schritt in die selbstständigkeit

Flüchtlingsfrau wird zur Geschäftsfrau

von Redaktion

Weder an Mut noch an Ideen mangelt es Zolaikha Mohammadi. Es war ihre Entscheidung, dass ihr Mann, sie und die damals fünf Kinder im Iran keine Zukunft mehr haben und die Familie nach Europa fliehen sollte. Jetzt eröffnete die 37-Jährige in ihrer neuen Heimat sogar ein Geschäft.

Prien – Das Nichtstun ist Zolaikha Mohammadis Sache nicht. Sie besorgte sich alle Informationen, was man in Deutschland so braucht, um einen Laden zu eröffnen, renovierte diesen eigenhändig und versorgt zudem ihre achtköpfige Familie.

„Persat“ heißt der kleine Laden in der Geigelsteinstraße 13a in Prien, der vor Kurzem eröffnet hat. Das Sortiment beschreibt Tochter Asiyeh: „Lauter Dinge, die wir im Iran geliebt haben.“ Orientalische Teppiche, feine Halstücher, Kinderkleidung, auch eine Vitrine mit Schmuck gibt es. Wer mag, kann ein Foto von sich oder seinen Lieben bringen. Zwei Wochen später bekommt er dann auf Bestellung einen kleinen Teppich mit dem eigenen Gesicht darauf.

Die Warenbestellung läuft über den Onkel, der im Iran in einer Teppichfabrik arbeitet. Die Auswahl des Sortiments gibt Zolaikha Mohammadi aber nicht aus der Hand. Das läuft über Fotos und Internet.

Tochter Asiyeh kommt jetzt in die zehnte Klasse. Sie spricht fließend Deutsch und freut sich, ebenso wie die zwei weiteren größeren Kinder, nachmittags im Geschäft der Mama auszuhelfen. Sie genießen es, in Deutschland auf eigenen Beinen zu stehen.

Als afghanische Flüchtlinge im Iran – Zolaikha Mohammadi lebte nur drei ihrer 37 Lebensjahre in Afghanistan – waren sie in dem Land Menschen zweiter Klasse. Das spürten sie in allen Lebensbereichen.

Zolaikha Mohammadi ist in der Familie die Macherin. Sie organisiert nicht nur den Alltag, sondern auch alle Dinge, um die sich ihr Mann, der nie lesen und schreiben lernte, nicht kümmern kann.

Dafür, dass sie eines Tages entschied, dass die Familie im Iran keine Zukunft hat, gab es einen triftigen Grund. „Ich wollte verhindern, dass meine Töchter zwangsverheiratet werden“, sagt sie. Bei Asiyeh, heute 19, hätte sie als Mutter eine Zwangsehe damals, 2013, nicht länger hinauszögern oder verhindern können. Heilfroh sei sie, sagt die älteste Tochter, dass sie diesem Schicksal entging. Und auch ihre ein Jahr jüngere Schwester wäre im Iran längst unfreiwillig verheiratet.

Bei der Flucht: Familie für ein Jahr getrennt

Auf ihrer Flucht, so erzählen Mutter und Tochter, wurden sie getrennt. Die Schleuser hatten nämlich umdisponiert. Die Familie sollte nicht wie geplant in einem, sondern in zwei Booten von der Türkei nach Griechenland kommen. Die Mutter legte mit den Söhnen eine Stunde früher ab, das Boot mit dem Vater und den Töchtern wurde von der Polizei aufgegriffen – am Ende dauerte es ein Jahr, bis alle wieder vereint waren.

Nur indem beide Seiten die Großmutter im Iran anriefen, wussten sie, wo die jeweils anderen sind und wie es ihnen geht. Nachkommen konnte der Vater mit den Töchtern erst, als die Verwandten im Iran neues Geld für den Schleuser aufgetrieben hatten. In der Zwischenzeit war Mutter Zolaikha mit den Söhnen statt wie geplant bei einem Cousin in Schweden in Breitbrunn am Chiemsee angekommen. Dort lebt die Familie – inzwischen um einen Bub reicher geworden – noch immer.

Eine ganze Reihe von Menschen haben der Familie geholfen, in der neuen Heimat zurecht zu kommen. Die Beziehung zu Leopoldine Gräfin Arco-Valley ist besonders eng. „Das sind meine Kinder“, sagt die Breitbrunnerin. Sie hatte im November 2014 Zolaikha und einige der Kinder am Priener Bahnhof kennengelernt. In der Winterkälte froren sie so vor sich hin, und Gräfin Arco sprach sie einfach an.

Der sechsjährige Hamid, der damals als Einziger Deutsch sprach, musste übersetzen. Und so unterhielt man sich im Zug, bis die Flüchtlinge in Rosenheim ausstiegen. Zuletzt fragte die Gräfin nach der Handynummer. „Ihr werdet von mir hören“, versprach sie. Sie hielt Wort. „Am Bahnhof habe ich sie in mein Herz geschlossen, und seit diesem Tag sind wir ein Team“, sagt sie heute. Seit der Begegnung am Bahnhof gehören Zolaikha und ihre Familie zum Leben der Breitbrunnerin. „Ich helfe, wo ich kann. Ich schimpfe mit ihnen, lache mit ihnen, wir haben Spaß und Ärger“, sagt sie.

Kurse absolviert und Führerschein gemcht

Erstaunt war sie, dass Zolaikha Mohammadi sich um alles, was man für eine Geschäftseröffnung wissen muss, selbst kümmerte. In einem viermonatigen Kurs lernte sie das Rüstzeug. Sie machte den deutschen Führerschein und absolvierte einen Sprachkurs auf dem Niveau B1. Das Ziel der 37-Jährigen: unabhängig werden vom Staat.

Offiziell ist die Gräfin Inhaberin des Geschäfts, und Zolaikha Mohammadi fungiert als Geschäftsführerin. Geldgeber für Privatkredite, damit der finanzielle Grundstock für den Laden gesichert ist, fanden sich ohne Probleme. Unter anderem gab der Arbeitgeber des Familienvaters – er ist in einer Gärtnerei beschäftigt – einen Kredit.

Zolaikha Mohammadi sieht darin ein Zeichen des Vertrauens, aber auch die Verantwortung, das Geschäft zum Laufen zu bringen. Schließlich will sie niemandem etwas schuldig bleiben.

Artikel 1 von 11