Baumstreit auf dem Prachtboulevard

von Redaktion

König Ludwig I. von Bayern nahm die Champs-Élysées in Paris als Vorbild. © imago

Vision für die Straße: weniger Autos, mehr Bäume. © MDP

Vision vor der Uni: ein schattiges Wäldchen. © MDP

Die Ludwigstraße heute: Kein Grün, viel Verkehr. © pa

Die Vision mit Blick von der Feldherrnhalle. © MDP

Die Lithografie von 1852 von Gustav Kraus zeigt die Ludwigstraße bei einer Inspektion des Bürgermilitärs durch Herzog Max in Bayern. Rundes Bild: Leo von Klenze. © BSB/Archiv

München – Droht die Verbuschung eines Prachtboulevards? Die Zerstörung eines Gesamtkunstwerks? Will man über den Umweg einer rigorosen Baupolitik den Bayern letzte monarchistische Allüren austreiben? Um die Münchner Ludwigstraße ist ein kunsthistorisch-architektonischer Streit entbrannt, der tief ins Selbstverständnis dieser Stadt eingreifen könnte. Anfang Mai entschied ein Preisgericht unter Vorsitz der Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, Andrea Gebhard, über einen Entwurf zur Neugestaltung der imposanten Münchner Nordachse. Vielleicht war es Zufall, vielleicht auch Absicht, dass ausgerechnet ein Pariser Architekturbüro gewann: MDP Michel Desvigne Paysagiste – das sind renommierte Landschaftsarchitekten.

Paris, das war die Metropole, die König Ludwig I., der Erschaffer des Ensembles an der Ludwigstraße, stets vor Augen hatte. Er stand „in Konkurrenz zu Napoleon I.“, urteilte der Historiker Andreas Kraus, und sah die Champs-Élysées „als Vorbild“ bei der Anlage der Ludwigstraße an. Leo von Klenze und sein Nachfolger Friedrich von Gärtner lieferten. München sollte nicht mehr vor sich „hindorfen“, so soll es Klenze gesagt haben. Und da haben wir nun unsere Prachtstraße, seit fast 200 Jahren.

Wird die nun zur Waldstraße? Grün dominiert jedenfalls bei MDP – und die Jury pries den Entwurf in höchsten Tönen für seine „klimaverantwortliche Gestaltung mit Begrünung und Entsiegelung“: Artenreiche „kulissenartig gesetzte Baumhaine“ werden „inselartige, schattige und überwiegend unversiegelte Aufenthaltsbereiche schaffen“, hieß es bei der Präsentation des Siegerentwurfs im Mai weiter.

Ein Beispiel ist der Platz vor der Universität: Durch zwei 1840/44 von Friedrich von Gärtner erschaffene Brunnen geprägt, wird er im Pariser Entwurf zu einer Art Wald. Die Brunnen sieht man kaum noch. Der bayerische Generalkonservator Mathias Pfeil, der Teil der Jury war, aber in der Abstimmung unterlag, nennt das im Gespräch mit unserer Zeitung eine „Provokation“.

Ganz anders die Architektin Andrea Gebhard. Sie schwärmte über eine neue „Raumaufteilung der Ludwigstraße“, die bisher „auf den Straßenverkehr und das Auto“ fokussiert sei. Statt bis zu sechs Fahrspuren soll es zwischen Brienner Straße und Oskar-von-Miller-Ring nur noch zwei geben, dazu Platz für den Busverkehr. Im Pariser Entwurf werde ein „Transitraum“ zum „Aufenthaltsraum“. Münchens Baureferentin Jeanne-Marie Ehbauer von den Grünen war mit dem Abstimmungsergebnis „sehr zufrieden“. Sie sieht „Entwicklungspotenziale“ für die Ludwigstraße.

Der Kunsthistoriker und Klenze-Kenner Adrian von Buttlar rechnete hingegen in dem Online-Architekturmagazin Marlowes und in der FAZ mit dem MDP-Entwurf ab. Er ziele „auf die Zerstörung der Denkmalcharakteristika“ dieses „Gesamtkunstwerks“. Die von Ludwig I. zweifellos als Demonstration seines absolutistischen Machtanspruchs geschaffene Herrschaftsachse werde durch Bauminseln vernichtet. Geht es hier um eine demokratische Aneignung eines ideologisch verdächtigen, weil von einem Monarchen geschaffenen Erbes? Das formuliert der Kunsthistoriker nur in Frageform.

Aber der Verdacht hängt im Diskursraum. Die Klimadebatte als Treiber der Stadtzerstörung? Der Münchner CSU-Politiker Ludwig Spaenle, als ehemaliger Minister eine gewichtige Stimme im teils konservativ geprägten Kulturbetrieb, schlägt in dieselbe Kerbe wie von Buttlar: Man könne nicht mit Basta-Politik Städtebau vollziehen, sagt er. Gewiss, der Autoverkehr nerve. Da müsse man „verkehrlich rückbauen“. Aber: „Genau an diesem Boulevard grünen Städtebau zu exekutieren, ist falsch.“ Spaenles Appell: „Stoppt dieses Projekt!“

Letztlich ist der Streit so alt wie die Straße selbst. Schon zu Lebzeiten Ludwigs hätten es die sparsamen Münchner Stadträte gerne eine Nummer kleiner gesehen, ohne die vielen Repräsentationsbauten mit den – Achtung Wortspiel – krönenden Abschlüssen durch Staatsbibliothek (1832–1842), Universität (1835–1846) und Siegestor (1850). Und hatte nicht schon der Erbauer des Englischen Gartens, Freiherr von Schkell, 1811 eine Allee für die Ludwigstraße vorgeschlagen?

Obwohl der Pariser Entwurf über 300 Bäume in der Ludwigstraße pflanzen wird, ist es zumindest politisch gesehen kein grünes Projekt, jedenfalls nicht nur. Die Initialzündung fiel schon 2021, als der grün-rote Stadtrat gegen die Stimmen der CSU einen Gestaltungswettbewerb mit Ideenteil beschloss. Anlass war der geplante Radschnellweg am Altstadtring, der eine Neuordnung der Verkehrsströme notwendig macht. Schon damals war die „klimaangepasste Gestaltung mit Entsiegelung und Begrünung inklusive Bäumen“ eines von mehreren Kriterien. Das klang unverdächtig. Wer hat schon was gegen Bäume? Nur zwei Jahre zuvor hatte sogar Ministerpräsident Markus Söder (CSU) einen umarmt.

Doch 2025 erging die Ausschreibung mit der expliziten Maßgabe, dass „aus einem ehemals reinen Repräsentationsort“ eine „Flanier- und Aufenthaltsfläche“ werden solle, wovon 2021 noch nicht die Rede war. Die Straße wurde sozusagen umdefiniert. Im Februar 2026, im Schatten der Kommunalwahl und noch in der Verantwortung von OB Dieter Reiter (SPD), der damals freilich andere Sorgen hatte, traf die Jury ihre Wahl. Noch ist Zeit. Frühestens 2032 soll der Umbau beginnen. Oder auch nicht.

Was halten Sie

von den Umbauplänen der Stadt für die Ludwigstraße? Schreiben Sie uns an lokales@merkurtz.de.

Artikel 3 von 3