In Zivil: Boris Müller, Rainer Lorz und unsere Redakteurin Marie-Theres Wandinger (v.li.) im Biergarten. © Schmidhuber
Zwei Bierkulturen: Rainer Lorz von den Gebirgsschützen mit Masskrug, daneben Boris Müller, Vizepräsident der Kölsche Funke, mit einem traditionellen Kölsch-Glas. © Astrid Schmidhuber
München – Beim Oktoberfest ziehen jedes Jahr insgesamt 50 bis 60 Gruppen und Vereine beim Trachten- und Schützenzug am ersten Festsonntag mit. Die Kompanien der Bayerischen Gebirgsschützen sind ein fester Bestandteil. Die Kölner Funken sind dieses Jahr zum ersten Mal dabei. Rainer Lorz, Hauptmann der Kompanie Wolfratshausen, und Boris Müller, Vizepräsident der Kölsche Funke rut-wieß vun 1823 e.V., haben sich mit unserer Zeitung zum persönlichen Austausch getroffen. Ein Gespräch über ein Leben in Montur.
Herr Müller, Sie dürfen dieses Jahr zum ersten Mal beim Trachten- und Schützenzug mitgehen. Geht für Sie ein Traum in Erfüllung?
Müller: Auf jeden Fall. Ich gehe schon seit 25 Jahren beim Rosenmontagszug in Köln mit. Jetzt kommt eine neue Erfahrung dazu. Für den Trachten- und Schützenzug müssen wir uns aber umstellen. In Köln ziehen wir mit Wurfmaterial durch die Stadt. Das ist hier nicht erlaubt.
Herr Lorz, Sie haben bereits am Umzug teilgenommen. Wie beschreiben Sie die Stimmung?
Lorz: Ich war zweimal dabei. Am Ende ziehen sich die sieben Kilometer ein wenig. Durchhalten lohnt sich aber. Das Erlebnis ist einmalig und unbeschreiblich. Der Jubel der Zuschauer spornt einen immens an.
Müller: Ich bin schon gespannt, wie die Zuschauer auf uns reagieren werden.
Lorz: Ihr vermittelt genauso wie wir Brauchtum, und da müsst ihr euch nicht verstecken. Im Karneval seid ihr das Original.
Würden Sie die Uniform des anderen tragen?
Müller: Ja, ich würde sie sofort anziehen. Wenn ich rund um München wohnen würde, wäre es für mich ein Traum, ein Teil der Gebirgsschützen zu sein.
Lorz: Wenn ich darf, würde ich sie tragen. Da steckt immer viel Haltung und Respekt dahinter. Aber wenn es ein Angebot gäbe, würde ich auch hineinschlüpfen.
Müller: Könnte ich als Kölner überhaupt ein Gebirgsschütze werden?
Lorz: Bei den Wolfratshausern schon. Das regelt aber jede Kompanie individuell für sich. Wie wäre es umgekehrt?
Müller: Das wäre kein Problem. Es gibt sogar schon Bayern und Schwaben bei uns.
Gibt es Zeiten, in denen Sie Ihre Montur bzw. Uniform nicht tragen dürfen?
Lorz: Wir tragen unsere Montur das ganze Jahr, aber immer im entsprechenden Rahmen. Ich könnte in der Montur nicht in den Biergarten gehen. Es muss immer einen offiziellen Anlass geben. Zum Beispiel an unserem Patronatstag oder wenn wir den Freistaat Bayern bei Empfängen repräsentieren.
Müller: Leider dürfen wir unsere Uniform nur vom 11.11. bis zum Aschermittwoch tragen. Traditionell ist der Karneval bei uns in der dunklen, kalten Jahreszeit. Deshalb ist unsere Uniform auch nicht für 30 Grad gemacht – so wie heute (lacht). Auch in der Adventszeit hat die Uniform Pause. Eine absolute Ausnahme machen wir für den Trachten- und Schützenzug.
Wird die Uniform angefertigt oder weitervererbt?
Müller: Bei uns hat jeder seine eigene, maßgefertigte Uniform. Idealerweise hält sie zehn Jahre. Bei den Kölner Funken lassen sich einige sogar in der Uniform beerdigen. Man geht einen Bund fürs Leben ein.
Lorz: Die Gebirgsschützen vererben nicht nur ihre Uniform, sondern auch ihre Mitgliedschaft. Wenn ein Gebirgsschütze stirbt oder kein Mitglied mehr ist, gibt er sie meist innerhalb der Familie weiter. Sonst muss die Montur zur Kompanie zurück – auch wenn derjenige sie für sich selbst hat anfertigen lassen.
Wie viel kostet eine Uniform?
Müller: Die Rundumausstattung kostet zurzeit zwischen 4000 und 5000 Euro.
Lorz: Wenn jemand Teil der Gebirgsschützen sein will, muss er mit etwa 1500 Euro rechnen. Natürlich ist die Summe nach oben immer offen. Eine Lederhose kann 300 Euro oder 2000 Euro kosten.
Was bedeutet für Sie Tradition?
Müller: Tradition ist für uns die Weitergabe des Feuers. Es ist wichtig, unser Wertesystem aufrechtzuerhalten. Tradition bedeutet Wertschätzung und Gemeinschaft. Es ist schön, wenn diese Werte über Generationen weitergegeben werden. Viele sehen traditionelle Werte auch als Halt.
Lorz: Für mich bringt es ein Spruch auf den Punkt: ,Tradition ist nicht das, was uns zurückhält, sondern das, was uns zeigt, was es wert ist, weiterzumachen.‘ Positive Werte, der Halt und die Gemeinschaft bestehen also immer weiter. Ein Verein sollte nicht nur zu Lebzeiten für seine Mitglieder da sein, sondern sie auch danach in Erinnerung behalten.
Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen den Kölner Funken und den Gebirgsschützen?
Lorz: Ich glaube, eine große Gemeinsamkeit ist die spezielle Freundschaft mit den Preußen (beide lachen herzlich).
Müller: Ja, das denke ich auch. Uns verbinden aber auch das Brauchtum, die Tradition und das Hochhalten der Werte.
Lorz: Und auch der historische Ursprung ist ähnlich. Eure Vorgänger waren nur der Stadt Köln unterstellt und die Gebirgsschützen dem jeweiligen Landgericht.
In beiden Städten hat Bier einen besonderen Stellenwert. Wie kommen Sie mit der jeweils anderen Glasgröße klar?
Müller: Ein Freund hat mir einen Tipp gegeben: Wiesn-Disziplin. Das heißt, dass ich die richtige Grundlage brauche. Dann kann man auch mehrere Mass trinken, ohne von der Bank zu fallen (lacht). Man muss es sich nur richtig einteilen. Schließlich sind fünf Kölsch eine Mass.
Lorz: Ich bin aber generell bierbegeistert. Für den Geschmack ist es sogar besser, wenn die Gläser kleiner sind. Eines bleibt immer gleich: Es kommt auf die richtige Temperatur an. Ich trinke also auch gerne Kölsch. Am wichtigsten ist dort aber: zum Schluss Deckel aufs Glas. Sonst kommt ständig ein neues Bier nach.
Sie sprechen beide Dialekt. Was ist Ihr liebstes Dialektwort?
Lorz: Für mich ist es Ä-ha. Ein Ä-ha kann eine Entschuldigung sein, es kann ein „Do schau her“ sein oder Begeisterung ausdrücken.
Müller: Ist das dann wie: Ja mei?
Lorz: Ja mei bedeutet eher: Das ist mir wurscht. Ä-ha geht in eine andere Richtung.
Müller: Jetzt muss ich drei Buchstaben toppen. Ein schönes Wort in Kölsch ist Veedel, also das Stadtviertel. Das verbinden viele mit Glücksgefühlen und Liebe. Bei den Kölnern gibt es übrigens kein Wort für Liebe. Wir sagen: Isch han disch jän (ich habe dich gern).
Lorz: Im Bairischen gibt es auch keinen Ausdruck dafür. Wir sagen: I hob di hoid scho gern.
Müller: Da haben wir also noch eine Gemeinsamkeit. Und wir können auch sagen, dass wir uns mögen.