Ein Paradies für Freikörper-Anhänger war der Englische Garten in München einmal. Heute liegt Rick (links) mitunter alleine auf der Schönfeldwiese, wo FKK noch erlaubt ist. Auch in der sogenannten Badetram von der Tivolibrücke zurück zur Eisbachwelle am Haus der Kunst (rechts) sieht man keine Nackerten mehr. Man muss Badekleidung tragen. © Gebhardt, Schlaf, Bodmer
München – „I renn nackert durch‘n Englischn Gartn“, sang die Münchner Spider Murphy Gang 1982 in ihrem Klassiker „Sommer in der Stadt“. Sänger Günther Sigl hatte damals noch viele Mitstreiter. Wer ihm damals auf der Schönfeldwiese zwischen Monopteros und Haus der Kunst bereits nackt hätte begegnen können, ist Grafiker Rick (78).
Fast 50 Jahre sonnt sich der gebürtige Stuttgarter, der seit fast sechs Jahrzehnten in München lebt, schon nackt. Und er hat eine Veränderung hautnah miterlebt: „Es ist jetzt deutlich weniger“, sagt er und blickt über die Schönfeldwiese, wo nur noch zwei andere nackte Männer liegen. Früher habe einer neben dem anderen gelegen.
Warum das heute nicht mehr so ist, erklärt sich einfach durch veränderte FKK-Zonen. „Früher reichte die Nacktbadezone an der Schönfeldwiese bis zum Bach. Jetzt hört sie schon beim Weg auf“, sagt Rick. „Das heißt, man muss sich eine Badehose anziehen, um sich im Wasser treiben zu lassen. Dadurch kommt niemand mehr nackt raus und steigt in die Tram.“
Mit 20 Jahren war Rick noch dagegen – dann zog er sich aus
Am Flaucher sei in Sachen Freikörperkultur, wofür FKK steht, noch mehr los, erzählt Rick. Aber auch dort sind es eher Ältere. „Vielleicht ein neues Schamgefühl“, mutmaßt er. Er selbst habe als Jugendlicher ebenfalls große Hemmungen gehabt. Bis etwa 20 sei er „ganz dagegen“ gewesen. Mit 21 änderte sich das. „Dann hab ich gedacht: Ach, das schaut eigentlich besser aus, wenn ich überall braun werde.“
Die Freikörperkultur etablierte sich im Englischen Garten in den späten 1960er- und den 1970er-Jahren (siehe Text unten). „Sie war Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels und eines neuen Freiheitsgefühls“, schreibt die bayerische Schlösser- und Seenverwaltung. „Zu Beginn stieß das Nacktbaden auf weniger Toleranz und löste öffentliche Debatten aus. Im Jahr 1982 legte die Stadt München schließlich acht sogenannte Toleranzzonen fest.“ Heute, antwortet die Schlösser- und Seenverwaltung auf Anfrage, werde die Freikörperkultur von den meisten Parkbesuchern weitgehend akzeptiert.
Auch wenn die Freikörperkultur heute eine geringere Rolle spielt, finden in vielen Reiseführern die „Nackerten“ im Englischen Garten weiterhin besondere Erwähnung. Allerdings könnte das ein Grund dafür sein, dass viele sich nicht mehr ausziehen. Wer will schon wie im Zoo angestarrt werden und dann als Post bei Instagram erscheinen?
Auch Christian (47) will sich nicht fotografieren lassen. Der Immobilienmakler lief mit etwa 17 Jahren durch den Englischen Garten, sah die Nackerten und legte sich kurzerhand dazu. Für ihn ist FKK hauptsächlich ein Gefühl von Freiheit: „Ohne Zwang und ohne, dass man sich allen möglichen Regeln unterordnen muss.“ Unangenehme Erfahrungen habe er in 30 Jahren kaum gemacht.
Im Gegensatz zu Rick, der einmal von zwei Männern aufgefordert wurde, sich anzuziehen. „Sie behaupteten, ich würde ihre Bekannte belästigen. Ich habe ihnen geantwortet: Das kann gar nicht sein, ich bin homosexuell.“
Einmal sei auch während Corona eine schwer bewaffnete Polizei-Einheit aus einem anderen Bundesland auf ihn zugestürmt und habe ihn aufgefordert, sich anzuziehen. „Ich hab ihnen dann erklärt, dass Nacktheit hier erlaubt sei, woraufhin sie sich entschuldigten und abzogen.“
Am Flaucher sitzt Monika. Die 63-Jährige macht seit rund 30 Jahren FKK. Monika würde sich allerdings nicht alleine irgendwo abseits hinlegen. Zu unangenehm seien manche Blicke und Situationen. Dennoch: Sie empfindet das Nacktsein als befreiend. „Die jüngere Generation zieht sich kaum noch aus“, beobachtet sie. Am Flaucher kennt man sich seit Jahren, grüßt sich, unterhält sich – nur der Nachwuchs ist rar geworden.