Vinzenz Hensle malt seit einem Unfall mit seinem Traktor „Seelenbilder“. © Edgar Hensle
Franz Alt (l.) mit dem Bauer und Maler Vinzenz Hensle: Eine Nahtoderfahrung veränderte sein Leben. © Edgar Hensle
Ein Licht, ein Tunnel, beruhigende Klänge: Viele Nahtoderfahrungen beschreiben ähnliche Empfindungen. © GETTY IMAGES
München – Der 88-jährige Journalist und Buchautor Franz Alt widmet sich in seinem neuesten Buch dem Phänomen Nahtoderfahrungen, also den sich sehr oft ähnelnden Berichten von Menschen, die aus dem Koma ins Leben zurückgeholt wurden. Unsere Zeitung sprach mit dem Autor, der zahlreiche Bücher über ökologische und theologische Themen verfasst hat.
Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über Nahtoderfahrungen zu schreiben?
Als ich Elisabeth Kübler-Ross in den 1980er-Jahren bei einer Veranstaltung in Bad Godesberg kennengelernt habe, war ich fasziniert über das, was sie als Sterbeforscherin über Nahtoderlebnisse und über den Tod von Kindern erzählt hat. Diese Frau hat tausende Menschen beim Sterben in den Armen gehabt. Es wird zudem ein immer größeres Thema werden, weil es durch die medizinischen Fortschritte öfter möglich ist, Menschen an der Todesgrenze zu reanimieren. Ich habe lange gezögert, das Buch zu schreiben, weil ich immer dachte: Einen wissenschaftlichen Beweis im herkömmlichen Sinne haben wir ja nicht. Das sind alles subjektive Erfahrungen. Aber die Summe dieser subjektiven Erfahrungen hat mich schließlich dazu gebracht, dieses Buch zu machen. Wir müssen diese Nahtoderfahrung ernst nehmen. Das kann eine große Hilfe beim Lösen unserer großen Probleme sein. Deshalb heißt auch der Untertitel des Buches: Was uns diese Nahtoderfahrungen über das Leben verraten.
Und was ist diese Botschaft?
Alle Nahtoderfahrenen sagen uns: Dieser Materialismus, der heute so sehr im Vordergrund steht, ist so unwichtig wie nur etwas. Wichtig ist allein die Liebe. Und: Es gibt keinen Grund, vor dem Tod Angst zu haben! Das ist die allererste, die wichtigste Erfahrung überhaupt. Alle Menschen, die Nahtoderfahrungen haben, sagen, es ist schön, da ist ein wunderbares Licht, Musik. Der Tod ist kein Untergang, der Tod ist ein Übergang, eine Wende.
Gibt es kulturelle Unterschiede in den Beschreibungen?
Das hat mich fasziniert an den Berichten. Auf der ganzen Welt werden diese Nahtoderlebnisse mit ähnlichen Worten beschrieben. Völlig egal, ob Katholik, Protestant, Buddhist, Hindu oder Atheist. Alle Menschen scheinen beim Sterben dieselbe Erfahrung zu machen.
Wissenschaftler sehen die Nahtod-Beschreibungen nüchterner: als elektronische Restimpulse im Gehirn oder beruhigend wirkende Hormone, die Schmerzen und Angst lindern…
Viele Wissenschaftler erklären das bis heute so. Aber die wichtigsten Bücher, die ich gelesen habe, sind von ehemaligen Atheisten und Wissenschaftlern geschrieben worden, also nicht von religiös orientierten Leuten.
Da gibt es beispielsweise einen kanadischen Arzt, der viele Nahtoderfahrungen zusammengefasst hat. Er betont: Nahtoderfahrungen sind keine Nachtoderfahrungen. Wenn die Menschen wirklich tot gewesen wären und nicht nur nahe dem Tod, könnten sie nicht beschreiben, was sie erlebt haben. Auch der von mir zitierte US-Neurochirurg Eben Alexander ist lange Zeit ein klassischer Atheist gewesen. Dann hat er einen Unfall gehabt, ist sieben Tage im Koma gelegen. Erst nach seiner eigenen Nahtoderfahrung hat er das Thema ernst genommen. Das war wirklich keine Spinnerei, das war eine reale Erfahrung, realer geht‘s gar nicht, sagt er.
Gibt es auch negative, verstörende Nahtodbeschreibungen?
Ja, die gibt es auch. Prof. Alexander schätzt, zehn bis 20 Prozent der Nahtoderfahrungen seien auch negativ. Derartige negative Erfahrungen haben vor allem Menschen gemacht, die einen Suizid verübt haben. Als Christ denke ich: Die haben auf der anderen Seite erfahren, ihr müsst noch mal zurück, denn ihr habt noch Geschäfte zu erledigen. Ihr müsst noch mal dazulernen. Denn das ist, was fast alle Nahtoderfahrenen sagen: Sie müssen noch mal einen Lernprozess durchlaufen. Diese Erde ist kein Jammertal, aber sie ist eine Schule, in der wir etwas zu lernen haben. Wenn wir das noch nicht gelernt haben, müssen wir immer wieder zurück.
Labile Menschen könnten sich angesichts der so positiv dargestellten Nahtoderfahrungen gedrängt fühlen: Dann verlasse ich doch dieses Jammertal! Birgt das nicht die Gefahr, den Tod zu verherrlichen?
Keiner von den von mir gesammelten Menschen mit Nahtoderfahrungen sagt: Jetzt bin ich auf dem Weg zum Suizid, sondern alle erklären, dass sie den Auftrag haben, etwas zu tun, nämlich ihr Leben zu ändern. Sie haben noch eine Aufgabe. Die freuen sich auf den Tod, aber betonen immer: Das lasse ich auf mich zukommen. Nehmen Sie als Beispiel Vinzenz Hensle, den ich für mein Buch interviewt habe. Er ist ein Bauer im Schwarzwald, hatte einen schweren Unfall: Der Traktor überschlug sich, der Schlepper fiel auf ihn. Er war bewusstlos und hatte dabei eine Nahtoderfahrung, die sein Leben für immer veränderte: Eine – für ihn göttliche – Stimme trug ihm auf zu malen. Was Hensle vorher nie gemacht hatte. Für ihn sind es „Seelenbilder“, bei denen ihm das Jenseits die Hand führe.
Was hat die Arbeit an diesem Buch mit Ihnen persönlich gemacht?
Im Kern ist die Botschaft dieser Menschen, mit denen ich für das Buch gesprochen habe: Wir können uns verändern. Ich selbst habe ja einige Kurven im Leben genommen: Ich wurde katholisch-konservativ erzogen, war dann fast 30 Jahre lang CDU-Mitglied, bin dann in den 80er-Jahren Teil der Friedens- und Anti-Atombewegung geworden. Ich habe diese ständigen Veränderungen gebraucht. Das Leben besteht darin, dass man es verändert. Von den Nahtoderfahrenen habe ich gelernt, dass der Tod der Beginn einer neuen Lebensform ist.
Nahtoderfahrungen
Was sie uns über das Leben verraten. Herder-Verlag, 240 Seiten,
24 Euro.