INTERVIEW

„Ich kann nicht weinen – nur hoffen“

von Redaktion

Flutkatastrophe in Nepal: Prienerin Gülüstan Kolay bangt um vermisste Freunde

Wahlheimat Nepal: Kolay auf dem 6119 Meter hohen Lobuche East Peak im Himalaja. © privat (2)

Mehr als 1000 Menschen werden nach der Sturzflut vermisst – darunter Bekannte von Gülüstan Kolay (o. li.). © Ranabhat/AFP

Gülüstan Kolay aus Prien am Chiemsee kennt die zerstörte Region in Nepal wie kaum jemand in Bayern. Sie organisiert in ihrer Wahlheimat Touren für Touristen und ist fast alle großen Trekkingrouten selbst gelaufen. Ihre Freunde in dem Ort Syabrubesi werden vermisst. Ein Gespräch über die Katastrophe mit einer Ortskundigen.

Frau Kolay, wann haben Sie erfahren, was passiert ist?

Ich war schon am Mittwoch gegen 9 Uhr informiert. Aber ich habe das Ausmaß nicht richtig einschätzen können. Es hieß erst mal, da ist eine Flut, und dass die Flüsse überquellen. Jedes Jahr im Sommer zur Monsunzeit verlieren 200 bis 300 Leute in Nepal ihr Leben, gerade in der Terai-Region. Das ist leider Alltag dort. Eine Stunde später aber, als mir die ersten Videos zugeschickt wurden, war klar, dass es dieses Mal ein anderes Maß erreicht hat.

Und jetzt?

Für mich ist es sehr, sehr schwer, damit umzugehen. Ich kann irgendwie nicht richtig weinen, nur hoffen. Es ist eine Art Starre. Gleichzeitig glühen hier die Drähte, alle rufen an, wollen wissen, wie es meinen Freunden geht, wollen News darüber, ob geplante Touren in diesem Herbst verschoben werden müssen.

Mit wem haben Sie Kontakt?

In erster Linie mit meinen lokalen Partnern in Kathmandu. Ich habe auch viele Freunde in Nepal, Restaurant- und Hotelbesitzer. Die habe ich zuerst gefragt, ob es allen gut geht – zum Glück ja. Nur einen hat es schlimm erwischt. Meinen Kumpel, er ist Journalist und Professor an der Universität. Seit zwei Tagen sucht er seine Schwester. Sie und ihre Familie werden vermisst. Seine Frau, Tochter und Eltern kenne ich gut, ich treffe sie immer, wenn ich dort bin.

Der Ort Syabrubesi ist fast vollständig zerstört.

Direkt im Ort steht das Hotel Buddha, dort buchen wir unsere Gäste gerne ein. Ich kenne die Besitzer, vor allem den Sohn des Hauses, sehr gut. Wenn unsere Fahrten aus Kathmandu länger gedauert haben, hat er unsere Gäste von der tibetischen Grenze abgeholt, zu sich ins Hotel geholt und bewirtet, bis unser Team endlich eingetroffen ist. Er hat meine Geschäftspartnerin und mich selbst schon ein paar Mal zurückgefahren. Seine Eltern sind bereits als tot gemeldet. Er wird noch vermisst, wahrscheinlich hat er es auch nicht überlebt. Das ist so schrecklich. Fast der gesamte Ort ist weggeschwemmt worden.

Sie führen im Sommer selbst keine Touren in dieser Region durch. Warum nicht?

Weil die Wetterlage unberechenbar ist. Ich bin vor einigen Jahren von Tibet über die Grenze nach Nepal gefahren, genau dieselbe Strecke, die jetzt so schwer betroffen ist. Ich liebe Abenteuer, aber selbst ich habe vier Stunden lang den Atem angehalten. Es sind ständig Felsbrocken heruntergekracht, direkt vor oder hinter uns. Wir waren so froh, dass die Felsen uns nicht getroffen haben. Deshalb habe ich damals entschieden, dass wir im Sommer von Kathmandu nach Tibet fliegen, keiner meiner Kunden passiert in dieser Zeit die Grenze.

Warum waren dann so viele Reisende unterwegs?

2026 ist eines der heiligen Jahre für die Kailash-Umrundung. Deshalb sind noch mehr Menschen unterwegs als sonst. Sie alle wollen einmal um den Mount Kailash laufen, den heiligsten Berg des Universums. Es waren viele Pilger unterwegs, viele Nepalesen und Inder.

Hätte man die Katastrophe verhindern können, mit Warnsystemen oder besseren Straßen?

Wo willst du mitten im Hochgebirge eine stabile Straße hinbauen? Japan, China und andere Länder haben in Nepal Straßen gebaut. Es hat nichts länger als zwei, drei Jahre gehalten. Wenn der gesamte Berg herunterrutscht, kann nichts dagegenhalten.

Was erschwert die Rettungsarbeiten?

Es ist alles meterhoch verschlammt. Die Rettungskräfte versuchen, per Hubschrauber anzufliegen. Nepal hat zum Glück viele Hubschrauber. Doch wie die Menschen finden? Das Telefonnetz ist zusammengebrochen. Wir haben unsere beiden Satellitentelefone der Armee zur Verfügung gestellt, damit sie bei den Rettungsarbeiten Kontakt zueinander halten können.

Was raten Sie Reisenden, die jetzt vor Ort sind?

Sie sollen sich ganz weit weg von der Stelle am Fluss bewegen. Denn es wird vermutet, dass sich das Wasser wieder ansammelt. Dann könnte erneut eine Schlammlawine losbrechen. Generell: In diese Region immer über eine deutsche Agentur reisen. Wenn Leute auf eigene Faust dorthin fahren, die bei der deutschen Botschaft nicht registriert sind, weiß keiner, wo diese Menschen jetzt sind. Das ist für die Familien, die hier warten und hoffen, sehr schmerzhaft.

Sie kennen die Menschen dort seit Jahren. Woher nehmen die Nepalesen jetzt ihre Kraft?

Nepal ist ein Land, das mit der Natur noch eins ist, mit den Schönheiten, aber auch mit den Gefahren. Gleichzeitig aber heißt es im Buddhismus und im Hinduismus: „What’s gone, it‘s gone.“ Das soll jetzt nicht unempathisch klingen, die Nepalesen lieben ihre Familie und Freunde so sehr wie wir auch, aber sie haben eine Resilienz entwickelt. Sie haben ein anderes Urvertrauen in den Kreislauf des Lebens.

Was sollte man sonst noch über Nepal wissen?

Nepal ist das Land meiner Seele, wo ich mich zu Hause fühle. Sobald man nur eine Stunde aus der Chaosstadt Kathmandu rausfährt, wird man überwältigt von der Natur. Jeder redet über den Everest, aber das Land hat wesentlich mehr. Es gibt über 120 ethnische Gruppen, die alle friedlich zusammenleben. Diese Toleranz und Gastfreundschaft hat mich jedes Mal begeistert. Während vor allem die Langtang-Region betroffen ist, gelten die anderen Reiseregionen als sicher. Der Tourismus ist für sehr viele Menschen im Land eine Lebensgrundlage. Ich hoffe sehr, dass die Gäste nicht ausbleiben, sondern Nepal als Traumdestination für sich entdecken.

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