Wenn der Mond die Sonne küsst

von Redaktion

Schön ist es trotzdem: Ganz wird der Mond die Sonne in Deutschland dieses Mal nicht verdecken. © imago

Auch Edmund Stoiber, damals Ministerpräsident, schaute mit Gattin Karin zu. © imago

Bernhard Buchner blickt an der Volkssternwarte durch ein großes Sonnenteleskop. Am Mittwoch muss er aufs Nachbarhaus, um was zu sehen. © Anastasia Bondarenko

11. August 1999: In Oberpfaffenhofen bei München verfolgen viele Menschen mit geeigneten Schutzbrillen die Sonnenfinsternis. Damals war es eine totale, dieses Mal wird es bei uns nur eine etwa 90-prozentige sein. © imago

München – Mit gespreizten Beinen steht Bernhard Buchner vor einem gigantischen Teleskop und blickt mit einem Auge durch das Okular. Der Leiter der Volkssternwarte München betrachtet die Sonne – 43-fach vergrößert. Gleichzeitig wird ihr Bild durch eine kleine Öffnung im Teleskop auf eine weiße Projektionsfläche geworfen. Buchner deutet auf mehrere dunkle Flecken. „Die sind ungefähr 1500 Grad kühler als der Rest der Sonne – deswegen erscheinen sie hier als schwarze Stellen“, erklärt er fasziniert.

Schon bald gibt es mehr zu sehen als dunkle Flecken: Am Mittwoch schiebt sich der Mond vor die Sonne – totale Sonnenfinsternis. Dafür muss Neumond sein und die drei Himmelskörper müssen auf einer Linie stehen. Um die gesamte Sonne zu verdecken, muss der Mond nah an der Erde sein. Nur wer sich in dessen Schatten befindet, erlebt für kurze Zeit die Totalität. Das letzte Mal hat Deutschland vor 27 Jahren, am 11. August 1999, eine totale Sonnenfinsternis erlebt. Der Kernschatten des Mondes zog damals mittags über den Süden Deutschlands, auch über München. Dieses Mal wird das Erlebnis nicht so vollkommen. Die totale Sonnenfinsternis wird vor allem über Grönland, einem kleinen Teil Islands, Portugals und über dem Norden Spaniens zu sehen sein.

In München wird der Mond nur rund 90 Prozent der Sonne verdecken. Aber: „Das ist auch wirklich sehenswert“, betont Astronom Wolfgang Vieser von der Europäischen Südsternwarte (ESO). Um 19.23 Uhr beginnt das Himmelsspektakel. Rund eine Stunde lang ist die partielle Sonnenfinsternis zu sehen, ihren Höhepunkt erreicht sie um 20.15 Uhr. Kurz danach geht die Sonne bereits unter.

„Am besten sucht man sich einen erhöhten Standort mit freiem Blick Richtung Westen“, rät Volkssternwarte-Chef Buchner. Denn zu dieser Uhrzeit steht die Sonne schon sehr tief. „In München könnte man zum Beispiel auf ein Hochhaus gehen“, ergänzt Vieser. Hauptsache, die Sicht ist frei. Genau dieses Problem hat die Volkssternwarte. Buchner steigt aufs Dach, wo die Teleskope in ihren Kuppeln stehen, und zeigt auf die Stelle am Himmel, an der sich die Sonnenfinsternis abspielen wird. Dort versperrt die weiße Wand eines anderen Gebäudes den Blick. Eine Lösung gibt es aber: „Wir dürfen auf das Dach des Nebengebäudes.“ Dort werden die Astronomen das Ereignis mit einem speziellen Sonnenfernrohr verfolgen. „Das hat einen speziellen Filter – damit kann man sicher ins Licht schauen“, erklärt Buchner.

Einen ähnlichen Filter wie die Teleskope haben auch spezielle Schutzbrillen (siehe Kasten). Sie halten 99 Prozent des Sonnenlichts zurück und bewahren die Augen vor der gefährlichen Strahlung. „Man hat nur zwei Augen, man sollte sie unbedingt schützen“, sagt Vieser. Der einzige Moment, in dem man die Sonnenfinsternis ohne Brille betrachten darf, ist die Totalität – also wenn der Mond die Sonne vollständig bedeckt, wie es etwa in Nordspanien sein wird. „Dann wird es so dunkel, als hätte man das Licht ordentlich abgedreht“, sagt Buchner.

Viele Astronomie-Begeisterte reisen extra in die Zone der totalen Finsternis. Auch wissenschaftlich ist dieser Moment spannend. „Man sieht Phänomene, die wirklich nur bei vollständiger Bedeckung auftreten“, sagt Buchner. Dazu gehört der Diamantring-Effekt: Kurz bevor der Mond die Sonne komplett verdeckt, leuchtet der letzte Sonnenstrahl wie ein heller Punkt auf – gemeinsam mit der dahinterliegenden Mondscheibe entsteht der Eindruck eines Diamantrings. „Da juckt es auch mich in den Füßen, meinen Kollegen nach Spanien zu folgen“, sagt Vieser lachend.

Entlang der sogenannten Totalitätszone quer durch Nordspanien bis zu den Balearen herrscht bereits Ausnahmezustand. Hotels sind vielerorts ausgebucht, die verbliebenen Zimmer kosten auch Tage vor dem Ereignis oft ein Vielfaches der üblichen Augustpreise. Privatleute bieten Dachterrassen oder Gärten mit freier Sicht auf den Abendhimmel an. Für besonders begehrte Balkone werden nach Medienberichten bis zu 700 Euro verlangt.

Der Touristenansturm soll laut dem Beratungsunternehmen AFI rund 421 Millionen Euro an Wirtschaftsleistung bringen. Reiseveranstalter sprechen von einer Nachfrage wie sonst nur bei internationalen Großereignissen. Der einzige Unterschied: Anders als eine Fußball-WM oder Olympische Spiele muss Spanien das Spektakel nicht ausrichten – es kommt gratis vom Himmel.

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