Wendy Lanski (56) überlebte den Anschlag. Unten ihr Ausweis für das WTC. Links verzweifelte Menschen an den Fenstern. Sie hatten keine Chance. Der Weg nach unten: abgeschnitten. © Getty/Diederichs
Bilder, die um die Welt gingen. Firefighter stehen auf den Trümmern der kollabierten Türme. Oben Robert „Bob“ Beckwith mit US-Präsident George W. Bush. Beckwith starb 2024 mit 91 Jahren. © Randy Taylor/Picture Alliance
New York – Für Wendy Lanski war es ein Tag wie so viele andere. Im Nordturm des World Trade Centers saß sie in ihrem Büro und erledigte ihre Arbeit für eine Krankenversicherung. Es war noch früh am Vormittag. Von dem Drama im American-Airlines-Jet, der gerade auf den Turm zusteuerte, ahnte sie nichts. Die fünf Attentäter waren fest entschlossen, die 87 Geiseln an Bord ohne Chance.
Um 8.46 Uhr hörte Wendy Lanski einen gewaltigen Donnerschlag. Der Aufprall traf den Wolkenkratzer zwischen der 93. und 99. Etage, im oberen Viertel des 110 Stockwerke hohen Gebäudes. Die heute 56-Jährige spürte, wie der Wolkenkratzer schwankte. Nach einer knappen Minute, erzählt sie unserer Zeitung, habe sich die Lähmung der Menschen um sie herum gelegt. „Niemand dachte an Terrorismus“, erinnert sie sich. Sie wusste nicht, dass über ihr mehrere Stockwerke völlig zerstört waren. Und sie wusste nicht, dass im berühmten Aussichtsrestaurant Windows on the World im 107. Stock alle Gäste, Kellner und Köche sterben würden. Zusammen mit rund weiteren 1700 Menschen in diesem Turm.
Kein Terroranschlag. Nur ein kleines, beherrschbares Unglück mit einer Privatmaschine. Mit diesen Gedanken begannen Wendy Lanski und die Kollegen der Versicherung Empire Blue Cross die Evakuierung. „Im Treppenhaus war es zunächst sehr geordnet. Wenn wir die Wahrheit gewusst hätten, hätte es eine Massenpanik gegeben.“
Je näher sie dem Erdgeschoss kam, desto mehr Wasser floss von den Sprinkleranlagen auf die Treppenstufen. Wendy Lanski zog ihre Schuhe aus, um nicht auszurutschen. Abraham, ein Freund, blieb im 29. Stockwerk bei seinem Kollegen Ed, der an den Rollstuhl gefesselt war. Um auf Hilfe zu warten. „Er hätte ihn niemals zurückgelassen“, weiß Wendy. Im Treppenhaus drängten sich Feuerwehrleute nach oben. Keiner von ihnen würde es wieder aus dem Turm schaffen.
Nach gut 30 Minuten erreichte Wendy den Ausgang. Inzwischen war der zweite Flieger im Südturm eingeschlagen. „Seht nicht nach oben“, hat ihr ein Polizist zugerufen. Sie sollte nicht die Menschen sehen, die in den oberen Stockwerken gefangen waren und sich in den sicheren Tod stürzten, um nicht zu verbrennen.
Wendy lief vom Turm weg und rief Abraham an. Ein Feuerwehrmann hatte ihn und Ed erreicht, alles sah gut aus. Doch die Aufzüge waren nicht mehr nutzbar, der Abstieg über das Treppenhaus mit dem Rollstuhlfahrer war langwierig. Und die Zeit lief unerbittlich.
Um 9.58 Uhr kollabierte der Südturm. Der Nordturm hielt länger, um 10.28 Uhr sackte aber auch er zusammen – begrub Abraham, Ed und all die anderen unter sich. Der Baustahl hatte der unfassbaren Hitze nicht standgehalten. „Wir sind alle nur noch gerannt und haben geschrien“, erinnert sich Wendy Lanski. „Ich dachte, dass dies das Ende ist.“ Der gewaltigen Staubkaskade entkam sie nur, weil eine Fremde sie in einen Hauseingang zerrte. Später lief sie zum Hafen an der Südspitze Manhattans, wie Tausende andere auch.
Den Horror des 11. September 2001 kann Wendy Lanski nur verdrängen, wenn andere Tragödien geschehen. Wie der Tod ihrer Mutter im Dezember. Doch die 25 Jahre haben zumindest einige Wunden geheilt. Früher habe sie gezittert, wenn sie ein Flugzeug am Himmel sah. Heute lebt sie mit ihrem Mann Jerry eineinhalb Kilometer von einem Flughafen entfernt. Auch geflogen ist sie wieder. Anfangs habe sie jeden Passagier angestarrt. Aber sie sagt auch: „Schlimme Dinge können jederzeit geschehen.“ Was bleibt, ist das Schuldgefühl, überlebt zu haben. Noch immer fragt sie sich: Ist es gerecht, dass Abraham, Ed und so viele andere es nicht mehr aus den Türmen schafften?
Wendy Lanski versucht, diese Last zu kompensieren: freundlich sein zu anderen, Mitgefühl zeigen. Sie habe gelernt, dass jeder einmal Hilfe braucht – und bei solchen Tragödien Reichtum und Rang nichts zählen. Zu den offiziellen 9/11-Gedenkfeiern geht sie nicht. „Wir Überlebenden sind nicht eingeladen.“ Dennoch ist sie oft an der Gedenkstätte am Ground Zero. „Ein Gefühl von Frieden gibt mir, wenn ich die Namen lese und auf das so ruhige Wasser sehe.“FRIEDEMANN DIEDERICHS