Prävention gegen gewalt und cybermobbing

Schnell ist es eine Straftat

von Redaktion

Mobbing, Beleidigungen, Porno- und Gewaltvideos, Nacktfotos im Internet. Christian Paffinger spricht als Jugendbeamter der Polizei Klartext mit den Achtklässlern der kommunalen Realschule Prien. Seine Beispiele sind drastisch, aber sein Präventionsprogramm erreicht die Schüler.

Prien – „Wenn ich pornografische Fotos geschickt bekomme, sie aber selber nicht weitergeleitet habe, bin ich dann schon ein Straftäter?“, will ein Schüler wissen. Mit Christian Pfaffinger geht es ans Eingemachte.

Die Achtklässler sprechen an, was sie beschäftigt: Dass eine Freundin einmal eine auf dem Klo hinterlegte laufende Kamera gefunden hat. Ob es okay ist, wenn in einer Whatsapp-Gruppe ein nackter Hintern als Titelbild verwendet wird, dessen Besitzerin davon nichts weiß. Warum, wenn eine 13-jährige Freundin mit einem 14-Jährigen Sex hatte, von „Missbrauch“ die Rede ist, wo es doch einvernehmlich war. Schnell ist klar: Das weite Feld „Internet, Gewalt, Kriminalität“ verunsichert und überfordert die Schüler. Und es ist kein theoretisches Thema, sondern in ihrem Alltag angekommen.

Einen ganzen Schultag hat Pfaffinger Zeit für jede der drei achten Klassen der Schule. Er geht die Sache gründlich an, und er hat seine beiden Präventionsprogramme zu körperlicher Gewalt und Cybermobbing kombiniert – weil die Grenze fließend ist. Mobbing, so erklärt er den Schülern, sei auch eine Form der Gewalt, seelische Gewalt.

Schulleiterin Andrea Dorsch zieht zu dem schwierigen Thema gerne den externen Fachmann heran. Nicht nur, weil er sich gut genug auskennt in der digitalen Welt, um mit den Schülern auf Augenhöhe zu sprechen, sondern auch, weil sie mit ihm Themen ansprechen, die ihnen vor Eltern oder Lehrern peinlich wären.

Dass der Kommentar „Hey du bitch“ unter einem Instagram-Foto nicht böse gemeint ist, und „Du Arschloch“ durchaus oft anerkennend gemeint ist, weiß Pfaffinger. Aber er warnt die Schüler: „Man gewöhnt sich eine Sprachform an, und dann rutscht einem das heraus, wenn man es gar nicht brauchen kann. Zum Beispiel nächstes Jahr im Betriebspraktikum.“

Durchhalten: Jetzt ist Woche der Höflichkeit

Den folgenden Arbeitsauftrag nimmt die Klasse mit leicht entsetztem Murmeln auf: Ab jetzt ist sieben Tage lang, 24 Stunden am Tag, „Woche der Höflichkeit“. Nett sein ist angesagt. „Bitte und danke sagen kostet nichts und tut nicht weh, öffnet aber Türen“, gibt der Polizist den Schülern mit auf den Weg.

Gründe, warum jemand ausgegrenzt wird, fallen den Mädchen und Burschen viele ein: Weil einer Ausländer ist, eine Behinderung hat, der erste Eindruck nicht passt, dick ist oder die falsche Kleidung trägt. Kurzum, weil er anders ist. Die Antwort auf die Frage „Wer ist gleich?“, ist jedoch allen klar: „Keiner.“ Und daher, gibt Pfaffinger zu bedenken, sei jeder von ihnen ein potenzielles Mobbing-Opfer.

Wie sich das anfühlt, ließ er in einem Rollenspiel erproben: Drei Schüler schickte er aus dem Raum – mit dem Auftrag, sich einer Gruppe anzuschließen, wenn sie wieder rein kommen. Die anderen wurden instruiert, den Betreffenden bei diesem Versuch komplett zu ignorieren – so lange, bis glaubhaft das Zauberwort „bitte“ fällt. Im Anschluss berichteten die „Mobbing-Opfer“, wie es ihnen bei dem Spiel ging. „Ich bin mir ein bisschen blöd vorgekommen“, sagt ein Mädchen, „es ist kein gutes Gefühl“ einer der Burschen.

Über soziale Medien, so der Polizeibeamte, werde extrem gemobbt: Massivste Beleidigungen und brutale Kommentare würden verbreitet – mit der Begründung: „Das ist doch normal. Das macht jeder“. „Das sind Leute, die mit sich selber nicht zufrieden sind“, weiß eine Schülerin und tituliert solche Typen als „Internet-Rambos“. „Das ist aber keine Entschuldigung“, entgegnet Pfaffinger.

Was wann eine Straftat ist, erklärt er an Fallbeispielen, die er als Polizist tatsächlich erlebt hat. Und auch den Schülern sind einige der Fälle nicht fremd. Sie bestätigen zum Beispiel, dass immer wieder Videos von gefilmten Schlägereien rumgeschickt werden.

Intuitiv wissen die Schüler meist, was recht und was unrecht ist, das sagt ihnen ihr Gefühl. Nur, wie schnell man ungewollt in eine Straftat hineinrutscht und wie drastisch die Strafen sein können, ist ihnen nicht bewusst. Dass eine im Unterricht gefilmte und bei Facebook hochgeladene Szene nicht okay ist, ist allen klar. Dass aber schon allein das unbefugte Mitfilmen eine Straftat darstellt, aber nicht. „Kommt fei oft vor“, weiß Pfaffinger aus dem Polizeialltag.

Angewidert schauen die 13- und 14-Jährigen, als er ein Fallbeispiel erzählt: Eine 13-Jährige hatte sich von einem Chat-Freund zu Skype-Sex vor laufender Kamera überreden lassen. Er hatte ihr die große Liebe vorgegaukelt – sie fiel darauf rein, schickte binnen kürzester Zeit das erste Foto mit entblößter Brust, und ließ sich schnell zu mehr überreden.

Wie sich herausstellte, hatten beide gelogen: Das Mädchen hatte sich zwei Jahre älter gemacht, ihr angeblich 16-jähriger Freund aus Regensburg war tatsächlich 24 und aus Bochum. Auch war das Mädchen nicht sein einziges Opfer. Der Mann, so Pfaffinger, bekam wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes eine Haftstrafe.

„Jeder lügt im Internet“ schärfte Pfaffinger den Schülern ein. Sein dringender Appell: „Fotos von eurem Körper gehen keinen was an. Nicht mal die große Liebe darf solche Fotos machen. Denn wenn es vorbei ist, können Racheaktionen kommen.“

Artikel 1 von 11