München/Magdeburg – Viele sehr hohe, sehr beeindruckende Zahlen flimmern nach 18 Uhr über die Bildschirme – eine der bemerkenswertesten ist die 157.000. Als eine gute halbe Stunde nach Schließung der Wahllokale die Wählerwanderung zur Sprache kommt, ist diese Zahl der mit Abstand größte Posten. 157.000 Personen, die vor fünf Jahren noch nicht wählten, haben ihre Stimmen diesmal der AfD gegeben (am Ende sind es sogar 170.000). Zur Veranschaulichung: Insgesamt waren nur knapp 1,7 Millionen Menschen überhaupt wahlberechtigt.
Auch Ministerpräsident Sven Schulze räumt später ein, dass es die AfD „sehr gut geschafft“ habe, die bisherigen Nichtwähler für sich zu gewinnen, anders als seine CDU. Dass die Beteiligung extrem hoch sein würde, hatte sich über den Tag abgezeichnet. Das ZDF vermeldet einen Wert von 80 Prozent. 2021 waren es 60,3, die bisherige Höchstmarke lag 1998 bei 71,1. Überraschend kam das aufgrund der Polarisierung nicht, offen war nur, wem das Plus mehr nutzen würde: der AfD oder den demokratischen Parteien? Um 18.30 Uhr ist die Frage beantwortet.
Das mehr als verdoppelte Wahlergebnis der AfD hängt untrennbar mit dem Block der früheren Nichtwähler zusammen. Ähnlich wuchtig wirken sich die 82.000 Wähler aus, die von der CDU gekommen sind. Noch wenige Tage vor der Wahl war bei Sachsen-Anhalts Christdemokraten eine Debatte um den Umgang mit den Linken aufgeflammt. Eine Duldung oder gar Zusammenarbeit lehnte der mächtige Kreisverband Harz ab. Die Sorge, die CDU könne nach links blinken, sorgte bei etlichen Wählern offenbar dafür, sich in die Gegenrichtung zu orientieren.
Ein wenig unter dem öffentlichen Radar bleibt an diesem Abend der Absturz der FDP, die bisher der Landesregierung angehörte und nun nicht mal mehr im Landtag vertreten sein wird. Auch ihr Misserfolg hängt zusammen mit dem Plus bei der AfD. 19.000 Wähler wechselten vom gelben ins blaue Lager.
Überschaubarer sind die Verluste von Linken (11.000), SPD (7000) und Grünen (2000) in Richtung AfD. Die Ökopartei, die vor Wochen noch vor der Fünf-Prozent-Hürde zitterte, steigert sich um rund drei Prozentpunkte gegenüber 2021. Eine Rolle spielen dabei auch die 18.000 Wähler, die von der CDU kamen. Die Grünen sind damit der zweitgrößte Profiteur des christdemokratischen Absturzes.MARC BEYER