Traunstein – Polizei auf dem Stadtplatz: Was viele Passanten vielleicht für eine Razzia oder Kontrollen gehalten hatten, stellte sich schlicht als groß angelegte Informationskampagne des Arbeitskreises gegen häusliche Ge-walt heraus.
Organisiert von Margret Winnichner, der Zweiten Vorsitzenden des Diakonischen Werks in Traunstein und seit 15 Jahren Sprecherin des runden Tisches gegen häusliche Gewalt, gehören diesem AK das Polizeipräsidium Oberbayern Süd, der Landkreis Traunstein, der Weiße Ring, Caritas und das Netzwerk frühe Kindheit (KoKi) an.
„Es ist dringend notwendig, dass wir das Thema ‚Häusliche Gewalt‘ wieder einmal ins Bewusstsein der Leute bringen“, erklärte Polizeihauptmeister Martin Neuhauser im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung den Sinn der Aktion. Er ist Ermittler bei der Polizeiinspektion Traunstein und weiß, dass die Dunkelziffer bei Gewalt innerhalb der Familie immer noch sehr hoch ist. Nur seit Anfang dieses Jahres bis Ende April gingen 24 Faxe beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ aus den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land ein. Dieses Hilfetelefon mit der Nummer 08000/116016 bietet 365 Tage im Jahr rund um die Uhr bundesweit kostenlose Beratung für Betroffene aller Nationalitäten mit und ohne Behinderung an. Auch Angehörige, Freunde und auch Fachkräfte werden unter der Nummer anonym und kostenfrei beraten. Von der Interventionsstelle wird dann an die verschiedenen Hilfsorganisationen im Landkreis weitervermittelt.
Derzeit gebe es in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land 135 laufende Beratungsfälle seit Oktober 2015, also seit zweieinhalb Jahren, informiert die Leiterin der Interventionsstelle, Sabine Weiß. Bis zum Ende dieses Jahres seien es wahrscheinlich doppelt so viele. Am wichtigsten sei die Mund-zu-Mund-Propaganda. Wer nämlich einmal bei einem Beratungsgespräch gewesen sei, ziehe häufig eine andere, weitere Person mit.
Alle Fachleute sind sich sicher, dass es auch Gewalt von Frauen gegen Männer innerhalb der Familie gibt. Hier sei die Dunkelziffer aber noch viel höher. In den 15 Jahren als Beauftragter für häusliche Gewalt hat Martin Neuhauser erst einen angezeigten Fall von häuslicher Gewalt gegen einen Mann erlebt.
Bezirkssozialarbeiterin Angela Bauer erhält von der Polizei eine Meldung, wenn ein Fall von häuslicher Gewalt vorliegt. Sie hält es für besonders wichtig, dass den betroffenen Frauen klar gemacht wird, wie schädlich und sogar traumatisch es für ihre Kinder sein kann, wenn sie Zeugen eines solchen Gewaltausbruchs werden, auch wenn sie selbst nicht direkt betroffen sind.
„Gewalt wird oft sowohl gegen die Frau als auch die Kinder ausgeübt“, sagt Karl Schulz, Sachgebietsleiter im Landratsamt Traunstein, der die anonymen Schutz- oder Krisenwohnungen in Traunstein verwaltet. Hier können bedrohte Frauen und Kinder rund um die Uhr aufgenommen werden. „Es ist vor allem ein Schutzraum für Frauen, um sich selbst klar zu werden, wie es weitergehen kann“, erklärt Schulz. Ein sofortiger „Radikalbruch“ und Neuorientierung würden selten geschafft.
Die gesamte Aufklärungsaktion verursachte Kosten in Höhe von 2800 Euro, die vom Landkreis und den beiden Frauenorganisationen Soroptimist International Club Traunstein und dem Verein „Wir helfen“, Traunstein, getragen werden. Die Tüten werden, bis sie aufgebraucht sind, in den Bäckereien in Traunstein weiter verteilt.