„Sie haben ihren Job getan“

von Redaktion

Firefighter Tony Mussorfiti verlor fast alle Kollegen

Tony Mussorfiti (Mitte) mit anderen New Yorker Feuerwehrleuten. Das Foto entstand nach 9/11. © privat

New York – Tony Mussorfiti war eigentlich nicht zum Dienst eingeteilt. Er hatte eine Knieverletzung. Doch als seine Frau ihm sagte, dass ein Wolkenkratzer brenne, fuhr er sofort zu seiner Feuerwehrstation im Stadtteil Queens. Nur eine Handvoll „Firefighter“, wie die Feuerwehrleute in New York heißen, war noch da, die anderen waren schon unterwegs. „Niemand im Feuerwehrhaus hat viel geredet“, erinnert sich der heute 70-Jährige. „Wir ahnten, dass es mehr als nur ein Unfall einer Privatmaschine war.“ Tony Mussorfiti, Experte für Gefahrstoffe in seiner Brigade, schrieb wie alle anderen mit einem Filzstift seinen Namen, Bluttyp und Dienstnummer auf die Arme. Um im Fall der Fälle eine Identifizierung zu erleichtern. Dann zwängte er sich mit sechs Kollegen in einen privaten Pickup.

„Wir kamen an, als der zweite Wolkenkratzer gerade kollabiert war“, erzählt Mussorfiti. Später zeigte ihm ein Kollege ein Video, das ihn bis heute verfolgt. Zu sehen sind Feuerwehrleute der ersten Löschzüge seiner Station, die mit Furcht im Gesicht und schwerem Gerät in den Südturm gehen. Von den 21 Männern seiner Brigade in Queens starben 19. Zwei schafften es gerade noch vor dem Einsturz ins Freie. Ein Kamerad wurde von einem der Verzweifelten erschlagen, die Feuerwehrleute als „Jumper“ bezeichnen. All jene, die nicht verbrennen wollten und sich aus den Türmen stürzten.

Am Morgen danach, als sich der Rauch etwas gelegt hatte, beteiligte sich Mussorfiti an den Bergungsarbeiten. „Zu retten gab es da nichts mehr, wir zogen nur Leichen und Körperteile heraus“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Auch 343 Feuerwehrleute und Polizisten verloren an 9/11 ihr Leben. Doch bis heute sterben Ersthelfer: Lungenkrankheiten, schweres Asthma, Tumore durch die Gifte in der Grube. Viele hat Mussorfiti gekannt. Er nennt sie Freunde. „Die Politiker haben uns damals belogen, als sie sagten: Die Luft ist rein“, sagt er, der selbst wochenlang im Einsatz war. 2010 ging er mit Lungenproblemen in den Ruhestand.

Jahrelang schaffte er es nicht, den Ort zu besuchen, an dem er so viele Kollegen verlor. Sieht er heute die Gedenkstätte, übermannen ihn die Emotionen, schnürt es ihm die Kehle zu. „Es nimmt doch jeden mit“, sagt er. Wie andere auch versucht Mussorfiti, das Erlebte durch gute Taten zu kompensieren. Er sitzt im Beirat einer Organisation, die sich um mentale Probleme von Feuerwehrleuten kümmert. Oft trifft er sich mit jenen wenigen Kollegen zum Frühstück, die 9/11 überlebt haben. Mittlerweile kann er auch mehr als nur ein oder zwei Stunden in der Nacht schlafen, ohne von Albträumen aufgeschreckt zu werden. „Die Zeit hilft.“

Tony Mussorfiti weiß, dass sein dienstfreier Tag ihn rettete. Wäre er in der Station gewesen, als die Flugzeuge einschlugen, wäre auch er in einen Turm gegangen. „Sie sind schnell gestorben“, sucht er Trost. Acht bis zehn Sekunden dauerte der Kollaps der Türme. Er sagt: „Ich hatte eigentlich nie Angst vor dem Tod.“ Außer vor einem sinnlosen. Doch alle aus seinem Feuerwehrhaus seien nicht sinnlos gestorben. „Sie haben ihren Job getan.“FR. DIEDERICHS

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