„Neurologische Dysfunktion ist keine Diagnose“

von Redaktion

Experten erklären, was der Begriff bedeutet – und warum von außen seriöse Aussagen zu Musiala nicht möglich sind

Köln – Was genau fehlt Jamal Musiala? Von „Absencen“ als Teil einer „neurologischen Dysfunktion“ ist die Rede. Neurologen wie Maria Ilyas-Feldmann, stellvertretende Chefärztin der Klinik für Neurologie am Uniklinikum Ruppin-Brandenburg, äußern sich aber sehr zurückhaltend. Man müsse abwarten. Seriöse Aussagen seien momentan von außen nicht möglich.

Der Begriff „Absence“ könne Unterschiedliches bedeuten, erklärt Maria Ilyas-Feldmann. Allgemein könnten damit kurze Aussetzer oder Phasen einer eingeschränkten Wahrnehmung oder Reaktionsfähigkeit gemeint sein. „Dahinter kann eine neurologische Ursache stehen, etwa ein epileptischer Anfall. Es kommen aber auch ganz andere Ursachen infrage, etwa eine Ohnmacht, Kreislaufprobleme oder Herzrhythmusstörungen. Welche Ursache bei Herrn Musiala konkret vorliegt, lässt sich anhand der öffentlich bekannten Informationen nicht beurteilen. Sollte ein epileptischer Anfall zugrunde liegen, kommt es vorübergehend zu einer veränderten elektrischen Aktivität von Nervenzellverbänden im Gehirn. Je nachdem, welche Hirnregionen beteiligt sind, kann sich dies beispielsweise als kurzer Aussetzer oder als Bewusstseinsstörung äußern.“

Leistungssport sei bei Epilepsie keineswegs ausgeschlossen (siehe Artikel rechts). Etwa zwei Drittel der Patienten könnten durch medikamentöse Behandlung anfallsfrei werden. Entscheidend sei das individuelle Risiko. Der Begriff „neurologische Dysfunktion“ sei sehr unspezifisch. „Ohne Kenntnis der medizinischen Befunde und der durchgeführten Diagnostik wäre jede weitere Einordnung Spekulation.“

Ähnlich äußerte sich ein Epileptologe aus Bayern gegenüber unserer Zeitung. Er will namentlich nicht genannt werden, weil ihm die Spekulationen um Musiala zu weit gehen. „Neurologische Dysfunktion ist ein völlig allgemeiner, nichtssagender Ausdruck“, erklärt er. „Das ist keine Diagnose.“ Neurologische Dysfunktion heiße, dass eine Funktion des neurologischen Systems, also Hirn und Nerven, nicht gut funktioniert. „Wenn Sie sich bei Grippe erschlagen fühlen und sich nicht konzentrieren können, haben Sie eine neurologische Dysfunktion.“ Auch Migräne, Epilepsie, Alzheimer und Schlaganfall fallen unter diesen Sammelbegriff. Bei Problemen mit Magen und Darm spreche man von gastrointestinaler Dysfunktion, so der Experte. Das könne Sodbrennen sein, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und vieles mehr. Sonnenbrand sei eine dermatologische Dysfunktion. Entzündungen und Juckreiz aber auch.

Eine Ferndiagnose lehnt der Experte als unseriös ab. „Seine Behandler wissen hoffentlich, was er hat.“ Nötig sei eine umfassende Anamnese: Alle Videos der Zusammenbrüche auswerten, Musiala befragen, wie er das erlebt hat, Laborwerte, ein Kopf-MRT, ein EEG. Es gebe durchaus Hoffnung, dass es am Ende gar nicht so schlimm ist.W. HAUSKRECHT & L. PRASCH

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