen Sonnenfinsternissen gereist – von Sibirien über Chile bis hin zu den Färöer-Inseln im Nordatlantik.
„Eine totale Sonnenfinsternis ist nichts, was man sieht – es ist etwas, das man erlebt“, schildert er. „Es wird kalt, das Licht und die Schatten sind alle nicht da, wo sie sonst sind, die Farben sind gedämpft, die Tiere gehen schlafen – all das kann man nicht durch ein Foto oder ein Video oder einen Nachrichtenartikel vermitteln“, sagt Milligan. „Es ist der Adrenalinstoß, all diese Erfahrungen in wenigen Minuten zu machen, der uns buchstäblich ans Ende der Welt treibt.“
Sobald der kurze Moment vorüber ist, planen die Sonnenfinsternis-Jäger bereits die nächste Reise. „Es ist eine sehr teure, sehr seltsame Sucht“, sagt die Australierin Warning lachend. Lucie Green reiste 2021 bis in die Antarktis, nur um vom größten Feind aller Sonnenfinsternis-Fans geschlagen zu werden: Wolken. „Meine Erfolgsrate liegt bei etwa 70 Prozent“, sagt die Solarphysikerin vom Londoner University College.
Oft braucht es einfach Glück: Als die Australierin Warning 2015 für eine Finsternis auf die Färöer-Inseln gereist war, „teilten sich die Wolken“ im letzten Moment und gaben ihr die Sicht auf das Himmelsschauspiel frei, das Beobachtern in wenigen hundert Metern Entfernung verborgen blieb. Milligan gehörte damals zu denen, die nur Wolken zu sehen bekamen. „Ich war verzweifelt“, sagt er. „Vor allem, weil mir die Leute erzählt haben, dass ich die Finsternis gesehen hätte, wenn ich einfach in meinem Hotel geblieben wäre.“
Jenny Winker aus St. Paul im US-Bundesstaat Minnesota will mit neun Familienmitgliedern zur Sonnenfinsternis in Nordspanien reisen. „Wenn man noch nie eine totale Finsternis gesehen hat – das ist atemberaubend“, sagt die 60-jährige Rentnerin. Etwas Sorgen machen ihr allerdings die Waldbrände, die in den vergangenen Wochen in Spanien wüteten. In der Luft hängende Rauchpartikel könnten für eine „diesige“ oder „dunstige“ Sicht sorgen, warnt auch Forscherin Green.