Prien – Im Gespräch der Chiemgau-Zeitung mit dem 77-Jährigen und seiner Frau Wiltrud kam sehr schnell die Sprache auf den oder die Unbekannte. „Sehr, sehr schade“, finden es die Schusters heute noch, dass sie sich nie bei den Hinterbliebenen bedanken konnten. Der Urschallinger bekam im Dezember 1992 eine Niere eines Unfallopfers transplantiert. Mehr weiß er nicht, nicht mal, ob es ein Mann oder eine Frau gewesen ist. Das Klinikum Großhadern durfte ihm aus Datenschutzgründen nicht mehr sagen.
Ohne den unbekannten Spender würde der Urschallinger heute nicht mehr leben. In seinen beiden eigenen Nieren bilden sich schon seit jungen Jahren Zysten und Blasen, die Organe machen irgendwann ihre Arbeit nicht mehr. Das ist in seiner Familie erblich, über 20 Verwandte sind daran gestorben, viele in relativ jungen Jahren, zuletzt seine Schwester vor drei Jahren.
Schon 1967, mit 27, bekam Wolfgang Schuster seine erste Nierenkolik. Sieben verschiedene Medikamente musste er damals regelmäßig einnehmen und unter anderem beim Essen aufpassen. Vor allem Kalium konnte für ihn Lebensgefahr bedeuten.
Trotzdem bauten seine Nieren immer mehr ab, der eigentlich sportliche Schuster, der viel Rad fuhr und auf die Berge ging, wurde immer schwächer.
1989 musste er erstmals zur Dialyse, um sein Blut reinigen zu lassen, Schuster arbeitete damals in Rosenheim. Von dort fuhr er mit dem Rad bis zu dreimal pro Woche ins städtische Krankenhaus, für jeweils vier bis fünf Stunden.
Rettung am
12.12.1992
Anfang 1990 ließ sich Schuster im internationalen Zentralregister für Organspenden eintragen – in der Hoffnung auf ein längeres Leben.
Am Morgen des 12. 12. 1992 kam der Anruf aus Großhadern. Die Laborwerte einer Spenderniere passten perfekt zu denen des damals 52-jährigen Prieners. Das war ein großer Glücksfall, denn oft dauert es viele Jahre, bis ein passendes Spenderorgan gefunden wird.
Sechs Stunden dauerte die schwierige Operation. Aus der langen Wartezeit hat sich Wiltrud Schuster der Spruch auf einem Plakat im Gang des Klinikums in München unvergesslich eingeprägt: „Nehmen Sie Ihre Organe nicht mit in den Himmel. Der Himmel weiß, dass wir sie hier brauchen.“
Die Schusters haben ihre Organspendeausweise immer dabei und werben im Freundes- und Bekanntenkreis aus tiefster Überzeugung und eigener Erfahrung dafür, dass sich Menschen einen Organspendeausweis zulegen.
Damit sein Körper das fremde Organ nicht abstößt, musste der Priener seinerzeit ein Mittel nehmen, das damals noch in der Erprobungsphase war. Er war die 32. und letzte Testperson. Dass dieses Medikament krebserregend sein kann, erfuhren er und seine Frau erst viel später. Auch den Krebs, der kam, hat Schuster vor etwa 15 Jahren besiegt. Er ist bis heute nicht wiedergekommen.
Seitdem nimmt er ein anderes Medikament, denn seine dritte Niere – die anderen beiden, die kaum noch arbeiten, hat er nach wie vor – ist und bleibt für immer ein Fremdkörper. Aber sie funktioniert auch nach einem Vierteljahrhundert noch hervorragend.
Das liegt vielleicht auch ein Stück weit an seiner Selbstdisziplin. Wie man sich jeden Morgen gründlich die Zähne putzt, ist es für den früheren Ortsvorsitzenden der Arbeiterwohlfahrt eine Selbstverständlichkeit, akribisch über seinen Blutdruck, sein Gewicht und seinen Puls Buch zu führen.
Auch sein soziales Engagement hilft Schuster, körperliche Einschränkungen wegzustecken und sich nicht unterkriegen zu lassen. Die Schusters arbeiten unverdrossen bei der AWO mit, geben auch die Vorsänger beim regelmäßigen Volksliedersingen in der „Alten Post“ – das nächste Mal am Freitag, 22. Dezember, um 16 Uhr.
Und die Schusters haben sich vor über zwei Jahren eines Flüchtlings angenommen. Als eine Unterkunft in Bachham kurzfristig geschlossen wurde, nahmen sie drei Asylbewerber in ihrer Ferienwohnung auf. Einer davon „hat uns adoptiert, er nennt uns seine deutschen Eltern“. Essen, Wäsche waschen, Jobsuche, Papierkram – die Schusters kümmern sich um Mohammed. Aber das ist eine ganz eigene Geschichte, die ein andermal erzählt werden kann.
Der 12. Dezember ist Schusters zweiter Geburtstag neben dem, der im Ausweis steht. Am Samstag hatten seine Frau und er alle Urschallinger zum „Mesnerwirt“ eingeladen, weil viele aus der Nachbarschaft gar nicht wissen, warum die Schusters knapp zwei Wochen vor Weihnachten seit 1992 jedes Jahr etwas zu feiern haben.
Wiltrud Schuster hat für die Feier extra eine kleine Geschichte geschrieben, damit auch die jungen Gäste ahnen können, wie – im wahren Sinn des Wortes – lebenswichtig Organspenden sein können: von der kleinen Vroni, die am Himmelstor klopft, weil sie Petrus und den Engeln unbedingt sagen will, dass ihr Onkel Basti, der eigentlich kein besonders guter Mensch war und bei einem Unfall gestorben ist, an dem er selbst die Schuld trug, auch etwas sehr Gutes getan hat: Er hatte Organe gespendet. „,Stimmt‘, nickten Petrus und die Engel, ,das war eine besonders gute Tat‘.“