Peter Pöggeler ist abschlagsfrei in Rente gegangen, allerdings erst mit 64 Jahren und sechs Monaten. Er findet es völlig gerechtfertigt nach 49 Berufsjahren. © Marcus Schlaf
München – Peter Pöggeler ist noch vom alten Schlag. Sein ganzes Leben hat er bei der Deutschen Post gearbeitet. 1977 begann er am alten Paketpostamt an der Münchner Hackerbrücke eine Lehre als Elektromechaniker. Seit Anfang Mai ist er im Ruhestand – nach 49 Jahren Berufsleben. Pöggeler, der mit seiner Frau im Stadtviertel Sendling-Westpark lebt, konnte abschlagsfrei gehen, gemäß dem Modell Rente mit 63. Bei ihm sind es 64 Jahre und sechs Monate, weil eine abschlagsfreie Rente genau mit 63 nur bis zum Jahrgang 1952 möglich war (siehe Artikel unten). „Die Rente mit 63 gibt es so gesehen gar nicht mehr“, sagt Pöggeler.
Der 64-Jährige hat in einem Drei-Schicht-System gearbeitet. Früh, Nachmittag, Nacht. „Und das ohne Feiertage und Wochenende. Sieben Tage die Woche“, erzählt er. „Irgendwann hat man die Schnauze voll“, sagt er und lacht. Pöggeler hatte vor etwa einem Jahrzehnt einen leichten Schlaganfall. Auch einen Herzinfarkt hat er hinter sich. Eine Folge des Schichtdienstes, ist er überzeugt. „Nach sieben Wochen war ich wieder in der Arbeit.“
Der 64-Jährige hätte sogar noch zwei Jahre länger gearbeitet. „Wenn die Post mir ein Arbeitsmodell im Tagesdienst ermöglicht hätte, hätte ich mir das überlegt. Aber das wollten sie gar nicht. Wer nicht schichtdiensttauglich ist, wird nicht mehr mitgetragen.“
2540 Euro Rente brutto bekommt Pöggeler. Rund 65 Rentenpunkte habe er gesammelt. „Das ist viel – und dann bekommt man so ein bisschen Rente. Größere Sprünge kann man damit in München nicht machen.“ Immerhin bekommt er noch 483 Euro Betriebsrente.
Dass der Bund jetzt die Rente mit 63 abschaffen will, findet er falsch – und es hat für ihn einen Grund: Fachkräftemangel. „Die Arbeitgeber sitzen dem Staat im Nacken“, sagt er. Die Firmen hätten es versäumt, Nachwuchs heranzuziehen. „Große Firmen bieten fast keine Lehrstellen an.“ Die Renten seien so niedrig, dass es sich ohnehin kaum jemand leisten könne, früher zu gehen. „Wenn ich in München 1500 Euro Miete zahle und 2500 Euro Bruttorente bekomme: Was bleibt da noch zum Leben?“ Das Rentensystem sei einst gut gedacht gewesen. Von rund 60 Prozent Renteniveau im Jahr 1977 sei man auf nur noch 48 Prozent. „Ohne meine Betriebsrente käme ich auf dem Zahnfleisch daher.“
Anstatt über die Rente mit 63 zu debattieren, wünscht sich Peter Pöggeler eine Komplettreform. Sein Modell: die Arbeitsjahre als zentrales Element, keine Rentenpunkte, kein offizielles Rentenalter. Wer mindestens 45 Jahre gearbeitet hat, bekommt 80 Prozent vom Durchschnittsverdienst. Wer weniger hat, entsprechend weniger. Legt man das durchschnittliche Bruttogehalt für Vollzeitbeschäftigte 2025 von 4505 Euro (Median) zugrunde, wären das 3600 Euro – bei 45plus Beitragsjahren. Für körperlich stark belastende Berufe könne die Grenze 43 Jahre sein, sagt Pöggeler. Auch Beamte und Selbstständige sollten einzahlen. „Wenn die Beamten nur noch 48 Prozent Pension bekämen, wäre das Geschrei groß.“WOLFGANG HAUSKRECHTUND LAURA BINNER