Polizistenaufgebot in der Nähe des Tatorts bei der Baustelle im Münchner Osten. © Kneffel/dpa
Zugriff an der Esso-Tankstelle: Hier untersuchten Polizisten auch das Auto. © Thomas Gaulke
München – 1.55 Uhr am Donnerstag: An der Esso-Tankstelle am Innsbrucker Ring steht ein weißer BMW. Motorhaube und die Heckklappe sind weit offen, die vier Türen auch. Drumherum: überall Polizisten. Uniformierte sichern die Zufahrten. Beamte in Zivil durchsuchen Koffer und Taschen aus dem BMW. Die Insassen sind längst abgeführt – es handelt sich um einen Mann (38) und eine Frau (28) aus Bulgarien. Die drängende Frage: Haben sie gerade einen Anschlag auf Münchner Rüstungsfirmen begangen?
Denn zwei Stunden zuvor war genau dieses Auto durch die Mühldorfstraße im Münchner Osten gefahren – genau an den Standorten des Drohnenherstellers Helsing und des Unternehmens Rohde & Schwarz, das auch Technik für Rüstungsunternehmen herstellt. Ein Wachmann hatte sich um Mitternacht das Auto samt Kennzeichen gemerkt, weil in dem Moment ein Brandsatz hochging.
Nach dem Knall rief der Wachmann sofort die Polizei. „Gegen 0 Uhr ging in der Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums München ein Anruf mit dem Hinweis ein, dass in der Mühldorfstraße in München vor einem Gebäudekomplex möglicherweise mehrere Brandsätze aus einem Auto geworfen wurden“, meldete das Bayerische Landeskriminalamt (LKA). Was für Brandsätze das waren, sagte das LKA nicht. Nach Informationen unserer Zeitung waren es aber keine Molotow-Cocktails und keine Handgranaten. „Mindestens ein Brandsatz setzte um“, erklärte das LKA. Er ging an einem Bauzaun hoch. Dahinter stehen Container für eine Großbaustelle für Rohde & Schwarz. „Sofort zum Tatort eilende Streifen konnten den Brand löschen, sodass kein nennenswerter Schaden entstand“, meldet das LKA. „Ein weiterer Brandsatz hatte nicht umgesetzt und wurde durch die Kolleginnen und Kollegen der Technischen Sondergruppe (TSG) des Bayerischen Landeskriminalamtes entschärft.“
Wem der Anschlagsversuch galt, war zunächst unklar. Das LKA ging aber schnell von einem politischen Hintergrund aus und davon, dass ein Rüstungsunternehmen ins Visier genommen wurde. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) bestätigt: Das Ziel seien „Gebäude oder Baustellen“ gewesen, „die unmittelbar Rüstungs- und Sicherheitsfirmen in München zuzurechnen sind“.
In dem Gebäudekomplex sind neben Rohde & Schwarz mehrere Unternehmen ansässig, die in sensiblen Bereichen agieren. Direkter Nachbar: das Rüstungs- und Technologieunternehmen Helsing, das Kampfdrohnen an die Ukraine liefert.
Das LKA ermittelt nun, „ob es sich um einen gezielten Angriff auf eines der Unternehmen handelte“. Laut Informationen unserer Zeitung gilt es am wahrscheinlichsten, dass der Drohnenhersteller Helsing das Ziel gewesen sein soll.
Laut Experten könnte es einen Bezug zu Russland haben (siehe Interview unten) oder zu Linksextremisten, die schon öfter Brandsätze in München gelegt haben (siehe rechts). Nach Informationen unserer Zeitung passt der ganze Hergang laut Ermittlern aber nicht zum Vorgehen von Linksextremen. Die Behörde ermittelt jetzt mit der Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München.
Eine weitere offene Frage ist, ob die zwei festgenommenen Bulgaren die Täter sind. Das LKA ermittle nun, „inwieweit die beiden Personen mit dem Geschehen in Verbindung stehen“ – es ist also nicht klar, ob das die Haupttäter sind. Möglich wäre auch: Sie waren nur beteiligt. Oder zufällig da, als der Brandsatz hochging.