So funktioniert die digitale Welt der Betrüger

von Redaktion

Klagt Täter an: Oberstaatsanwalt Nino Goldbeck. © pa

Oft sitzen die Banden im fernen Ausland: Hier hat die Polizei eine Betrugszentrale an der Grenze zwischen Thailand und Kambodscha ausgehoben. © The Asahi Shimbun/Getty Images

Nach einer Razzia in Indonesien sitzen chinesische Staatsbürger am Boden. Sie gehörten einem internationalen Betrugsring an, der auch in Indonesien aktiv war. Der Hinweis kam vom chinesischen Sicherheitsministerium. © Andaru/Picture Alliance

München – Alles beginnt im Sommer 2024. Eine Frau meldet sich über den Nachrichtendienst Telegram bei dem Mann aus Bayern. Sie sei Modedesignerin, sagt sie, leite mit ihrem Onkel eine Bekleidungsfirma und arbeite als Agentin für ein bekanntes Mode-Label.

Der sympathische Austausch verlagert sich auf WhatsApp und wird immer freundschaftlicher: Nach kurzer Zeit chatten sie jeden Abend, teilweise zwei Stunden. Sie erzählt aus ihrem Alltag in der Modebranche, ihrem Studio in Berlin.

Eher beiläufig erwähnt sie lukrative Investitionen in Stablecoin-Transaktionen. Stablecoins sind eine Sonderform der Kryptowährungen. Ihr Wert ist fest an US-Dollar, Euro oder an Gold gebunden. Starke Kursschwankungen gibt es deshalb nicht. Auch ihr Onkel und ihre Tante hätten damit Erfolg. Sie zeigt ihm Überweisungsbelege mit Gewinnen im zweistelligen Prozentbereich, sagt, sie bestreite inzwischen den Großteil ihres Lebensunterhalts damit.

Der Mann lädt eine Krypto-App herunter, investiert 300 Euro, dann 5000, dann 10.000. Am Anfang weist die Trading-Plattform Gewinne aus. Er wird mutiger, setzt 100.000 Euro ein. Doch dieses Mal tun sich Hindernisse auf, als er den Gewinn abheben will: Ein angeblicher VIP-Status erfordert eine Nachzahlung. Dann soll Geld hinterlegt, ein spezieller Großbetrags-Transferkanal eingerichtet werden, deutlich mehr als 10.000 Euro sind es jedes Mal. „Jede weitere Zahlung wurde als notwendiger letzter Schritt zur Freigabe des bereits vorhandenen Guthabens dargestellt“, erzählt der Münchner Anwalt David Ritschel.

Täter geben sich sehr einfühlsam

Die vermeintliche Modeunternehmerin begleitet und bestärkt. Sie erklärt geduldig die immer neuen Anforderungen, verweist auf eigene Erfahrungen. Sie gibt sich empört über die Schwierigkeiten, bietet zur Überbrückung finanzielle Unterstützung an, übermittelt Screenshots angeblicher Kundenservice-Nachrichten.

Immer höhere Überweisungen tätigt der getäuschte Investor, über Kryptodienstleister, auch direkt auf Konten der Trading-Plattform. Immer in der Hoffnung, die stattlichen Beträge, die sich auf seinem Handelskonto als „Guthaben“ angesammelt haben, loszueisen. Am Ende verliert er beinahe 850.000 Euro.

Bei der Zentralstelle Cybercrime der Staatsanwaltschaft Bayern in Bamberg kennt man die perfide digitale Abzocke gut. „Pig Butchering“ (Schweineschlachtung) nennen Ermittler das weltweit verbreitete Betrugssystem (Artikel unten). Die Opfer werden angefüttert und dann systematisch ausgenommen, bis ihnen nichts mehr bleibt. Über Monate ziehen die Betrüger ihre Opfer in ein Netz aus Lügen und falschen Versprechungen. Dann verschwinden sie plötzlich. Das investierte Geld ist weg. Manch einer hat sich hoch verschuldet.

Allein für Bayern meldet die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft Cybercrime mehr als 1300 Geschädigte seit 2020. Oberstaatsanwalt Nino Goldbeck spricht von einer „Scamdemie“. Das Kofferwort aus dem englischen „Scam“ für Betrug und „Pandemie“ steht für die seuchenartig um sich greifende Online-Betrugsmasche. Die Dunkelziffer ist hoch, viele Opfer leiden nicht nur finanziell, sondern auch emotional.

Die Online-Anmache ist hochprofessionell. Fake-Profile werden sorgfältig gepflegt, um den seriösen Eindruck zu untermauern: Ziel ist nicht der schnelle Abschluss, sondern die Anmutung von Seriosität: „Durch regelmäßige Gespräche, scheinbar persönliche Einblicke, ein glaubwürdiges berufliches Umfeld und Hinweise auf wirtschaftlichen Erfolg“, sagt Anwalt Ritschel. Geschickt nutzen die Täter den Aufbau einer vermeintlichen Vertrauens- oder gar Liebesbeziehung.

„Informieren Sie sich genau über eine Trading-Plattform, bevor Sie sich anmelden oder Geld überweisen“, rät die Kriminalpolizei Worms. „Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen. Geben Sie keine vertraulichen Daten preis, erlauben Sie keiner fremden Person einen Remote-Zugang zu Computer oder Smartphone.“

Die Geschädigten, erklärt die Polizei, kämen aus allen Berufsgruppen, auch Unternehmer oder Finanzdienstleister seien darunter. Das macht es für die Betroffenen oft besonders verheerend – dass sie trotz ihrer Erfahrung hereingefallen sind auf eine monatelange Scharade. Dass sie haltlosen Versprechungen Glauben schenkten.

Es trifft keineswegs nur Wohlhabende

Die Opfer sind nicht immer reich. In den Fokus geraten häufig Durchschnittsverdiener. Oft älter als 45, etwas häufiger Männer als Frauen. Die Scammer suchen gezielt Menschen, bei denen sie berufliche Glaubwürdigkeit und emotionale Ansprechbarkeit vermuten. Statt plump anzugeben, arbeiten sie subtil, deuten dezent an, dass die Geschäfte gut laufen, schicken Fotos teurer Locations und exklusiver Events. „Die Täter fallen nicht mit der Tür ins Haus“, sagt Oberstaatsanwalt Goldbeck. Sie seien kommunikativ geschult, passten ihre Geschichte präzise ans Opfer an.

Einsame Menschen, die Dating-Plattformen nutzen, gelten als anfälliger. Die Anonymität des digitalen Raumes hilft den Betrügern, Kryptowährungen erlauben die schnelle, grenzüberschreitende Übermittlung von Geld. Und die Betrüger expandieren: „Wir sehen vermehrt Anlagebetrug über WhatsApp-Gruppen, in denen Anlagetipps geteilt werden“, so Goldbeck. Bis auf die Opfer sind die meisten Teilnehmer KI-generiert. Immer häufiger werden auch kleine Nebenverdienste angeboten. Die Masche: Wer weiterkommen will, muss vorher investieren.

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