Chiemgau/Nepal – An einem Punkt der Geschichte sind sich Fritz Semmelmayr aus dem Chiemgau und Chyangba Lama aus dem nepalesischen Pokhara uneins. Nach Semmelmayrs Erinnerung war es eine Kuh, die 1988 während einer Wanderung auf seine Frau Anna zugaloppierte. Der Sherpa indes meint, es sei ein Esel gewesen. Über den weiteren dramatischen Verlauf herrscht Einigkeit: Hätte der aufmerksame Chyangba sich nicht unter Einsatz seiner eigenen Unversehrtheit dem aufgeschreckten Tier in den Weg geworfen, hätte das Anna Semmelmayr das Leben kosten können. Von da an bezeichnete sie den Nepalesen als ihren Lebensretter.
Es war die erste Trekkingtour des Paars, die es vor fast 30 Jahren drei Wochen lang rund um den 8091 Meter hohen Annapurna führte. Nach dem prägenden Erlebnis, das die Eheleute Semmelmayr und den Sherpa zusammenschweißte, folgten in den 90er-Jahren drei weitere Aufenthalte – immer in Pokhara, immer mit demselben Sherpa an ihrer Seite. „Er war fast so etwas wie ein zweiter Sohn für meine Frau“, sagt der Witwer. „Es war ihr sehr wichtig, dass es ihm gut ging.“
In der 200 Kilometer westlich von Kathmandu gelegenen Stadt ist auch einer der Lieblingsorte der Chiemgauerin zu finden: die auf 1300 Metern gelegene Friedensstupa, eine Kapelle, von der aus der Blick weit über das Pokhara-Tal reicht.
Diesen Ort besuchte Fritz Semmelmayr nun noch einmal. Für Anna, die vor einem Jahr starb, pflückte er eine gelbe Blume. Grund für die Reise war ihr sehr klar formuliertes Testament: Statt Kränzen auf dem Grab wünschte sie sich Geldspenden für Chyangba Lama.
„Freilich hätten wir das Geld auch irgendwie nach Nepal schicken können“, sagt der frühere Vermessungsingenieur. „Aber wir hätten nie sicher sein können, dass es den Sherpa auch erreicht.“ Für Sohn Stephan, bekannt als Geschäftsführer des Chiemgau Tourismusverbandes, der die Reise organisierte, stand ein anderer Aspekt im Vordergrund: „Ich hatte das Gefühl, dass es meinen Vater von seiner Trauer ablenken würde. Und ich dachte, er wird trotz des Verlustes besser schlafen können, wenn er den letzten Wunsch seiner Frau noch erfüllt.“ Trotz der gesundheitlichen Einschränkungen des 79-Jährigen entschieden sie sich für die Reise und traten sie Anfang November an.
Das vorherige Aufspüren des Sherpas war eine große Herausforderung gewesen – auch wegen des schweren Erdbebens, das in Nepal vor zwei Jahren große Schäden angerichtet hatte. Auf E-Mails erhielt Semmelmayr junior monatelang keine Antwort. Erst mit der Hilfe der „Kinderhilfe Nepal“ aus Waging fand er den heute 58-jährigen Sherpa Chyangba.
Der lange Weg über Delhi und Kathmandu bis Pokhara brachte Fritz Semmelmayr an seine Grenzen. Den Augenblick, als der Vater den Sherpa am Flughafen von Pokhara erkannte, hat Sohn Stephan mit Tränen in den Augen beobachtet. „Ich glaube, dieser Moment hat ihn für alle Strapazen entschädigt“, sagt der 49-Jährige.
Einen ganzen Tag verbrachten Vater und Sohn nach der Übergabe der 1000 Dollar mit Chyangba und seiner Familie. Auf dem Rückweg besuchten sie die junge Lehrerin, die nahe Kathmandu die Schule der Waginger „Kinderhilfe Nepal“ leitet, und überbrachten eine Spende des Vereins.
Wieder zu Hause, führte einer der ersten Wege Fritz Semmelmayr zum Grab seiner Frau. Dort legte er die mittlerweile vertrocknete Blume aus Pokhara ab. „Ich bin froh, dass ich meiner Frau diesen Wunsch erfüllen konnte. Es fühlt sich richtig an, auch gegenüber denjenigen, die gespendet haben.“