INTERVIEW

„Es ist unangenehmer als früher“

von Redaktion

Der Journalist Markus Wölk aus Sachsen-Anhalt über seine Arbeit und die Veranstaltungen der AfD

Schwierige Zeiten: Markus Wölk, Redaktionsleiter der Altmark Zeitung, im Gespräch mit Anne-Christine Merholz.

„Über Politik wollen die Leute bei der AfD nicht reden“: Wo Spitzenkandidat Ulrich Siegmund dieser Tage auftaucht, geht es selten um Inhalte – eher um Autogramme und Selfies. © Hendrik Schmidt/dpa

Salzwedel – Die Altmark im Norden Sachsen-Anhalts ist ländlich geprägt und dünn besiedelt. Bei der letzten Bundestagswahl holte die AfD knapp 40 Prozent. Am Sonntag findet nun die Landtagswahl statt. Zwischen Stendal, Salzwedel und Klötze zeigen sich die politischen Spannungen des Landes wie unter einem Brennglas. Dort erscheint die 1990 gegründete Altmark Zeitung (AZ), die zu unserer Ippen-Mediengruppe gehört. Redaktionsleiter Markus Wölk (56) beschreibt eine verunsicherte Zivilgesellschaft und einen raueren Ton gegenüber Journalisten.

Wie hat sich das politische Klima in den Städten und Dörfern der Altmark verändert?

Wenn ich auf die letzten Monate gucke, stelle ich in vielen Bereichen – bei Unternehmern, gesellschaftlichen Gruppen, Vereinen – eine Art Lähmung fest. Sehr viele Leute machen gerade gar nichts mehr und warten erst mal ab, was mit den Wahlen passiert. Das merken wir direkt in der Arbeit: Wir können viele Geschichten gerade nicht machen, weil Leute sagen, sie möchten jetzt nicht erscheinen und nichts sagen – selbst bei völlig unpolitischen Themen. Keiner will gerade den Kopf aus der Deckung heben.

Und wie sieht es mit dem Verhalten der AfD und ihrer Anhänger aus?

Die Grundstimmung hat sich deutlich verschärft. Selbst bei unpolitischen Themen werden wir als Journalisten inzwischen direkt angegriffen, teils über Social Media, teils persönlich. Wo man sich früher einfach geärgert hätte, geht es heute sofort ins Beleidigende – ein Einreißen von Hemmschwellen, die früher selbstverständlich waren.

Wie zeigt sich das konkret?

Nach einer Ausschusssitzung zu einem emotionalen, unpolitischen Thema wurde ich abends auf dem Parkplatz von sieben, acht aufgeregten Menschen umringt. Am Ende ging es um einen TV-Beitrag, mit dem ich nichts zu tun hatte – ich war nur gerade der greifbare Medienvertreter. Wir konnten es klären, aber ein falscher Halbsatz, und es hätte auch ganz anders enden können. Man muss heute als Journalist auch bei harmlosen Themen mit sehr persönlichen Angriffen rechnen.

Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Meine eigene Arbeit hat sich kaum verändert – Kommentare unter Postings schaue ich mir meist gar nicht an, das lasse ich an mir abprallen. Aber ich verstehe, dass andere bestimmte Themen, vor allem AfD-Themen, irgendwann nicht mehr machen wollen, weil man von derselben Bubble immer heftige Reaktionen bekommt. Bei großen AfD-Wahlkampfveranstaltungen gibt es Kollegen, die sagen: „Ich möchte da nicht hin.“ Dann übernehme meist ich das, weil ich als Redaktionsleiter ohnehin schon exponiert bin und mir keinen Ruf mehr „versauen“ kann. Es ist unangenehmer geworden als früher, aber noch nicht so, dass ich nicht mehr hingehen würde.

Die AfD sitzt längst in Stadträten und Kreistagen. Wie funktioniert die Arbeit als Journalist?

Das ist bei uns völlig normale Realität – kaum ein Kommunalparlament, in dem die AfD nicht die stärkste oder eine starke Fraktion stellt. Die Brandmauer wie auf Bundesebene funktioniert im Kommunalen nicht, dafür gibt es zu viele konkrete Sachentscheidungen. Ich kann eine Partei mit 40, 50 Prozent Rückhalt nicht ignorieren, ich muss mit ihr umgehen.

Konkret heißt das?

Sehr genau hinhören, was inhaltlich wirklich gesagt wird. Die AfD neigt zu parteipolitischen Worthülsen statt Sachargumenten – das erleichtert es mir sogar, nur das herauszufiltern, was für eine konkrete Entscheidung relevant ist. Bei CDU, SPD oder Grünen arbeite ich nicht anders: Es geht um Sachentscheidungen für die Kommune, alles andere blende ich aus.

Wie läuft der Wahlkampf hier in der Altmark ab – ein Schlagabtausch von einem Lager gegen das andere?

Für eine „Schicksalswahl“ erstaunlich wenig sichtbar. Es hängen Plakate, ab und zu ein Wahlstand, wenige Veranstaltungen, aber kaum mehr. Die AfD hat es am einfachsten: Sie zieht seit Langem über die Dörfer und veranstaltet Dorfgrillen – das läuft jetzt langsam aus. Ich war bei zwei, drei davon: Es wird gegrillt, es gibt Freibier, die Leute kommen, mal 50, mal 200 – kommt Ulrich Siegmund nach Klötze, auch mal 1000.

Und wie steht es um die Wahlkampfthemen?

Über Politik wollen die Leute bei der AfD nicht reden, das interessiert sie nicht. Es gibt keine klassische Wahlkampfrede mit anschließender Diskussion, sondern einen Grill, Becher und Zollstöcke mit AfD-Logo zum Mitnehmen und für ein paar Euro sogar ein T-Shirt „Heimattreue Altmark“ in Frakturschrift. Wer redet, lädt vor allem Frust ab – und die AfD muss nur dastehen und sagen: „Ihr habt Recht.“ Niemand will Lösungen, alle wollen Emotionen loswerden, und genau das saugt die AfD auf und verstärkt es. Andere Parteien versuchen, zu erklären und Lösungen anzubieten – kognitiv der falscheste Ansatz in einer rein emotionalen Situation. Das hat die AfD perfektioniert.

Sie haben bei vielen Gelegenheiten Ulrich Siegmund auf Wahlkampfveranstaltungen erlebt. Wie wirkt er auf Sie?

Sehr charismatisch, ein echter Posterboy. In einem kleinen Ort wie Klötze stehen Menschen über eine Stunde für ein Selfie mit ihm an – sie wollen einfach mit ihm gesehen werden. Er muss dafür kaum Inhalte liefern, weniger noch als die AfD insgesamt, er muss nur präsent und sympathisch sein. Er verkauft AfD-Politik so, wie er wohl früher Düfte verkauft hat, und das sehr gut – genau das macht ihn gefährlich. Drei Stunden Selfies, zwei Minuten Rede, den Rest Bier gezapft – das reicht.

Welche Folgen hätte es für den Journalismus, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt die absolute Mehrheit holt?

Die AfD betont zwar Interesse an freier Presse, drückt es aber oft merkwürdig aus. Die einfachste Form von Einfluss wäre, uns zum Beispiel auf ministerialer Ebene Informationen vorzuenthalten. Wirtschaftlicher oder administrativer Druck wäre denkbar, aber solange Sachsen-Anhalt nur ein Bundesland unter anderen bleibt, mache ich mir noch nicht zu viele Sorgen. Sicher ist aber: Es wird für uns noch ungemütlicher. Wer sich schon jetzt gegen uns positioniert, würde sich durch eine solche Landesregierung bestätigt fühlen, und der persönliche Gegenwind – Anpöbeleien, direkte Ansprache – dürfte zunehmen.

INTERVIEW: ANNE-CHRISTINE MERHOLZ

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