Söders Schützenhilfe in Sachsen-Anhalt

von Redaktion

Es geht um mehr als nur die Wurst: Markus Söder bekommt in Wernigerode Essbares geschenkt. Sven Schulze (li.) freut‘s. Unten unsere Reporterin Leonie Hudelmaier. © Bein/dpa

Wernigerode – Plötzlich ertönt die Musik aus den Lautsprechern. Das Publikum springt auf und klatscht wie automatisch im Takt. Zu den Tönen des Bayerischen Defiliermarsches bahnt sich Markus Söder seinen Weg zur Bühne. Er schüttelt Hände, winkt und lächelt. Für ihn gibt es an diesem Montagabend weiß-gelbe Blumen, Kuchen in Brezn-Form und Kräuterlikör als Gastgeschenke. Ein Eintrag in das Goldene Buch und nochmal Alkohol. Ein Wohlfühltermin mit betont bayerischer Note. Es ist fast wie daheim in Bayern, würden in dem Besprechungsraum nicht die aufgebrühten Weißwürste in einem Gemüsesud liegen, um 18 Uhr.

Bei dem ganzen Bayern-Bohei könnte man vergessen, dass es eigentlich gar nicht um Markus Söder geht. Denn mit dem bayerischen Ministerpräsidenten ist auch ein Amtskollege in den prunkvollen Veranstaltungssaal einmarschiert: Sven Schulze (CDU).

Söder ist gekommen, um den sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten im Wahlkampf zu unterstützen, und das macht diesen Abend in der 32.000-Einwohner-Stadt Wernigerode, nördlich des Harzgebirges, dann doch nicht zu einem Rundum-Sorglos-Termin.

Die öffentliche Aufmerksamkeit liegt schon seit Wochen auf Sachsen-Anhalt – auch international. Aber vor allem aus Sorge wegen der Wahlumfragen, die für die Union alles andere als gut aussehen. Mit 41, teils sogar 43 Prozent könnte die dort als gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD die Landtagswahl gewinnen – vielleicht sogar mit einer absoluten Mehrheit. Ihren Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund erklärte der „Spiegel“ auf seinem Cover zum gefährlichsten Mann Deutschlands.

Und die CDU? Die ringt um Sichtbarkeit. Ihr Spitzenkandidat Schulze hat Anfang des Jahres den Posten von CDU-Urgestein Reiner Haseloff, 72, übernommen. Ein Amtsbonus für die Schicksalswahl. Schulze, 47, ist damit jüngster Ministerpräsident in Deutschland und will das auch bleiben. Er gibt sich bodenständig, ist Familienvater von drei Kindern, studierter Diplom-Wirtschaftsingenieur, war neun Jahre Europaabgeordneter und fünf Jahre Minister für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten.

Die AfD nennt Schulze an diesem Abend nicht beim Namen. Er spricht über „die anderen“ oder „unseren Hauptwettbewerber“. Am 6. September hätten die Bürger die Wahl, zu entscheiden, ob das Bundesland „zukünftig regiert wird von einer Frau aus der Schweiz und einer anderen Frau aus dem Saarland, die eigentlich nichts anderes wollen, als unsere schöne Heimat Sachsen-Anhalt zu nutzen, um in Berlin Einfluss zu bedienen“, erklärt Schulze ruhig, unaufgeregt. Ein zarter Seitenhieb gegen AfD-Vorsitzende Alice Weidel und BSW-Chefin Sahra Wagenknecht.

Es klingt wie eine bewusste Strategie, nicht auf „die anderen“ zu blicken. Doch es klingt auch so ganz anders als Markus Söder, der, während er für europäische Partner wirbt, am Rednerpult fast schon ruft: „Selbst die französischen Rechtsradikalen, selbst die italienischen Rechten: Alle lehnen die Zusammenarbeit mit der AfD ab.“ Weidels Pläne seien „das schlimmste wirtschaftliche Schredder-Programm“. Und in der bayerischen AfD, „da gibt es Leute, die sagen, die Erde ist eine Scheibe“, ätzt Söder und erntet Gelächter.

Söders Rat als Ministerpräsident: „Der Schwerpunkt muss auf Forschung und Entwicklung sein und nicht immer höheren Sozialausgaben“. Schulze weiß, er kann von Söder lernen. Bewusst provokativ lautet der Name der Veranstaltung: „Wirtschaft ist Chefsache! Wie viel Bayern kann Sachsen-Anhalt?“ Durchschnittsalter, Fachkräftemangel, Bürokratie, Sorge um die Arbeitsplätze – alles Herausforderungen. „Wir hören gerne zu“, sagt Schulze. „Wir müssen das Fahrrad nicht zweimal erfinden.“ Trotz aller Bescheidenheit schwingt immer auch kämpferischer Eigenwille mit. Der Tenor in den Reihen: „Wir müssen uns nicht kleiner machen, als wir sind.“

Tatsächlich, Wernigerode steht ganz gut da. Jährlich zählt die beschauliche Stadt mit ihren bunten Fachwerkhäusern rund 1,2 Millionen Übernachtungen. Und mit einer Arbeitslosenquote von etwa sechs Prozent liegt der Landkreis Harz deutlich unter dem Landesdurchschnitt von rund acht Prozent. Immer mehr Unternehmen siedeln sich im Landkreis an. Vergangenes Jahr eröffnete Daimler Trucks ein Logistikzentrum im Industriepark Ost in Halberstadt.

Doch auf dem Weg dorthin fährt man auch durch Orte, wo der Regionalzug aus Halle nur alle zwei Stunden hält und das schwarz-weiße Ortsschild an einem Gebäude ohne Fensterglas und mit Pressspanplatten statt Türen hängt. Für junge Menschen ist eine Perspektive schwer. Innerhalb von zehn Jahren ist die Jugendarbeitslosigkeit in Sachsen-Anhalt um zwölf Prozent auf 8,8 Prozent im Mai 2026 gestiegen. Rund 80 Prozent davon haben keinen anerkannten Berufsabschluss.

Philipp Meyer, 18, macht gerade eine Berufsausbildung und will in Sachsen-Anhalt bleiben. Er und seine Freunde, mit denen er zur CDU-Veranstaltung gekommen ist, sind besorgt. Jeder kennt eigentlich jemanden, der die AfD wählen will. „Ich glaube, es steht viel auf dem Spiel“, sagt Meyer mit Blick auf die AfD. „Wenn man guckt, was die wollen, das ist ein ganz anderes Land – und das will ich nicht.“

Horst Höppner glaubt nicht, dass die AfD die absolute Mehrheit bekommt. „Das ist mein persönlicher Wunsch, dass es nicht der Fall sein wird“, sagt der Rentner, der immer noch selbstständig arbeitet. Für ihn braucht es vor allem Tempo bei den Genehmigungsverfahren und beim Bürokratieabbau. Angela Menshausen schätzt vor allem Schulzes wirtschaftliche Expertise. Aber: „Er ist halt kein Menschenfänger. Er ist halt nicht der Charismatiker.“

Wohlwissend hat Schulze sich Schützenhilfe geholt. Söder zuerst. Ihn dürfte es freuen, dass erst nächste Woche der Amtskollege aus NRW, Hendrik Wüst, anreist. Auf Berliner Wahlkampfhilfe verzichtete man lieber. Kanzler Friedrich Merz darf lediglich zum Abschluss nach Magdeburg kommen. Dann, wenn viele Wähler ohnehin schon ihre Entscheidung getroffen haben.

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