Wie die „nackte Unkultur“ München eroberte

von Redaktion

Das neue Körperverständnis der 1968er-Bewegung machte die Stadt zum Nudisten-Paradies, sogar im Ausland wurde darüber berichtet

Verkehrte Welt: Im Englischen Garten war man als Angezogener schon fast ein Außenseiter. © Heinz Gebhardt

Nudisten-Picknick am Monopteros: Das Foto aus dem Englischen Garten stammt aus den 1980er-Jahren. © Heinz Gebhardt

München – Die 1968er-Bewegung steht für vieles: Umweltschutz, Frauenrechte und Friedensbewegung erhielten mehr Gewicht, junge Menschen rebellierten gegen ihre Eltern, Studenten kämpften für eine liberalere Gesellschaft. Auch die verkrustete Sexualmoral kam auf den Prüfstand. Kein Wunder also, dass sich mit der Jugendrevolte auch die Beziehung zum Körper veränderte. Dieser Aufbruch spülte die „Naturisten“ an die Ufer der Isar und des Eisbachs. Auf den Liegewiesen des Englischen Gartens, ja sogar im aufgelassenen Alten Nördlichen Friedhof tauchten sie plötzlich auf: die Nackerten.

Der vor knapp zwei Jahren verstorbene Münchner Autor Karl Stankiewitz sprach in seinen Erinnerungen von einer ungenierten Zeit – die manch Alteingesessener als Exhibitionismus geißelte. „Beileibe nicht nur junge und schöne Menschen spielten Adam und Eva“, schrieb er vor Jahren in der „Abendzeitung“. „Sie grillten ihre entblößten Körper im Gras, im Kies, auf Sand- und Betonbänken. Sie schwammen, ruhten, radelten, ruderten so, wie Gott sie geschaffen hatte. Sie spielten Ball oder spazierten neben bekleideten Passanten einher. Schnell verschwand die Scham – Toleranz war angesagt.“ Jugendliche sprangen in den Eisbach, ließen sich bis zum Tivolipark treiben, um dann nackert in die Tram zu steigen – natürlich ohne zu bezahlen. Aber wie auch, so ohne alles am Körper. Auch am Brunnen am Stachus und im Biergarten am Chinesischen Turm tauchten die Nackerten auf.

Dass das nicht ohne gesellschaftliche Verwerfungen einhergehen konnte, war klar. Der Katholikenrat polterte gegen die „nackte Unkultur“, diese „pendelnden Penisse“. Der Generaldirektor der Staatlichen Seen und Gärten, Freiherr von Crailsheim, rügte die „nackte Allianz“, die in sein Revier einfiel. Und still und leise tummelten sich auch Voyeure mit Feldstecher im Dunstkreis der Freikörperanhänger.

Am 7. Juli 1982 beschloss die Stadt acht offizielle Toleranzzonen für nackte Sonnenanbeter. Was erst mal wenig half. Das blieb auch im Ausland nicht unbemerkt. „Dieses Münchner Paradies wurde eine weltweit bekannte Attraktion. Ganze Busse von Touristen kamen zur großen Nuditäten-Show, sie konnten sich so das teure Striptease-Lokal sparen. Sogar die Kronprinzessin von Thailand soll bei einem Bayern-Besuch um einen Abstecher zur Nudistenwiese gebeten haben, was ihr das Protokoll aber ausreden konnte“, erinnerte sich Stankiewitz. Ein „Spiegel“-Reporter schrieb 1985 ironisch: „Aus dem katholischen München wurde die Hauptstadt eines schweigenden Volksbegehrens nach ganzheitlicher Besonnung.“ Unter Pädagogen wurde gescherzt, Lehrer sollten sich hinter Gebüsche zurückziehen, um peinliche Begegnungen mit unangezogenen Schülern zu vermeiden.

So blieb es nicht aus, dass die Polizei aktiver werden musste. „Polizei jagt Nackte“ lautete eine Schlagzeile von 1986. Es hagelte Bußgelder und Platzverweise. Das Gerücht, dass Nackte in Handschellen abgeführt wurden, erwies sich dann aber als Ente. Heute weht der nackte Atem der 1968er-Jahre kaum noch durch München. Es gibt klare Regeln und feste Orte fürs paradiesische Outfit. Am Stachus zumindest gab es schon länger keine amtliche Nackerten-Sichtung mehr.WHA

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