50 Kühe unter weiblicher Führung

von Redaktion

Landwirtschaft modern: Die Daten ihrer Milchkühe hat Theresa Singer stets griffbereit auf dem Handy. © A. Mayr

Gespräch im Kuhstall: Theresa Singer zeigt unserer Redakteurin Claudia Möllers den Betrieb, den sie gerade erst übernommen hat. Im runden Bild leckt eine Kuh einen Salzstein mit Mineralien und Vitaminen als Nahrungsergänzung. © Andreas Mayr

„Hope“ und Theresa Singer: Die trächtige Braunvieh-Kuh liebt es, gekrault zu werden. © Andreas Mayr

Der Beruf ist auch ihre Leidenschaft: Theresa Singer wünschte sich zum Geburtstag mal eine Mistgabel. © Andreas Mayr

Hofheim – „Hope“ schmiegt sich an Theresa und lässt sich genüsslich kraulen. Die stattliche Braunvieh-Kuh ist hochträchtig. Im September bekommt sie ihr nächstes Kalb. Theresa Singer hat eine besondere Beziehung zu „Hope“, denn sie hat das Tier als Kalb zu Weihnachten bekommen. Jeder hat so seinen eigenen Wunschzettel.

Die 34-Jährige hatte schon früh ungewöhnliche Ideen. „Hab mir mal von meiner Tante eine Mistgabel gewünscht. Damit ich meine eigene habe“, sagt sie und lacht. Schon als Kind arbeitete sie im Stall mit. „Um hoibe fünfe nachmittags war Stallzeit. Da musst i dahoam sei. Des war zwar manchmal hart, aber so hab i glernt, Verantwortung zum übernehma“, sagt sie. Seit dem 1. Juli trägt die junge Frau die Verantwortung für den Milchviehbetrieb in Hofheim im Kreis Garmisch-Partenkirchen oberhalb des Riegsees. Beim Notar wurde besiegelt, dass sie nun die Betriebsleiterin des 40-Hektar-Grünlandbetriebs mit 50 Milchkühen ist. Damit gehört Singer zu einer Minderheit in der bayerischen Landwirtschaft: Nur neun Prozent der Bauernhöfe werden von einer Frau geleitet.

Die Landwirtschaftsmeisterin ist eine echte Powerfrau. Selbstbewusst, voller Ideen und pragmatisch. Zugleich erfüllt von einer tiefen Zuneigung zu den Tieren auf ihrem Hof. „I bin a Kuh-Mensch“, sagt sie mit einem breiten Grinsen. Die Kühe im Laufstall werden getätschelt, auch die Kälber bekommen ihre Streicheleinheiten. Aber sentimental ist sie nicht. Sie sei Landwirtin und Unternehmerin. „Ich kann nicht alle totstreicheln.“ Theresa redet Klartext. Da wird auch kritisch geschaut: Ist das Tier das Futter wert oder nicht?

Die 34-Jährige wohnt mit ihrem Freund auf dem Hof der Eltern. Mutter Christine ist bayerische Landesbäuerin und Europaabgeordnete der Freien Wähler, Vater Gottfried (67) hilft weiter mit auf dem Hof. Vor allem das technische Know-how des gelernten Drehers ist gefragt. Theresas zwei Jahre älterer Bruder Johannes wollte den Hof nicht übernehmen, er hat Biotechnologie studiert.

Die Entscheidung, dass Theresa den Hof übernehmen will, fiel, als sie 14 war. Sie hatte in einen Bürojob hineingeschnuppert und beim Onkel mitgearbeitet, der Schreiner ist. Dann machte sie Praktika auf zwei Bauernhöfen und wusste: „I dad Bäurin lerna.“ Damals wurde auch entschieden, den luftigen Laufstall im Außenbereich zu bauen. Mit Melkroboter, der nun schon 17 Jahre seinen Dienst tut. Nächstes Jahr soll ein neuer Roboter her. Kosten für den „Blechknecht“, wie ihn Theresa nennt: 150.000 Euro. Das muss die Betriebsleiterin noch lernen: mit Schulden zu leben.

Die Frau mit dem blonden Pferdeschwanz ist ehrgeizig und will alles selbst machen. Sie hat einen Schweißerkurs belegt und einen Maschinenlehrgang. Auch in Klauenpflege ist sie fit. Sie kann sogar Kühe künstlich besamen. Auch mit dem 140-PS-Bulldog kommt sie klar. Wenn die Silage abgedeckt werden muss, schleppt sie dutzende 14-Kilo-Sandsäcke auf die Plane. Landwirtin ist nichts für zimperliche Frauen. Respekt hat sie vor der Forstarbeit – und keine falsche Scheu, sich Hilfe zu holen. Frauen, sagt sie, seien oft kreativer und wüssten sich zu helfen.

Immer noch begegnet sie Vorurteilen. Manche ältere Männer würden glauben, eine Frau habe das nicht im Griff. Theresa zeigt es ihnen dann schon. „Man muss kontern können“, sagt sie. Schlagfertigkeit musste sie lernen, heute hat sie das drauf. „Den Tieren ist’s wurscht, wie du ausschaust. Ob du Männlein oder Weiblein bist“, sagt sie und lacht. Die merken nur, ob man es gut mit ihnen meint.

Mit dem Gendern hat es Theresa nicht so. Im Gegenteil: Sie ist Ortsobmann („nicht Ortsbäuerin!“) des Bauernverbands, legt Wert auf die männliche Bezeichnung. Auch kommunalpolitisch ist sie aktiv, sitzt im Gemeinderat. Die Diskussion, wann es eine bayerische Bauernpräsidentin gibt, nervt sie fast. „Das sollte vom Können abhängen“, sagt sie. Dass Frauen anpacken können, beweist Theresa Singer Tag für Tag.

Artikel 4 von 4