Alexander Bauer kämpft im Schlosspark seit Jahren mit der Trockenheit. © Bodmer
Dürre am Riemer See: Das Gras ist an vielen Stellen regelrecht verbrannt, manche Bäume sind schon fast kahl, das Laub (rechts) ist bereits trocken. © Markus Götzfried (2)
Laubbläser-Einsatz im Sommer: So wie dieser Baum an der Cimbernstraße (rundes Bild) in München reagieren viele Bäume. Sie werfen schon jetzt die Blätter ab und werden immer lichter. © Marcus Schlaf
München – An der Cimbernstraße brummt es. Das Geräusch hört man Mitte August eigentlich nicht. Laubbläser-Alarm! Die Dame, die den Wirbel verursacht, hat Kopfhörer auf und einen gewaltigen Apparat auf dem Rücken. Laub fliegt durch die Luft. Sie macht kurz Pause, dreht sich um. „Der Baum müsste noch viel mehr Blätter haben“, sagt sie und zeigt auf den Übeltäter vor ihr. Wegen der Hitze hat er den Herbst für sich vorverlegt und wirft sein Kleid ab. Der Lärmschutz wandert wieder über die Ohren. Weiter geht`s.
So wie hier im Münchner Stadtviertel Sendling-Westpark sieht es auch andernorts aus. Der Riemer Park im Münchner Osten ist teilweise verdorrt, manche Bäume sind schon fast kahl. Da hilft auch der künstliche See nichts, der mit dem Park für die Bundesgartenschau im Jahr 2005 entstand.
Auch im Schlosspark Schleißheim ist Hitzealarm. Die Obstbäume lassen ihre Früchte früher fallen als normal, an manchen Stellen färben sich die Blätter bräunlich wie im Herbst. „Es wird für die Bäume langsam dramatisch“, sagt Alexander Bauer. Er ist noch Betriebsleiter im Hofgarten Schleißheim, wechselt demnächst nach Dachau.
In Schleißheim hat man noch das Glück, mit Wasser aus dem Schlosskanal gießen zu können – und nicht mit Trinkwasser. Doch auch im Kanal sinken die Pegel: „Es ist so wenig, dass wir damit gut haushalten müssen“, sagt Bauer. Manche Bäume ließen sich ohnehin nicht bewässern, Altbäume wie Eichen, Buchen oder Ahorn: „Da kann man nur hoffen, dass sie durchhalten“, sagt Bauer. Obstbäume lasse er teilweise bewässern: „Wir haben aber nicht die Kapazität, das bei allen zu machen.“ Maßhalten ist beim Wasser derzeit das Gebot. In den Teilen des Gartens mit lehmigen Böden, die Wasser besser speichern, geht es den Pflanzen besser. Im hinteren Bereich schlechter: „Dort stehen die Bäume regelrecht auf Schotter“, sagt Bauer. Der vereinzelte Regen hilft kaum. Schon gar kein kurzer Starkregen. Das Wasser könne da nicht richtig versickern. Was es braucht, sei Landregen, sagt Bauer: lang anhaltender Dauerregen geringer Intensität.
Schon in den vergangenen Jahren hatte der Schlossgarten mit Dürre zu kämpfen. Vor vier Jahren sahen Teile des Gartens bereits im Juli aus wie Mitte Oktober, die Blätter waren gelb und braun. „So schlimm ist es noch nicht“, sagt Bauer. „Aber wir sind auf dem guten Weg dahin, wenn sich nichts tut.“
Deutschlands Bäume leiden schon seit Jahren massiv unter Trockenheit und Hitze. Die Schäden begannen spätestens mit dem Dürrejahr 2018, auch als „Steppensommer“ in Erinnerung. In Würzburg etwa fielen damals von Anfang Februar bis Ende November nur 287 Millimeter Regen pro Quadratmeter. Eichen, Buchen, Kiefern, Fichten und andere Bäume stehen seitdem unter hartnäckigem Klimastress, wie der Waldzustandsbericht 2025 feststellt. Unter den häufigsten Arten sind bereits vier von fünf Bäumen krank.
Auch ältere, resiliente Bäume schaffen es oft nicht mehr
Forscher der Technischen Universität München (TUM) haben Satellitendaten ausgewertet und herausgefunden, dass seit 2018 in ganz Europa ein beispielloser Biomasseverlust, also der organischen Masse an Bäumen und Pflanzen, zu beklagen ist. Für die Ökosysteme ist das eine besorgniserregende Entwicklung: Bäume binden das Treibhausgas CO₂, produzieren Sauerstoff, speichern Wasser, schützen Böden, bieten Lebensraum für unzählige Arten. Dieser empfindliche Kreislauf gerate aus der Balance, so die Forscher (siehe Text unten).
Die im langjährigen Vergleich deutlich zu hohen Temperaturen und geringen Niederschläge haben vielerorts zum Austrocknen der oberen Bodenschicht geführt. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel sind laut dem Landesbetrieb Wald und Holz 94 Prozent der Landfläche von ungewöhnlicher Trockenheit und Dürre betroffen – Tendenz steigend. Gerade Frühjahrsanpflanzungen von Laub- und Nadelgehölzen leiden, viele junge Pflanzen sterben ab. Ältere Bäume sind resistenter, können aufgrund ihrer Verwurzelung in tieferen Bodenschichten oft noch Wasserreserven finden. Deshalb sind Naturschützer sehr darauf bedacht, möglichst viele alte Bäume in überhitzten Metropolen wie München zu bewahren.
Dennoch: In Wuppertal mussten heuer schon fast 1000 vertrocknete Stadtbäume gefällt werden, auch mehr als 80 Jahre alte Buchen. Laut dem „Hitze-Check 2026“ der Deutschen Umwelthilfe sind zwischen 2018 und 2025 infolge der starken Dürre fast eine Million Bäume in 195 Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern verschwunden.
Die Stadt München will durch mehr Bäume klimaresilienter werden. Allein in der Innenstadt sollen 150 Stück gepflanzt werden. Problem: Ein Baum kostet bis zu 95.000 Euro – auch, weil das Pflanzen kompliziert ist. Im Boden gibt es Leitungen und Rohre. Der Bürgerinitiative Baumentscheid ist das zu wenig. Sie will 12.000 Bäume innerhalb des Mittleren Rings – notfalls per Bürgerbegehren. Dafür hat sie schon 34.000 Unterschriften gesammelt.
Die Hitzeschäden lassen sich bisher nicht belastbar beziffern, auch, weil viele Bäume mit Verzögerung reagieren und erst im Jahr darauf Absterbe-Erscheinungen in der Krone zeigen. Gerade vorgeschädigte Bäume sind gefährdet, mittelfristig abzusterben. Prof. Cornelius Senf von der TUM bleibt aber positiv. „Wälder sind in der Lage, sich von Störungen zu erholen.“ Dafür müsse man aber die Waldbewirtschaftung an den Klimawandel anpassen.