Seit 50 Jahren eine gute Freundin

von Redaktion

Die computeranimierte Neuauflage von 2012 hat nicht den Charme der Zeichentrickserie. © ZDF/Studio 100 Animation

Fräulein Kassandra, die geduldige Lehrerin von Maja. © pa

Die Spinne Thekla lauert Maja ständig auf – erfolglos. © pa

Treue Freunde: der nicht ganz so helle Willi und der schlaue und stets gelassene Grashüpfer Flip. © ZDF/Studio 100 Animation

Typisch Maja: In Folge 1 schlüpft die Biene mit Verspätung aus ihrer Wabe – und hat gleich viele Fragen. Links: Karel Gott (li.) und Josef Göhlen. © ZDF/Studio 100 Animation; pa (2)

München – Es ist ein Erfolg, mit dem niemand rechnet. Als das ZDF am 9. September 1976 um 17.10 Uhr erstmals die Zeichentrickserie „Biene Maja“ ausstrahlt, wird diese auf Anhieb eine der beliebtesten Kindersendungen überhaupt. Bis zu vier Millionen Kinder unter 14 Jahren sitzen vor den Bildschirmen – das wird es bei einer fiktionalen Zeichentrickserie danach nie wieder geben.

Die Ausgangslage ist für öffentlich-rechtliche Verhältnisse abenteuerlich. Die Geschichte und die Figuren werden in Deutschland mithilfe des Animationsveteranen Matt Murphy, der bei den legendären „Tom und Jerry“-Cartoons mitgearbeitet hatte, entwickelt. Gezeichnet wird in Japan. Aus Kostengründen. Die Japaner produzieren Anime am Fließband und haben eine gewaltige Expertise.

Mit „Wickie und die starken Männer“ hatte man 1974 sehr erfolgreich einen Testballon mit dieser Konstruktion gestartet. Die außergewöhnliche Optik und Art des Geschichtenerzählens ist für das deutsche Publikum eine neue Erfahrung. Dahinter steckt ein Einzelkämpfer, der – obwohl für Kinderprogramm zuständig – ein Problem mit Kinderprogramm hat. Josef Göhlen, der erst vor drei Wochen mit 94 Jahren verstorben ist.

Göhlen will Familienprogramm machen, pädagogisches Fernsehen ist ihm ein Gräuel. Das macht ihn zunächst zum Problemfall, aber Göhlen lässt sich nicht unterkriegen. Schon 1964 war er als junger Redakteur nach Japan gereist, um kostengünstiges Programmmaterial zu sichten. Ein Teenager zeigt ihm damals Filme im Hotelzimmer. Er wird später die Biene-Maja-Serie als Regisseur betreuen.

Göhlen, der mit unbeirrbarer Hartnäckigkeit zuvor die Augsburger Puppenkiste bundesweit im Fernsehen bekannt gemacht hatte, setzt aus Kostengründen auf internationale Zusammenarbeit und fühlt sich mit dem Erfolg von „Wickie und die starken Männer“ bestätigt. Er erinnert sich an das Kinderbuch „Biene Maja“ und setzt es um. Allerdings stellt er die Romanvorlage von Waldemar Bosels regelrecht auf den Kopf. Geht es im Buch darum, dass eine einzelne Biene begreift, dass ihr Bienenvolk alles ist und sie als Individuum nichts, wird in der Serie Toleranz und Zusammenhalt beschworen. „Wir haben existenzielle Werte wie Emanzipation, Mut und Freundschaft vermitteln wollen. Ich stand, wenn man so will, für eine Form von medialer Pädagogik, die in der Poesie aufgehoben war“, erklärt Göhlen später. Die Figuren des väterlichen Freundes Flip und des treudoofen Willi erfindet Göhlen ebenfalls – im Buch kommen die beiden beliebten Figuren nicht vor.

Die entspannte Freundlichkeit, das Beschwören des Zusammenhalts, der den Schwächeren das Überleben sichert, widerspricht dem Geist der völkischen Romanvorlage. Göhlen, der Zwangsbeglückung von Kindern ablehnt, ist dennoch klar bei seiner Ablehnung des reaktionären Geistes der Buchvorlage und gestaltet die Geschichte ziemlich drastisch um. Er will unterhalten und nicht belehren, da kann Göhlen mit völkischem Gebrabbel nicht viel anfangen. „Meine Helden waren immer liebenswert, aber nie kindisch, weil ich der Meinung war und es auch immer noch bin, dass Kinder das gleiche Recht auf anspruchsvolle Unterhaltung haben wie Erwachsene.“

Passend dazu singt der Tscheche Karel Gott das Titellied ein, das Karel Svoboda komponiert hat und der für den prägnanten Soundtrack verantwortlich ist. Laut Gott trifft man sich zufällig auf der Straße. Svoboda fragt, was er gerade vorhabe, der entgegnet: nichts Besonderes. Eine halbe Stunde später ist das Lied, das ein Hit wird, im Kasten. So wie es dem Zeitgeist entspricht, man macht eben und sieht, was daraus wird.

Die Kritik zum Auftakt ist damals gedämpft, man wirft der Serie letztlich vor, was sie so erfolgreich macht: Sie unterhalte Kinder zu sehr und vermittle zu wenig pädagogisch Wertvolles. Göhlen, den man mittlerweile zum „Insekten-Jupp“ geadelt hat, sieht das als Kompliment. Er wiederholt das Erfolgsrezept dann noch mit „Heidi“ und „Captain Future“, später holt er „Alf“ und die „Simpsons“ in das deutsche Vorabendprogramm, ganz ohne Arbeitsgruppen oder tiefgründige Analysen. „Ich glaube, wir waren damals im Finden und Bauen von Programmen im positiven Sinn naiver als heute. Wir wussten instinktiv, was funktionieren könnte und was nicht“, sagt Göhlen später.

Von der computeranimierten Neuauflage von 2012 hält Göhlen, zu Recht, sehr wenig. Die neue Version wirkt frostig und steril, genau wie die neu eingesungene Version des Titelliedes von Helene Fischer. Göhlen glaubt an die Wärme der handgezeichneten Vorlage, wie er grundsätzlich am Handgemachten festhält. Die Original-Maja aus den 70er-Jahren ist immer noch viel beliebter als die digitale Hybridversion und wird es bleiben. Die – obwohl es um Insekten geht – menschliche Botschaft ist das Geheimnis der Biene Maja, die zuverlässig immer neue Generationen begeistert. Und es wohl auch noch lange tun wird.

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