„Irgendwann reicht es“

von Redaktion

Brigitte S. (75) hat auf zehn Prozent Rente verzichtet

Brigitte S. auf ihrem Balkon in Schwabing. Sie lebt in einer Genossenschaftswohnung, was ihr half, früher in den Ruhestand zu gehen. © Martin Hangen

München – Brigitte S. (75) war Bezirkssozialarbeiterin bei der Stadt. Im Münchner Norden kümmerte sie sich um Jugendliche und auch Senioren, war Ansprechpartnerin für alle Probleme. Viele Lebensgeschichten prägten 35 Jahre lang ihr Berufsleben. Für eine Rente mit 63 reichten die Arbeitsjahre nicht, aber Brigitte S. entschied sich trotzdem dafür, früher in den Ruhestand zu gehen.

„Damals waren die Bedingungen noch besser als heute“, erzählt die 75-Jährige. Mit 57 wechselte sie in ein Altersteilzeitmodell. Sechs Jahre lang bekam sie nur 80 Prozent ihres Gehalts. Ihre Optionen: Sechs Jahre 50 Prozent arbeiten – oder drei Jahre voll und dann drei Jahre bezahlte Freistellung. Brigitte S. wählte letzteres Modell. Abschlagsfrei ging das aber nicht. Zehn Prozent weniger Rente bezieht sie heute, rund 1800 hat sie jeden Monat zur Verfügung.

„Ich wollte noch was von meinem Leben haben. Mehr Zeit für Freunde und für mich – und dafür auf Geld verzichten“, sagt sie. Ihre Entscheidung hat sie nie bereut. Möglich sei das aber nur gewesen, weil sie in einer günstigen Genossenschaftswohnung des Beamtenwohnungsvereins (BWV) in Schwabing lebt. Brigitte S. war zwar keine Beamtin, aber als Angestellte im öffentlichen Dienst bekam sie trotzdem eine Wohnung.

Brigitte S. ist komplett dagegen, die sogenannte Rente mit 63 abzuschaffen. Wer diese Rente in Anspruch nehme, habe viele Jahre gearbeitet – oft in einem weniger qualifizierten Beruf, weswegen er ohnehin weniger Rente bekomme. Im Gegenteil: Der Bund, sagt Brigitte S., sollte es noch mehr fördern, dass Menschen mit vielen Arbeitsjahren früher in Rente können. „Weil es irgendwann einfach reicht.“ Arbeit werde im Alter körperlich, aber auch psychisch belastender. Sie habe es selbst gemerkt. „Man ist abends ausgepowert, man hat keine Energie mehr.“ Es bringe auch nichts, wenn die Menschen immer häufiger krankgeschrieben seien, weil sie nicht mehr können.

Aber was tun, um die Rentenkasse zu entlasten? „Alle müssen einzahlen, auch die Beamten“, sagt Brigitte S. „So wie in Österreich – wo die Renten auch wesentlich höher sind.“ Das Rentenniveau sei in Deutschland viel zu niedrig. Gerade Frauen seien betroffen. Dann bräuchte auch kaum jemand noch Zuschüsse aus den Sozialkassen, ist sie überzeugt.WOLFGANG HAUSKRECHTUND LAURA BINNER

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