München – Mit dem harten Lockdown musste auch der Autohandel schließen. Davor hatte der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) gewarnt: Autohäuser seien mit ihren großen Verkaufsflächen und der geringen Zahl gleichzeitig anwesender Kunden keine Pandemietreiber. Thomas Radlmaier sieht das auch so. Im Interview begründet der Chef des gleichnamigen Münchner Autohauses, warum seiner Meinung nach der Autohandel zur Grundversorgung gehört.
Herr Radlmaier, seit dem harten Lockdown können Sie keine Autos mehr verkaufen. Wie verkraftet das Ihr Autohaus?
Schlechter als im ersten Lockdown. Wir wussten schon im Frühjahr, dass auf uns Umsatzeinbrüche zukommen werden, die wir bis zum Ende des Jahres nicht mehr auffangen können. Trotzdem sind wir die Situation mit Mut und einer gewissen Gelassenheit angegangen. Jetzt ist es aber anders. Der zweite Lockdown hat in unserem Betrieb vielmehr zum Stillstand geführt. Unser Autohaus lebt eigentlich von der Motivation unserer Mitarbeiter. Aber es scheint so, als würde der Lockdown auch im Januar noch kein Ende nehmen. Das macht es uns schwer, die positive Grundstimmung aufrechtzuerhalten und nicht zu frustriert zu sein.
Woher kommt die Frustration?
Wir sind natürlich auch in unserem Autohaus dazu bereit, unseren Teil mitzutragen – damit die Pandemie endlich ihr Ende nehmen kann. Aber dabei muss es auch gerecht zu gehen. Die Maßnahmen sind aber meiner Meinung nach völlig unausgewogen. Wir haben eine Ausstellungsfläche von 500 Quadratmetern. Wir können Abstände problemlos einhalten. Wenn man hingegen auf den öffentlichen Nahverkehr schaut: Da sitzen Menschen dicht an dicht beieinander. Das ist für mich schwer nachvollziehbar. Dazu kommt: In Thüringen darf der Autohandel weiterhin geöffnet bleiben – dort wird er als Grundversorgung gesehen. Warum hier nicht?
Ist denn der Autohandel so systemrelevant?
Die Mobilität ist ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft. Was ist denn mit Leuten, die einen Totalschaden am Wagen haben? Nicht jeder kann dann mehrere Wochen auf ein neues Auto warten. Auch nicht nachvollziehbar: Der gewerbliche Lkw-Handel läuft weiter. Warum keine Autos? Was ist mit Pflegediensten, die kurzfristig einen Kleinwagen brauchen?
Wäre Online-Handel eine Alternative?
Den bieten wir an, aber das wird von unserer Kundschaft nicht wirklich angenommen. Wer ein Auto kauft, will es sich vorab auch wirklich anschauen.
Mit wie viel Verlust rechnen Sie?
Wir haben Glück, dass unsere Werkstatt noch geöffnet ist. Aber der Autoverkauf macht nun mal 60 bis 70 Prozent unseres Gesamtumsatzes aus. Ich schätze: Durch die beiden Lockdowns fehlen uns insgesamt 1,5 Millionen Euro – das sind in etwa 20 bis 30 Prozent unseres Gesamtumsatzes. Das ist wiederum nicht genug, um Soforthilfe oder andere Überbrückungsmaßnahmen zu bekommen. Und es zeichnet sich auch jetzt schon ab: Wenn wir keine Autos verkaufen können, haben wir auch mittelfristig keine Kunden für die Werkstatt. Das geht beides Hand in Hand.
Was sollte anders gemacht werden?
Ich bin kein Virologe und auch kein Politiker. Aber meines Wissens wurde nie festgestellt, dass der Einzelhandel und gerade der Autohandel zum erhöhten Infektionsgeschehen beitragen. Man geht sehr pauschal auf den Handel los, und das ist meiner Meinung nach der verkehrte Ansatz. Ich weiß nicht, warum man dazu bereit ist, die Wirtschaft so extrem runterzufahren. Die Automobilindustrie trägt doch massiv zu unserem Wohlstand bei, verschafft uns Arbeitsplätze. Das sollte man doch vor allem in Bayern bedenken, wo die großen Automobilhersteller sitzen.
Haben Sie Existenzängste?
Wir sind ein familiengeführtes Unternehmen mit 23 Mitarbeitern. Unser erstes Ziel ist, diese Jobs zu sichern – was wir durch Kurzarbeit zum Glück auch können. Aber es könnte trotzdem sein, dass selbst Betriebe wie unserer, dem es eigentlich immer sehr gut ging, noch in eine tiefe Krise stürzen werden – wenn die Maßnahmen so weitergehen. Und es geht sehr vielen mittelständischen Unternehmen so wie uns. Wir haben laufende Kosten. Die Situation ist wirklich nicht einfach. Ohnehin hat der Großteil der Menschen derzeit kein großes Interesse daran, ein Auto zu kaufen. Durch das Homeoffice sind die Leute viel weniger unterwegs, man ist viel vorsichtiger, und auch die finanzielle Sicherheit fehlt. Ich verstehe nicht, warum wir dazu noch unsere riesige Verkaufsfläche dichtmachen müssen.
Interview: Kathrin Braun