Hafenstadt der Zukunft: „Oxagon“ ist Teil des Projekts „Neom“, das auf nachhaltige Technologien setzt. © G. Images
Energiefresser: Hier wird das Wasser aufbereitet, das über 170 Kilometer weit in das „New Delta“ gepumpt wird. © dpa
Lebensader: Nur entlang des Nils ist der Boden fruchtbar. Aber das sind nur rund vier Prozent der Landesfläche. © Pa
Künstliche Felder in der Wüste: So sehen die Flächen aus, die über Kreisberegnung zu Ackerland werden. © Picture Alliance
Aus Braun soll Grün werden: Der Großteil Ägyptens besteht aus Wüste. Das Land versucht, Teile davon fruchtbar zu machen. Unten: Präsident Abdel Fatah al-Sisi bei der Einweihung des Projekts „New Delta“ Mitte Mai. © dpa/imago
Kairo – Tief in der Wüste sind riesige grüne Kreise. Auf den Satellitenfotos ist zu sehen, was Ägypten versucht: kahle Wüste in fruchtbares Land zu verwandeln. Über sogenannte Kreisberegnung entstehen die Anbauflächen, die aus der Luft aussehen wie runde Aufkleber. Im Mai wurde das „New Delta“ eingeweiht – und Ägyptens Regierung feiert es als eines der größten Landwirtschaftsprojekte der Welt. Weizen, Mais, Gemüse und Exportpflanzen wie Oliven und Feigen sollen hier wachsen. Auf einer Fläche, die zehnmal so groß ist wie die Berlins. Das 15-Milliarden-Dollar-Projekt soll die Agrarfläche des Landes um 15 Prozent erweitern. In einer Gegend, in der es eigentlich kein Wasser und keinerlei Infrastruktur gibt.
Wüsten-Träume seit Jahrzehnten
Schon immer träumten Ägyptens Herrscher davon, soziale und wirtschaftliche Probleme durch eine Entwicklung der Wüste zu lösen. Denn nur etwa vier Prozent des Landes sind landwirtschaftlich nutzbar. Und die Wüste auf beiden Seiten des Nils, bietet viel Raum für Fantasien: grenzenloses Wachstum mit Agrarflächen, Städte, Autobahnen, Fabriken, Tourismus. Die Wüste als Hoffnungsträger.
Auch in der Golfregion gab und gibt es gigantische Bau- und Agrarprojekte. Viele scheiterten als Geisterstädte, die buchstäblich versandeten, und als Agrarflächen, die weit hinter erklärten Zielen zurückblieben. Die politischen Ambitionen überstiegen oft das, was technisch machbar ist.
Finanziell sind die Projekte aus Sicht vieler Ökonomen eine Katastrophe. Ägypten steckt in einer schweren Wirtschaftskrise. Die Bereitschaft der reichen Golfstaaten für Investitionen in Ägypten sinkt, die Auslandsverschuldung liegt bei rund 165 Milliarden US-Dollar. Aber Kairo gelingt es, mehr und mehr Kredite aufzunehmen. So gibt es immer neue Anläufe für gigantische Wüsten-Projekte.
Problem 1: Die Bevölkerung wächst
Im Jahr 2050 könnte Ägypten 160 Millionen Einwohner haben. Weil der Platz entlang des Nils und im Nildelta, wo der Boden fruchtbar ist, knapp wird, muss expandiert werden. So zumindest argumentieren die Regierungen seit Jahrzehnten. Es entstanden auf Wüstengebiet Planstädte wie Nasr City, 6th of October, Sheikh Zayed und New Cairo, die heute vom Großraum Kairo mit mehr als 20 Millionen Einwohnern verschluckt werden. Der Wohnraum hier ist für die meisten ägyptischen Familien unbezahlbar. Viele der neu gebauten Städte sind nahezu unbewohnt.
Auch die neue Verwaltungshauptstadt NAC (New Administrative Capital) mit geschätzten Kosten von 58 Milliarden US-Dollar soll das überfüllte Kairo entlasten. Statt der angepeilten sechs Millionen zogen bisher aber nur einige zehntausend Menschen dorthin. Kritische Stimmen sehen in NAC einen Versuch, Ägyptens Machtapparat räumlich vom Rest der Bevölkerung zu trennen.
Problem 2: Zu wenig Lebensmittel
Um die schnell wachsende Bevölkerung zu ernähren, ist Ägypten stark auf Importe angewiesen. Das Land ist beim Grundnahrungsmittel Weizen der größte Importeur weltweit, auch Mais und Soja werden importiert als Futter für die Geflügel- und Viehwirtschaft. Mit dem „New Delta“ oder auch dem großen Projekt Tuschka im Süden will Ägypten Importausfällen vorbeugen, etwa durch Kriege wie in der Ukraine oder an der Straße von Hormus.
Die Entwicklung der neuen Gebiete sei „eine Frage von Leben und Tod“, sagt der Leiter des Wüsten-Forschungszentrums (DRC) in Kairo, Hussam Schauki. „Selbst, wenn man nur das Minimum an Lebensmitteln für diese Bevölkerung sichern wolle, müsse man horizontal expandieren“, sagt er. Das DRC führt Studien zur Beschaffenheit von Wüstenboden durch, um zu testen, ob dieser etwa in landwirtschaftliche Fläche verwandelt werden kann.
Problem 3: Es gibt zu wenig Wasser
Saudi-Arabien ließ schon in den 1980ern in der Wüste Weizen anbauen. Riad stoppte das Programm 2008, weil nicht erneuerbares Grundwasser übernutzt wurde – ein Risiko, das auch „New Delta“ droht. Wasser ist das Kernproblem in Wüstenregionen. Metropolen wie Dubai oder Riad wären unbewohnbar ohne hunderte Anlagen, die Meerwasser unter hohem Energieverbrauch entsalzen und in Trinkwasser verwandeln. Für das „New Delta“ pumpt Ägypten Abwasser aus der Landwirtschaft über 170 Kilometer zur weltgrößten Anlage ihrer Art. Sie kann 7,5 Millionen Kubikmeter Wasser täglich aufbereiten – 3000 olympische Schwimmbecken sind das jeden Tag. Teils ist die Rede von einem „neuen Nil“.
Aber viele Fragen bleiben. Werden die Nil-Arme und die Grundwasser-Reservoirs, die für „New Delta“ auch angezapft werden, überstrapaziert? Versalzen die in der Wüste unverzichtbaren Düngemittel den Boden? Steht der enorme Energieverbrauch wirklich für den Nutzen, oder wäre es nicht viel effizienter, alte Agrargebiete zu modernisieren? Skeptiker wie der in Kairo lebende Wirtschaftswissenschaftler und Stadtplaner David Sims nennen die Wüste ein gefährliches Trugbild für Entwickler. Eine „Fata Morgana im Traum von der Moderne“.