Unterwössen – Eine ungewöhnliche Konstellation saß da beim Dialog „Kunst und Gesellschaft“ auf dem Hof auf dem Lindenbichl am Podium: Hausherr und Bildhauer Andreas Kuhnlein, Bezirksrätin Annemarie Funke (CSU) als Veranstalterin sowie der evangelische Ruhestandspfarrer Ekkehard Purrer. Moderator und CSU-Gemeinderat Hermann Minisini gab die Fragen aus dem Spannungsfeld von Kunst, Politik und Kirche vor. Vor dem Dialog hatten die Besucher eine Stunde Zeit, die Exponate in Kuhnleins Werkstatt anzuschauen.
Der Ideengeber der Veranstaltung, Gemeinderat Johannes Weber (CSU), erklärte, Ziel sei es, das Spannungsfeld zwischen Kunst, Politik und Kirche losgelöst von der Partei-Zugehörigkeit zu betrachten. Die Kunst sei etwas, das alle angeht und den Ort prägt. Das belegte Weber mit dem gestalterischen Element, dem von Kuhnlein geschaffenen Brunnen auf dem Rathausplatz. In dem frühen Kuhnlein-Kunstwerk „Stillstand“ auf dem ehemaligen Häringer-Grundstück im Dorfzentrum sehe er eine kritische Aufforderung an die Politik, Initiative zu ergreifen.
Minisini eröffnete die Diskussion mit der Frage an Andreas Kuhnlein, welche Botschaft er mit seinen Werken geben möchte. Der Künstler beschrieb seinen Werdegang und die daraus entstandene emotionale Entwicklung. Die Kunst ist für ihn zunächst ein Mittel, seine Emotionen zu verarbeiten. Bei ihm sei es nicht so, wie auf dem modernen Kunstmarkt oft der Fall, dass Kunst geschafften wird, um eine Nachfrage zu befriedigen. Politik und Kunst sind für ihn ein Wechselspiel: „Einerseits bietet die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Kunst den Raum, sich zu präsentieren, andererseits ist sie selbst ein Instrument mit ihren Botschaften diese Grundordnung zu fördern und zu festigen.“ Dass die Politik auf diese Weise an dieser seiner Lebenssituation Anteil hat, dafür sei er ihr dankbar und dafür gebe er mit seinen Werken etwas zurück.
Die Begegnung von Politik und Kunst sieht Annemarie Funke vor allem im Bereich „Soziales“ des Bezirks Oberbayern, wo der Mensch in den Mittelpunkt der Arbeit gestellt werde. Für die betroffenen Menschen bedeute Kunst auch Lebensqualität. Deshalb unternehme der Bezirk viele kleine Schritte, die auf ganz besondere Weise die Kunst fördern.
Als Beispiele nannte sie regelmäßige Ausstellungen im Kloster Seeon, den Kunstförderpreis des Bezirkes und Kunsttage. Der Bezirk stelle den Raum für moderne Kunst, zum Beispiel in den Räumen des Bezirkstages München. Der Bezirk Oberbayern fördere die Kunst sehr, schwieriger sei die Kunstförderung in der Politik ab Landesebene aufwärts.
Das provokante Zitat von Bernhard von Clairvaux stellte Moderator Minisini dem Thema Kunst und Kirche voran: „Die Kirche glänzt in ihren Wänden und darbt in ihren Armen. Ihre Steine bekleidet sie mit Gold und ihre Kinder lässt sie nackt.“
Für die Vergangenheit mag das gelten, so Pfarrer Purrer, für heute sehe er das aber anders. Kunst und Kirche wirkten heute unmittelbar und gemeinsam auf den Menschen. Purrer hält viel von der alttestamentarischen Lehre zu dem, was der Mensch anstreben sollte: das Leben und den Nächsten zu lieben, das Handwerk zu beherrschen und den Schöpfer zu lieben. Unter diesen Aspekten sieht er in der Kunst das Schöpfungslob über Jahrhunderte.
Auch die Bibel sei ein Kunstwerk, das vor über 1000 Jahren entstanden ist. „Kunst ist ein Instrument, den Glauben zu fördern“, so sieht es Purrer. Und auch der Mensch heute benötige den Kick von der Kunst, sich der Situation und seines Umfeldes bewusst zu sein. Damit meine er ausdrücklich auch „den kritischen Kick“.
Zum Beispiel auch das Gipfelkreuz des Hochgerns sei für ihn Ausdruck von Kunst. Die Nationalsozialisten hätten es abgebaut und verborgen. Die Menschen im Tal hätten unmittelbar reagiert und es wieder hinaufgetragen. So werde Kunst ein mutiges Bekenntnis, könne Botschaften transportieren.
Zwei Wortbeiträge aus den Reihen der Zuhörer unterstrichen die besondere Rolle der Kunst in der Gesellschaft. Helmut Digel öffnete als Zugereister den Einheimischen die Augen dafür, wie die Kunst den Ort prägt, wie der Ort durch das Zusammenleben mit Künstlern in der Dorfgemeinschaft gewinnt. Und Schulleiter Otto Manzenberger erklärte: „Andreas Kuhnlein ist ein Geschenk für uns und die Schule. Vor allem, weil er immer wieder mit den Kindern spricht.“lfl