chiemgauer im porträt

250 Stapelläufe im Jahr

von Redaktion

Er kennt sie alle, doch gebaut hat er keines von ihnen. Im Frühjahr setzt Franz Madl die Boote aufs Wasser, und im Herbst holt er sie wieder an Land. Ein gelernter Bootsbauer erfindet sich neu.

Übersee – Franz Madl hat durchaus einen Sinn für Tradition, aber deswegen muss ja nicht immer alles so bleiben, wie es mal war. Schon sein Vater hat erlebt, was Veränderung bedeutet, als es ihm auf der Fraueninsel zu eng wurde und er als Bootsbauer aufs Festland umsiedelte. An der Chiemsee-Mündung des Überseer Bachs erwarb er ein Grundstück und gründete 1947 die Bootswerft Madl.

Die Anzahlung bestand aus einer nagelneuen Chiemsee-Plätte – Naturalien waren zu der Zeit mehr wert als Bares. Sein Sohn Franz, Jahrgang 1950, ist am Wasser aufgewachsen und mit dem Bootsbau groß geworden.

In der Nachbarschaft wurde früher richtiger Schiffsbau betrieben. Hier wurde das historisch verbürgte erste Dampfschiff auf bayerischen Seen gebaut. Am 5. Mai 1845 ging die „Bauernarche“ – so nannten spöttische Zeitgenossen das Schiff – von der Feldwies aus auf Jungfernfahrt Richtung Fraueninsel.

Franz Madl lernte die Kunst des Bootsbaus noch am klassischen Rohstoff Holz, auch weil seine Boote nur die Größe hatten, die Fischer und Wassersportler brauchten: Plätten, Ruderboote und Schratzen, die am Chiemsee erdachte handliche Segeljolle mit 15 Quadratmetern und dem im Segel dargestellten Barsch, der bei den Chiemsee-Fischern eben Schratz heißt. Madls Gesellenstück war ein offenes hölzernes Ruderboot von 3,5 Metern Länge.

Aber natürlich weiß er noch, wie man Boote baut. Gerade liegt das letztgebaute seiner Werft, ein Jollenkreuzer aus den 70ern, wieder bei ihm in der Halle und wartet auf eine gründliche Überholung. Ein Blick ins Innere zeigt grundsolide Arbeit, doch der Zahn der Zeit ist bei Booten unerbittlich.

Franz Madl ist allerdings keiner, der diesem Umstand über Gebühr nachtrauert, dazu sind für ihn die Dinge, die im modernen Yachtbau passieren, viel zu spannend. Als in den 70ern auch am Chiemsee der Seglerboom begann, wuchs der Madl-Hafen ständig, und der Bootsbau wurde weniger. Als Ausgleich sah er dafür täglich immer mehr unterschiedlichste Boote. Lange gehörte ihm ein „eher puristisches“ Holzboot der sportlichen Sonderklasse, aktuell hat er eine moderne Kunststoffyacht mit 14-Meter-Mast, hölzernem Innenausbau aus eigener Werkstatt und Teakdeck – „richtig solide, ein paar Zentimeter stark!“

Kein Bootsproblem bleibt ungelöst

Franz Madl ist als Bootsbauer natürlich auch Segler, beides mit Leib und Seele. Früher hat er Regatten gesegelt, nicht nur auf dem Chiemsee. Und wenn er von den alten, traditionellen Bootsklassen erzählt, gerät er in Fahrt. „So ein Schärenkreuzer draußen bei einem Dreier-Wind, das ist ein Genuss für die Augen!“

Auch die Fachsimpeleien in seinem Seglerladen genießt er. Die Bootseigner aus Salzburg, München, Rosenheim und dem ganzen Chiemgau fühlen sich gut aufgehoben in seinem Hafen, der sich ganz bewusst nicht „Marina“ nennt. Ein Glücksfall für beide Seiten, denn beim Madl wird zwar nicht mehr gebaut, aber kaum ein Bootsproblem bleibt hier ungelöst, auch solche, die mit Polyester oder Epoxi zu tun haben. Und als Bootsbauer zu jeder Zeit über 200 Boote im Blick zu haben, jedes auf seine Art etwas Besonderes, das hat schon was.

Auge und Hand sind gefragt, wenn es zweimal im Jahr ans „Kranen“ geht, wenn die vielen Boote und tonnenschweren Yachten mit dem Kran aus dem Wasser geholt oder wieder eingesetzt werden. Dann lässt Franz Madl seinen Kennerblick über Rumpflinien schweifen, prüft kritisch die Schwachstellen einer Ruderanlage und ist dabei ganz in seinem Element. Bei diesen Aktionen schaut ihm seine Tochter Christina am Hafen genau zu, sie hat schließlich vor Kurzem in der dritten Generation die Werft übernommen. An dieser Tradition wird nicht gerüttelt.

Artikel 1 von 11