Kräuter-Expertin Christine Huber in ihrer „Kräuteria“. © Marcus Schlaf
Heilkraft pur: Currykraut (von links), Lorbeer, Schafgarbe, Salbei, Johanniskraut, Goldrute. © Marcus Schlaf
Inmitten von „Wilder Möhre“: Kräuterexpertin Christine Huber in Puchheim. Im runden Bild werden gerade Salbei und Fichtenharz geräuchert. © Marcus Schlaf
Puchheim – Salbei und Fichtenharz glimmen im Tiegel, eine kleine Rauchfahne steigt auf. Der Wohlgeruch erfüllt den Raum. „Wenn man Fisch gebraten hat in der Küche, kann man mit diesen Kräutern den üblen Dunst vertreiben.“ Heilkräuter mal ganz praktisch. Christine Huber (52) hat viele Heilpflanzen in ihrer „Kräuteria“ in Puchheim (Kreis Fürstenfeldbruck) vorrätig. In großen Dosen füllen sie eine ganze Wand. Die Landwirtschaftsmeisterin führt nicht nur mit ihrem Mann Georg den 120 Hektar-Bio-Ackerbaubetrieb mit Pferdepension und Rotwildhaltung. Christine Huber ist auch Kräuterpädagogin. Wobei: Moderne Kräuterhexe, dieser Ausdruck passt viel besser zu ihr. Sie akzeptiert ihn lachend.
Lebensfreude pur und enge Naturverbundenheit strahlt die Mutter von drei erwachsenen Kindern aus. Als der Sohn und die Töchter größer wurden, suchte sie eine neue Aufgabe. Eine Freundin überzeugte sie, sich zur Kräuterpädagogin ausbilden zu lassen. „Da hat mich der Kräutervirus erwischt“, berichtet sie. Christine Huber geht mit ihren Kursteilnehmern auf Kräuterspaziergänge und lenkt den Blick auf Löwenzahn, Brennnessel, Schafgarbe, Johanniskraut oder Holunder. Sie zeigt ihnen, dass es unzählige Pflanzen gibt, deren kostbare Inhaltsstoffe Körper und Geist guttun.
Das ist keineswegs nur altes Brauchtum, sondern moderne Lebenshilfe. Man kann Kräuter essen, eine Tinktur aus ihnen machen oder ein ätherisches Öl. Johanniskraut ist „unser pflanzliches Antidepressivum“, betont sie. Aber Vorsicht, es ist relativ stark. Zudem muss man Wechselwirkungen beachten, warnt die Kräuterhexe. Durch Johanniskraut wird man extrem sonnenempfindlich. „Das Kraut öffnet uns tatsächlich fürs Licht“, erklärt die 52-Jährige. Was für die Seele gilt, betrifft auch die Haut.
Christine Huber schwärmt regelrecht für Kräuter. Die Schafgarbe ist ein Superkraut. „Schafgarbe im Leib, tut wohl jedem Weib“, zitiert sie die Universalgelehrte Hildegard von Bingen (1098–1178). Also: Schafgarbe mit ihren Bitterstoffen wirkt gegen Krämpfe, Magenverstimmungen. Schafe wüssten genau, was sie fressen müssen, wenn es ihnen nicht gut geht. Daher der Name: „Garbe kommt vom althochdeutschen Wort Garwe, heilen“, weiß die Bäuerin. Eine absolute Powerpflanze ist für Christine Huber die Brennnessel: „Jeder kennt sie und keiner nimmt sie“, bedauert sie. Die Brennnessel habe unglaublich viel Vitamin C, Eisen und Chlorophyll, ist extrem blutreinigend und entwässernd. In der Küche ist sie eine Delikatesse, als Gemüse statt Spinat. Ihre Fleischpflanzerl aus Wildfleisch wälzt sie vor dem Braten in Brennnessel-Samen: Chrunchy und gesund, wie eine Sesampanade.
Sollten jetzt alle raus ins Grüne und Kräuter sammeln? „Ich möchte gar nicht, dass die Leute jetzt überall an den Wegesrändern oder auf den Wiesen nach Heilpflanzen suchen“, macht die Bäuerin klar. Sie will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass so viel in der Natur vorrätig ist, was in Vergessenheit geraten ist. „Wenn jemand Wasser in den Beinen hat, muss er nicht gleich schwere Medikamente nehmen“, sagt sie. „Man kann auch erst einmal probieren, einen Brennnesseltee zu trinken“, schlägt sie vor.
Erste Anlaufstelle sollte eine Apotheke sein. Dort habe man alle möglichen Heilpflanzen vorrätig. Gereinigt und getrocknet, als Tee, Tinktur oder Salbe. Aber einiges kann man sich auch selber besorgen. Um den Stoffwechsel im Frühjahr auf Trab zu bringen, empfiehlt die Kräuterpädagogin eine Löwenzahn-Kur: Zehn Tage lang Löwenzahnstengel futtern wie ein Hase. Erst einen, am nächsten Tag zwei. Bis fünf. Dann wieder rückwärts. „Eine Bitterstoffkur, die nichts kostet, außer einmal bücken.“
Je mehr sich die Landwirtschaftsmeisterin mit Kräutern befasst hat, desto tiefer stieg sie in die Zusammenhänge von Körper, Geist und Natur ein. Christine Huber ist Atemtherapeutin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Ernährungsberaterin, leitet Fastenkurse. Ehrenamtlich ist sie auch Hospizbegleiterin. Und auch dort fließt ihr Kräuterwissen ein. Auf den Fluren sorgen Räuchermischungen für frischen Zitrusduft. In den Zimmern können andere Heilpflanzen zum Einsatz kommen. „Rosmarin erleichtert das Loslassen“, weiß sie. Doch der Gast entscheidet.
Die Kräuteria auf dem Kreuthof, der in achter Generation in der Familie ist, trägt heute deutlich zum Familieneinkommen bei. In diesem Jahr gibt es wegen der Trockenheit bei Soja einen herben Verlust. „Aber ich mache hier Gewinn“, sagt Christine Huber. Und sie ist froh, dass sie ihre eigene Herrin ist. Gut, dass es die Kräuter gibt.CLAUDIA MÖLLERS