menschen im chiemgau

Reinhold Messner war sein Türöffner

von Redaktion

Natur, Sport, Freiheit. Dr. Heinrich Flik braucht nicht viel, damit es ihm gut geht. Als führender Manager eines Weltunternehmens hat er alles gesehen und gehabt. Vor 40 Jahren hat er eine Rolle Gore-Tex-Membran aus den USA mitgebracht und damit die Welt des Outdoorsports revolutioniert. Das Wort „Ruhestand“ passt zwar nicht zu ihm, dennoch genießt der 77-Jährige eben diesen sehr bewusst im Chiemgau.

Prien – Es ist keine große Villa am See, sondern ein idyllisch gelegenes Zuhäusl im Priener Hinterland. Der größte Luxus ist der freie Blick vom Küchentisch auf die Kampenwand. Auf sie zieht es Heinrich Flik immer noch oft hinauf – wenn auch nicht mehr mit dem Mountainbike. „Durch das E-Bike hat sich meine Reichweite erhöht. Ohne käme ich nicht mehr bis zur Steinling-Alm“, weiß er. Doch die Radlsaison ist rum; jetzt freut er sich auf die Langlaufsaison auf seiner Lieblingsloipe in Sachrang.

Der Sport war Flik immer wichtig. Als Student brach er sich lieber den Knöchel, als beim Skirennen Zweiter zu werden. Bei einer Alpenüberquerung mit dem Rennrad fror er so erbärmlich, dass er das Trikot vorne mit Zeitungspapier ausstopfte – und hinterher, quasi aus der Not heraus, eine Radjacke entwickelte. Sie ist seit 20 Jahren einer der Gore-Tex-Verkaufsschlager.

Als er noch voll im Berufsleben stand, lebte Flik in Ottobrunn, nahe der Werke in Putzbrunn. Sobald er frei hatte, zog es den leidenschaftlichen Segler und Skifahrer in die Ferienwohnung im Chiemgau. Seit fünf Jahren ist sie sein Hauptwohnsitz.

Wahrscheinlich hat er den Stress des Berufslebens dank des Sports so gut überstanden. Nie reiste er ohne einen Satz Joggingsachen im Koffer. „Laufen kannst du in New York wie auch in Tokio“, sagt er.

Heinrich Flik ist in der Welt daheim, fühlt sich – wie er betont – als Europäer, und blieb im Herzen immer Schwarzwälder. Vorgesehen war, dass er das väterliche Sägewerk in Loßburg-Rodt übernimmt. In den Wäldern hinter dem Familienbetrieb in der schwäbischen Kleinstadt hat er als Bub jene Freiheit erlebt und lieben gelernt, die ihm heute noch wichtig ist und die er auch an seinem Arbeitgeber so schätzte.

Aus geplantem halben Jahr wurde ein

ganzes Berufsleben

In Mannheim und München studierte er Betriebswirtschaft, promovierte 1968 in Kybernetik. Eine große Unternehmensberatung war sein Berufsziel. Ohne einen Studienfreund hätte Flik den Aushang am schwarzen Brett der Uni nie beachtet, mit dem die amerikanische Firma W. L. Gore einen Mitarbeiter zum Aufbau einer Filiale in Deutschland suchte. „Das ist doch nur eine kleine Klitsche mit 30 Leuten“, hatte er damals, vor fast 50 Jahren gedacht, sich aber dennoch beworben. „Buy yourself a ticket and come over“ – kauf dir ein Ticket und komm – antwortete Firmengründer Bill Gore per Telex.

Ein halbes Jahr wollte er bleiben, ein ganzes Berufsleben wurde daraus. Maßgeblichen Anteil daran hatten die Menschen. Bill Gore und seine Frau Vieve pflegten ein besonderes Unternehmenskonzept: Firmen wurden dort aufgebaut, wo die Mitarbeiter gerne leben, Hierarchien klein gehalten, jeder Mitarbeiter bekam die Chance, sich seinen Neigungen entsprechend einzubringen, hatte ein Mitspracherecht und Anteile an der Firma. Wurde ein Werk zu groß, wurde ein neues gegründet, weil ab 150 Mitarbeitern die Kommunikation leidet.

Vieles war anders als überall sonst. Das alles gefiel dem jungen Mann aus Deutschland, kam seiner „inneren Sehnsucht, möglichst frei zu sein“, entgegen. Endgültig geködert hat ihn, dass das deutsche Werk ausgerechnet nahe München entstehen sollte – in der Nähe seiner geliebten Berge.

1970 entdeckte Gores Sohn Bob – wie der Vater ein Chemiker –, dass der von der Firma verwendete Kunststoff Polytetrafluorethylen (PTFE) in gedehntem Zustand außergewöhnliche Eigenschaften besitzt: atmungsaktiv, wasserdicht, resistent gegen Säuren, hohe Thermo- und elektrische Isolationsfähigkeit. Das Gore-Tex-Material war geboren. Eine Rolle davon nahm Heinrich Flik mit nach Deutschland.

Beim gemeinsamen Heli-Skiing in Kanada erzählte er Klaus Scheck, dem Gründer des gleichnamigen Sporthauses, davon. Und der fackelte nicht lange rum: Die nächsten Tage sei Bergsteiger Reinhold Messner zu einem Sponsoren-Termin bei ihm im Münchener Sporthaus. „Komm vorbei und zeig ihm das“, riet Scheck.

Gut gerüstet fuhr Flik nach München. Auf einem Campingkocher erhitzte er einen Topf Wasser, deckte diesen mit Gore-Tex-Material ab, drehte den Topf um – und zeigte dem staunenden Messner, dass kein Tropfen Wasser ausfloss. „Kannst du mir daraus bis Mittwoch ein Zelt machen?“, fragte der berühmte Bergsteiger. Es war Montag – zwei Tage später brach er auf zur Expedition.

Flik ließ die Näherinnen Akkord arbeiten, brachte gerade rechtzeitig das Zelt zum Flughafen. „Ich war überglücklich. So lange, bis das Flugzeug in der Luft war. Dann ist mir eingefallen, dass wir vergessen haben, die Nähte abzudichten“, erinnert er sich. Innerlich schrieb er den wichtigen Kunden ab. Fuchsteufelswild würde der Messner sein, das war ihm klar.

Sechs Wochen später kam Reinhold Messner von seiner Expedition zurück – überglücklich. „Ich möchte alles am Körper aus Gore-Tex haben“, verkündete er. Flik hatte Glück: In den Höhenlagen, in denen sich Messner an der Südwand des Dhaulagiri im Himalaya aufhielt, regnet es nicht. Die Bergsteigerlegende wurde zum Türöffner bei den großen Sportartikel-Herstellern. Nie wieder, so Flik, habe man die Nähte vergessen.

Das Unternehmen wuchs und wuchs. In den USA ist heute ein Enkel des Firmengründers Bill Gore am Ruder, in Deutschland gibt es, seit Flik im Ruhestand ist, drei Geschäftsführer. „Super Leute“, wie er betont. „Hätten die das bei mir schon aufgeteilt, hätte ich weniger Stress gehabt“, meint er.

Er arbeitete am Anschlag, und es wäre ein Wunder, hätte ihm das in den Jahrzehnten nie zugesetzt. Einmal war es ihm fast zu viel, aber er kam gestärkt aus seiner Krise hervor – mit einem sechsten Sinn, wann ein Mitarbeiter am Limit ist.

„Das schaffst du nie“, sagen alle, als es ans Aufhören ging. Und Heinrich Flik überraschte sie einmal mehr. Er hatte sich vorbereitet, schon zwei Jahre zuvor eine mehrwöchige Auszeit genommen – bis dato für einen Geschäftsführer ein Unding.

Der Chiemgau, so sagt er, habe ihm beim Abschied vom Berufsleben geholfen. Die vielen Möglichkeiten zum Sport, aber auch die Menschen. Heinrich Flik ist gut vernetzt. Er engagiert sich bei den Rotariern, hält Vorträge am Ludwig-Thoma-Gymnasium sowie an der Hochschule Rosenheim und lehrt an der Bayerischen Elite-Akademie über Unternehmenskultur. Als Anerkennung seines Beitrags zur Stärkung der bayerischen Wirtschaft und seiner ehrenamtlichen Tätigkeiten in der Weiterbildung verlieh ihm im Sommer 2016 Ministerpräsident Horst Seehofer den Bayerischen Verdienstorden.

Es bleibt eine

„Love Story“

fürs Leben

Reisen könnte er, an Traumziele in aller Welt, immer der Sonne und dem Schnee hinterher. Will er aber nicht. „Ich bin stolz darauf, dass sich mein Radius verkleinert hat“, sagt Flik. Italien, Frankreich oder mal nach Wien – das reiche vollauf. Lieber ist er daheim. Er macht, was ihm gefällt – zum Beispiel ein Jazzkonzert bei der Staudacher Musikbühne besuchen – und trägt, was ihm gefällt: Nämlich immer und überall Turnschuhe und Sportjacke, auch wenn alle anderen in Anzug und Schlips kommen.

Seit 15 Jahren ist er raus aus dem operativen Geschäft, blieb aber bis vor drei Jahren noch im Vorstand in den USA und im deutschen Aufsichtsrat. Doch die Verbindung zum Unternehmen ist nach wie vor da. „Ich funke keinem unserer Leute rein“, erklärt er, „aber wenn die mich brauchen, bin ich da.“ Komplett loslassen – das kann und will er nicht: „So lange ich lebe, bleibt das eine Lovestory zwischen Gore und mir.“

Das Unternehmen

Die Firma W. L. Gore & Associates ist heute ein multinationales Unternehmen mit rund 10000 Mitarbeitern und 46 Werken weltweit. In Deutschland hat es Standorte in Putzbrunn, Pleinfeld am Brombachsee, Feldkirchen-Westerham und Burgkirchen. So ziemlich jeder Outdoorsportler hat inzwischen zumindest ein Kleidungsstück aus Gore-Tex im Schrank, doch Textilien sind nur eine der Sparten neben der Medizin sowie Elektro- und Industrieprodukten.

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