Mehr als nur gebrauchte Kleidung

von Redaktion

Für Nachhaltigkeit: Valentina liebt Secondhand. © bod

„Farben sind mein Ding“: Die Betreiberin des Secondhandladens Fashion and Fantasy, Annette Schlagheck, mag es bunt. © Oliver Bodmer

München – Annette Schlagheck fährt noch kurz ihre Lippen mit pinkem Lippenstift nach, bevor sie vor die Kameralinse unseres Fotografen tritt. „Farben sind einfach mein Ding“, sagt die Betreiberin des Secondhandladens Fashion and Fantasy – und genau das spiegelt auch ihr Geschäft wider. Bunte Kleider reihen sich an wild gemusterte Jacketts, dazwischen glitzern Schmuckstücke und liebevoll ausgewählte Dekoartikel. Schon beim Betreten fällt der Blick auf die farbenfrohe Vielfalt.

Seit 2012 führt Annette Schlagheck den kleinen Secondhandladen an der Fürstenstraße in der Münchner Maxvorstadt. Mit dem Geschäft verbindet sie jedoch schon viel länger etwas. „Als ich 23 war, habe ich hier selbst das erste Mal eingekauft“, erzählt sie. Damals gehörte der Laden noch einer „Frau Lorenz“. Aus der anfänglichen Kundschaft entwickelte sich im Lauf der Jahre eine enge Freundschaft. Als die frühere Besitzerin aus Altersgründen aufhören wollte, machte sie Schlagheck schließlich ein überraschendes Angebot: „Sie fragte mich einfach, ob ich den Laden übernehmen möchte.“

Seitdem hat sich einiges verändert. „Frau Lorenz meinte damals zu mir, dass mit ihr auch die Kundschaft alt geworden ist“, erinnert sich die 64-Jährige. Für Schlagheck war das der Anstoß, frischen Wind in das Konzept zu bringen. Kurz vor der Corona-Pandemie erlebte der Secondhandmarkt dann einen regelrechten Aufschwung.

Heute stöbern bei Fashion and Fantasy Menschen aus den unterschiedlichsten Alters- und Einkommensgruppen. „Jetzt kommen zu mir alle möglichen Kunden“, sagt die Ladenbesitzerin stolz. Vor allem die jüngere Generation sei deutlich offener für Secondhand geworden und achte stärker auf Nachhaltigkeit. Obwohl sie ausschließlich Damenbekleidung verkauft, verirren sich auch immer wieder Männer in den Laden. „Die finden oft genug etwas Passendes im Sortiment“, erzählt Schlagheck schmunzelnd.

Für Kundin Valentina spielt Nachhaltigkeit beim Kleiderkauf eine entscheidende Rolle. „Ich trage seit fast sechs Jahren nur noch gebrauchte Kleidung“, erzählt sie. Ihr größter Gegner: Fast Fashion. Die billige Massenware sei sowohl in der Herstellung als auch bei der Entsorgung problematisch. „Es geht mir aber auch sehr um die Qualität.“ In den meisten herkömmlichen Modegeschäften bestehe ein Großteil der Kleidung aus Viskose oder Polyester, sagt sie. Diese Stoffe seien oft weniger hochwertig und nähmen zudem schnell unangenehme Gerüche an. „Deshalb bin ich schon lange ein Fan von Flohmärkten und Secondhandläden“, erklärt die junge Frau. Viele Kleidungsstücke seien zwar Jahrzehnte alt, hätten aber häufig eine bessere Qualität als neue Ware und wirkten dennoch wie frisch gekauft. „Außerdem sind das echte Fundgruben für Vintage-Raritäten.“ Stolz hält sie ihre Einkaufstasche hoch und zeigt ihre neuesten Schätze: „Zum Beispiel dieses Leinenkleid und der Rock.“

Auch Annette Schlagheck trägt überwiegend Secondhandmode. Ganz auf neue Kleidung verzichten möchte sie aber nicht. „Ich kaufe auch gerne mal etwas Neues – etwa wenn ich im Urlaub bin“, erzählt die 64-Jährige. Problematisch sei das aus ihrer Sicht nicht, solange die Kleidung von Marken stammt, die auf Nachhaltigkeit achten, faire Löhne zahlen und ihre Ware nicht „von ewig weit weg“ importieren.

Den Großteil des Sortiments erhält Schlagheck von ihren Kundinnen. Rund 100 Frauen bringen regelmäßig gut erhaltene Kleidungsstücke zu Fashion and Fantasy. Drei Monate hängen sie im Laden und warten auf neue Besitzerinnen. Was in dieser Zeit keinen Käufer findet, geht zurück an die ursprüngliche Eigentümerin. Möchte auch sie das Kleidungsstück nicht mehr haben, landet es auf einer separaten Kleiderstange – zu einem günstigeren Preis. „Da können sich auch ärmere Menschen sehr gut einkleiden“, erklärt Schlagheck. So bekommen viele Kleidungsstücke eine zweite, manchmal sogar eine dritte Chance.

Besonders gefragt sind Oberteile. „Die gehen am schnellsten weg“, erzählt Annette Schlagheck. Aber auch gut sitzende Hosen oder elegante Abendkleider seien echte Glücksfunde. „Die Damen freuen sich jedes Mal, wenn sie so etwas entdecken.“ Vor allem Kleidung aus den 1920er- und 1930er-Jahren ist begehrt – und entsprechend selten. Umso besser erinnert sich Schlagheck an ihr außergewöhnlichstes Stück: „Ein elegantes elfenbeinfarbenes Kleid mit Pailletten, tiefen Beinschlitzen auf beiden Seiten und schmalen Trägern aus den Dreißigerjahren“, erzählt sie mit leuchtenden Augen. Verkauft hat sie das Kleid schließlich an eine plastische Chirurgin aus Italien. „Ich bin so froh, dass ich einen Secondhandladen habe – sonst hätte ich so etwas nie zu sehen bekommen.“

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