INTERVIEW

Das Netzwerk der Wegwerf-Agenten

von Redaktion

Terror-Experte Schindler über den Münchner Anschlag und die schwierige Suche nach den eigentlichen Drahtziehern

München – Hans-Jakob Schindler leitet das Counter Extremism Project in Berlin, New York und Auschwitz. Unsere Zeitung sprach mit dem Sicherheitsexperten über den Anschlag auf Rüstungsunternehmen in München, womöglich Helsing oder Rohde & Schwarz.

Ein Anschlag auf ein Rüstungsunternehmen: Sieht das für Sie nach politischem Extremismus oder nach einer von Russland beauftragten Aktion aus?

Beides ist möglich. Es ist zu früh, um zu sagen, was jetzt tatsächlich der Hintergrund sein könnte. Rohde & Schwarz steht natürlich ganz oben auf der Feindesliste aller gewaltorientierten Linksextremisten wegen der Überwachungstechnik, die sie produzieren. Aber Rohde & Schwarz ist eben auch ein sehr signifikanter Rüstungskonzern, der beteiligt ist an der Ukraine-Hilfe. Also gäbe es auch eine Motivlage für Russland. Die beiden bulgarischen Tatverdächtigen können natürlich auf Russland hinweisen. Aber auch die gewaltorientierte linksextremistische Szene hat ganz enge Beziehungen zu Netzwerken in Osteuropa.

Einmal mehr wirkte der Anschlag eher stümperhaft als perfekt vorbereitet. Deutet das auf Wegwerf-Agenten hin?

Was die Geschicktheit des Anschlagsvorgehens angeht, da gibt es keinen großen Unterschied zwischen Amateur-Extremisten und Amateur-Wegwerf-Agenten. Bei beiden ist nicht davon auszugehen, dass sie sehr viel technischen Verstand haben. Im Fall des Leipziger Drohnenangriffs hat der Bundesinnenminister klar gesagt, dass alles von Russland geplant, aber durch Wegwerf-Agenten ausgeführt wurde. Es ist nicht so, dass der russische Geheimdienst GRU eine Person anwirbt, die dann irgendetwas tut. Es gibt mittlerweile Netzwerke, etwa im Baltikum, wo Leute angeworben wurden, die dann wiederum andere Leute anwerben. Das Netzwerk in den baltischen Staaten ist dann nicht unbedingt fester Bestandteil des GRU-Netzwerks.

Wie schwer ist es dann für Ermittler, die eigentlichen Drahtzieher zu finden?

Das Ziel der hybriden Kriegsführung ist ja, die ganze Sache in Unsicherheit zu lassen. Es sollen ausreichend praktische Informationen hinterlassen werden, um klarzumachen, wer dahintersteckt. Aber es soll alles so unklar bleiben, dass man alles abstreiten kann und so die Unsicherheit noch mal verstärkt. Also war es jetzt Russland oder nicht? Es geht bei der hybriden Kriegsführung darum, dass wir nie das Gefühl haben sollen: Wir wissen, worum es geht, und haben das jetzt im Griff.

Auch das Anschlagsziel, eine Baustelle, ist ja nicht allzu spektakulär. Warum werden nicht beeindruckendere Objekte gewählt?

Der russische Außenminister Lawrow hat schon kurz nach dem Leipzig-Anschlag ganz offen gesagt: Wir gehen schon jetzt ziemlich rabiat in Europa vor und wir werden noch aggressiver werden. Eine Baustelle ist natürlich kein spektakuläres Ziel, aber entscheidend ist, dass wieder etwas passiert ist und darüber berichtet wird. Der Punkt ist nicht, dass Rohde & Schwarz da seine Baustelle reparieren muss, sondern dass wieder etwas vorgefallen ist. Leider haben wir parallel diese Welle linksextremistischer Anschläge auf kritische Infrastruktur, was die ganze Unsicherheit noch verstärkt.

Linksextremisten wie die Vulkangruppe wollen ihr Anliegen deutlich machen. Spricht das Fehlen eines Bekennerschreibens nach dem Münchner Anschlag gegen Linksextremisten?

Es kann durchaus ein wenig dauern, bis so ein Bekennerschreiben auftaucht oder gepostet wird. Aber wenn es kein Bekennerschreiben gibt, dann wäre das tatsächlich sehr untypisch für die linksextremistische Szene. Das beweist dann zwar noch nicht, dass es Russland war, aber zumindest ist es ein deutlicher Indikator, dass es sich um eine asymmetrische Operation à la Russland handeln könnte.

Was halten Sie von der auch von Russland erhobenen Theorie, dass False-Flag-Aktionen der Ukraine hinter den Anschlägen stecken?

Genau, als ob es die konkreten Drohungen von Lawrow und Dmitri Medwedew nie gegeben hätte! Beim Leipziger Flughafen wurde neben den Fingerabdrücken auch DNA gefunden. Diese DNA entspricht einer DNA von 2024, die bei dem Paketanschlag auf das DHL-Zentrum im Leipziger Flughafen gefunden worden ist, als ein Paket in Flammen aufgegangen ist. Für diesen Anschlag stehen eine Reihe von Personen aktuell in Vilnius vor Gericht. Die sind alle mit dem russischen Geheimdienst GRU verbunden. Jetzt zu behaupten, die Ukrainer wollen ihre eigene Airline kaputtmachen, sie wollen die Versorgungslinie Richtung Ukraine stören und bekommen dafür dann auch noch die DNA einer GRU-Operation von vor zwei Jahren – das kann man glauben, muss man aber nicht unbedingt. Bei allen Anschlägen fluten die Russen das Internet mit Falschnachrichten. Es geht dabei gar nicht darum, dass sie uns von etwas überzeugen wollen, es geht um maximale Verwirrung und Verunsicherung der Gesellschaft. Diese Unklarheit ist Teil der Operationen.

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