Bandenchef Chen Zhi wurde im Januar 2026 in Kambodscha verhaftet und an China ausgeliefert. Die Todesstrafe ist nicht ausgeschlossen. © Chinesische Regierung
München – „Pig Butchering“, also das systematische Ausnehmen von Opfern in der digitalen Welt (siehe Artikel oben) ist meist nicht das Werk von Einzeltätern, sondern von professionell organisierten und internationalen Netzwerken. In sogenannten „Scam-Hubs“ (Betrugsfabriken) wurden in den vergangenen Jahren nach Schätzungen der UN allein in Südostasien mehrere 100.000 Menschen festgehalten und zur Arbeit gezwungen. „Diese Syndikate sind aufgebaut wie große Unternehmen, arbeitsteilig und hierarchisch“, sagt Oberstaatsanwalt Nino Goldbeck von der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg.
Regionaler Schwerpunkt sind die Länder Kambodscha, Myanmar und Laos. Menschen aller Nationalitäten werden mit vermeintlich lukrativen Jobs angelockt und finden sich teilweise in Zwangsarbeit wieder, ohne Papiere, oft mit Gewalt zum Bleiben gezwungen. Das Auswärtige Amt warnt speziell für Kambodscha und Thailand vor Liebesbetrügern, Krypto-Investmentbetrug, falschen Trading-Plattformen und Zwangsarbeit.
Für die Täternetzwerke ist die perfide Masche offenbar extrem lukrativ. Das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung schätzt die globalen Einnahmen der Scam-Center inzwischen auf rund 40 Milliarden Dollar pro Jahr. Die erbeuteten Gelder werden dann in Geldwäsche-Kanäle überführt oder in Kryptowährungen umgetauscht, die weltweit verschickt werden können, ohne große Spuren zu hinterlassen. Täter, Kommunikationswege, Konten und Zahlungsdienstleister sind häufig über mehrere Staaten verteilt. Wegen der globalen Verstrickung sei eine internationale Zusammenarbeit bei der Strafverfolgung schwierig, sagt Goldbeck.
Viele Scam-Syndikate kommen aus China. Gut dokumentiert ist der Fall der „Prince Group“, eines in Kambodscha ansässigen Mischkonzerns aus Immobilien, Finanzdienstleistungen und Luftfahrt, gegründet vom chinesischen Casino-Unternehmer Chen Zhi. Im Oktober 2025 erhoben die USA Anklage gegen ihn. Die Rede war von Zwangsarbeitscamps, umgeben von hohen Mauern und Stacheldraht. Etwa 14,4 Milliarden US-Dollar wurden beschlagnahmt. Weil viele Opfer Chinesen sind, ist China zunehmend bestrebt, die Netzwerke zu zerschlagen. Goldberg: „Es hat sich auf internationaler Ebene in jüngerer Zeit einiges getan.“
Sorge bereitet den Ermittlern, dass Künstliche Intelligenz den Machenschaften zu enormer Effizienz verhilft: KI-gestützte Tools ermöglichen es, viele glaubwürdige Konversationen parallel zu führen. Sprachbarrieren, sagt Goldbeck, würden nahezu vollständig eliminiert. Ein technischer Wettlauf für die Ermittler. „Das ist oft eine Art Pingpong“, sagt Goldbeck.SABINE RÖSSING