Prien – Auf den Spuren Ludwig Thomas (1867-1921) wandeln und die verschiedenen Seiten des Schriftstellers kennenlernen konnten Besucher im evangelischen Pfarrzentrum. Die Teilnehmer des P-Seminars „Ludwig Thoma – ein Lausbub?“ am Ludwig-Thoma-Gymnasium (LTG) hatten mit viel Engagement eine Ausstellung in Eigenregie organisiert. Sie präsentierten Dokumente, Gemälde und Fotos aus dem Leben und Werken des Dichters. Sogar eine eigene Schreibstube samt Federkiel und Tintenfass bereicherte die Ausstellungsräume.
An Stationen konnte man lesen, lauschen, kosten, betrachten, zuschauen und mitmachen.
Das LTG wurde 1953 nach dem Schriftsteller benannt, der im Ludwig-Thoma-Haus, das zum Gymnasium gehört, einige Zeit seiner Jugend verbrachte, da seine Mutter dort von 1875 bis 1886 die damalige Gastwirtschaft gepachtet hatte.
Hauptsächlich ist Thoma als Schriftsteller der Lausbubengeschichten und der Heiligen Nacht bekannt, aber er war viel mehr: Thoma war Jurist, er arbeitete als Redakteur und Redaktionsleiter beim Simplicissimus und schrieb unter dem Pseudonym „Peter Schlemihl“ Gedichte, er war Frauenliebhaber, er meldete sich als Sanitäter im Ersten Weltkrieg und kurz vor seinem Tod schrieb er meist antisemitische Hetzartikel für den Miesbacher Anzeiger.
Ein vielschichtiges Leben, und genauso inszenierten die Schüler auch die Vielschichtigkeit des bekanntesten Lausbuben Bayerns. Da gab es auf roten Herzen Informationen über ihn und seine „Herz-Damen“, da lagen Auszüge aus dem Miesbacher Anzeiger mit Hasstiraden auf dem Schreibpult und in einem anderen Raum konnte man Thomas Geschichten wie „Der Kindlein“ lauschen.
„Die Seeschlacht“ (Thoma will als Lausbub auf dem heimischen Weiher sein Papierschiff mit Schwarzpulver schneller machen) wurde trotz schlechten Wetters in einer kleinen Wanne samt Papierschiff und Böllern vor dem Pfarrheim nachgestellt. Schüler der Unterstufe und des Abiturkurses Kunst näherten sich dem Schriftsteller mit Gemälden und Porträts, die die Räume und Wände schmückten.
Eine Umfrage an verschiedenen Orten in der Region ergab, so war zu erfahren, dass vier von fünf Befragten die Lausbubengeschichten kennen, aber nur jeder Fünfte von Hetztiraden Thomas weiß. Die Ausstellung hätte hier mehr Aufklärung schaffen können, öffnete aber leider – aufgrund des sanierungsbedingten Raummangels am LTG – nur einen Abend ihre Pforten.
Und wie hielten es die Ausstellungsbesucher mit dem Heimatdichter? Sie waren uneins, wie man an der Station Evaluation sehen konnte. Mit Hilfe kleiner Holzspieße konnten die Besucher auf Skalen zwischen Weiberheld und Frauenverachter, zwischen Antisemit und Menschenfeind, zwischen rechtsradikalem Hetzer und linksliberalem Satiriker, zwischen volkstümelndem Eigenbrötler und Weltenbürger abstimmen. Die meisten Stimmen gab es genau an den Schnittstellen.