Der Fußball ist zurück

von Redaktion

Nach der Kommerz-WM startet die Bundesliga – auch sie ist inzwischen ein großes Geschäft

Das Wachstum miterlebt: Rouven Kasper vom FC Bayern.

Für die Vereine sind die TV-Einnahmen essenziell. © dpa

Für die herausragende Stimmung der Fans ist die Bundesliga weltweit bekannt. Fan-Vertreter Dario Minden (li.) sagt: „Die Basis ist bei uns ehrlicher.“ © SVEN SIMON/PA

München – Die Schlagzeilen aus dem Fußball-Sommer lauteten: Donald Trump nimmt Einfluss auf die WM, die Fifa will Argentinien zum Titel tricksen, Gianni Infantino den Fußball verkaufen. Jegliche Freude wie die über ein paar wackere Außenseiter-Auftritte à la Kapverden auf der großen Bühne war verpufft. Fußball, lass uns in Ruhe!

Doch nun beginnt er wieder, der Fußball. Fernab von Amerika und außerhalb der Reichweite von Fifa-Präsident Gianni Infantino. Die Bundesliga, gegründet 1963 – eine Zuflucht nach den Wochen der Auswüchse? Dario Minden überlegt kurz. Der Begriff „Zuflucht“ erscheint ihm zu wuchtig. Minden ist Fan, engagiert im Board der Football Supporters Europe, in den Fankulturkommissionen von DFB und Bundesliga, ehrenamtlich tätig bei der Frankfurter Eintracht. Leute wie ihn bezeichnet man auch als kritische Fans. Dario Minden sagt: „Was Atmosphäre in den Stadien und Zugänglichkeit betrifft, liegen Welten zwischen dem Fußball in deutschen Profiligen und dem hochpolierten bei der WM oder in der Champions League.“ Ja, das könne man sagen: „Die Basis ist bei uns ehrlicher.“

Die Bundesliga wird auch 2026/27 wieder absehbar zur Erfolgsgeschichte werden – allen Begleitumständen des modernen Fußballs zum Trotz. Die Stadien werden voll sein, die Pay-TV-Pakete abonniert werden, obwohl den Fans bewusst ist: Sie sind Teil des Geschäftsbetriebs. „Auch der Profifußball hierzulande“, sagt Dario Minden, von Beruf Jurist, „ist eine Branche, in der mittelständische Unternehmen sich in einem Verdrängungswettbewerb behaupten müssen.“

Es geht um Wachstum. Immer schon seit Gründung der Bundesliga, aber spürbar verstärkt in den vergangenen exakt zwanzig Jahren. Die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland veränderte das Fußballerlebnis. Für das Turnier entstand eine neue Generation Stadien: Arenen ohne Leichtathletik-Bahn, mit steileren Rängen. Die Zuschauer rückten näher heran ans Spielfeld, erlebten den Fußball, der schneller, athletischer, technisch versierter wurde, auf intensivere Art. Einer, der diese Anfänge miterlebt hat, ist Rouven Kasper, heute Vorstand für Marketing und Vertrieb bei der FC Bayern München AG. Vor zwanzig Jahren war er aber noch Berufsanfänger – und bei einem anderen Club: dem FC Augsburg.

2006 war Kasper 24 Jahre alt und der FC Augsburg gerade in die 2. Bundesliga aufgestiegen. „Es gab dort fünf fest angestellte Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle; ich wurde der sechste“, erinnert er sich. Sein Büro teilte er sich mit dem Trainer der zweiten Mannschaft. Dessen Name: Thomas Tuchel, inzwischen ein Welttrainer. 2011 schaffte der FCA den Sprung in die Bundesliga, wo in der Anfangszeit weiterhin mit wenig Personal gearbeitet wurde und jeder ein bisschen von allem können musste.

Vor zwei Wochen stellten die Augsburger eine „Weiterentwicklung der Organisationsstruktur“ vor: Es gibt nun eine „Direktion Unternehmensentwicklung & Nachhaltigkeit“, „Medien & Kommunikation“, „Internationalisierung und Daten“, „Merchandising, Marketing & Vertrieb“, „Fans & Service“, „Finanzen/Controlling, Stadionbetrieb & Sicherheit“. Ein Organigramm wie in einem Konzern – und keinesfalls ein Einzelfall, sondern exemplarisch im Profifußball. In der Verwaltung hat sich die Spezialisierung fortgesetzt, die im sportlichen Bereich begonnen hatte. Trainer bekamen mehrere Assistenten und Spezialisten für die Torhüter und die Ausführung von Standardsituationen wie Eckball, Freistoß, Einwurf. Und wo es früher nur einen Manager vom Schlag Uli Hoeneß gab, der die Mannschaft zusammenstellte und Sponsoren beibrachte, amtieren nun Sportvorstände, Sportdirektoren, Technische Direktoren, Kaderplaner. Leiter Lizenzspielerabteilung und Performance Manager.

Man darf sich daran erheitern, wie die „X berichtet an Y“-Terminologie Einzug gehalten hat in eine triviale Sache wie Fußball – aber der wird von seinen unternehmerischen Strukturen nicht abweichen. Rouven Kasper wirft für seinen jetzigen Arbeitgeber ein paar Zahlen in die Diskussion. „Der FC Bayern hat 1,1 Milliarden Sympathisanten, wir haben 220 Millionen Follower, die wir in 13 Sprachen bedienen.“ Seine Schlussfolgerung: „Wir stehen in Konkurrenz zu großen Medienunternehmen, zur Unterhaltungsbranche. Wir brauchen Profis.“ Es gibt sogar Agenturen wie die Beratung „Sportheads“, die den speziellen Personalbedarf des Fußballs zu decken hilft. Hinter den Kulissen wird viel getan, damit Fußball als „schön und emotional“ erlebt wird, so Rouven Kasper. Die vollen Stadien zeigen: Die Rechnung geht auf.

Drängende Fan-Themen wird es dennoch geben, auch 2026/27. VAR und Stadionverbotspolitik, mögliche Regulierungen des Fanlebens durch die Innenministerkonferenz – das sind Dauerbrenner. Die Fanszene muss immer wieder nachschärfen. Dario Minden weist auf die Ticketpreise für Auswärts-Fans hin. Selbst die „zurecht vielkritisierte“ Uefa hat für ihre Wettbewerbe von Champions bis Conference League Obergrenzen eingezogen, in der Bundesliga hingegen gibt es einige Standorte, die da gerade abkassieren. Wenn eine Familie ihren Verein zu einem Auswärtsspiel begleite, könnten mit Eintritt und Verpflegung 250 Euro schnell ausgegeben sein.

Eine gute Nachricht aus Fan-Sicht war, dass das Bundeskartellamt keine Einwände hat gegen die in Deutschland praktizierte 50+1-Regelung. Während sich in England beim FC Liverpool Tech-Bro Jeff Bezos einkaufte, bleiben deutsche Clubs mehrheitlich in den Händen ihrer Mitglieder. Aber: Mit denen, die bisher Ausnahmeregelungen von 50+1 beanspruchten, „geht es nun in den Aushandlungsprozess. Werden dort tatsächlich demokratische Strukturen eingeführt oder geht es in den Konflikt und am Ende vor Gericht?“ (Minden).

Nach wie vor sei es am schönsten, „wenn in einem pickepackevollen Stadion zwei große Fanblöcke einander hochschaukeln“, findet Dario Minden, doch selbst wenn der Traditionsclub auf ein „Konstrukt“ treffe, erlebt man „die gleichen Muster und Rituale“ und die „sozialen Elemente , das wir uns nicht kaputt machen lassen wollen: Gemeinsam eine gute Zeit zu haben“.

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