Grabenstätt – Kenner wissen, dass guter Scotch inzwischen nicht mehr nur in Schottland gebrannt wird. Es ist die Rede von rund 150 Whisky-Brennereien alleine in Deutschland, gegenüber 127 Destillerien in Schottland. Die dort produzierten Mengen sind natürlich ohne Vergleich, doch die Schotten beobachten die kleinen Kollegen auf dem Kontinent mit wohlwollendem Interesse.
Nach Blindverkostung: Höchstes Lob
aus den Highlands
Als der Inhaber der altehrwürdigen „GlenWyvis Distillery“ im schottischen Dingwall vor einiger Zeit bei einer Blindverkostung an einen „Kymsee“ Single Malt geriet, lautete sein Urteil: „Das ist mal ein guter Highlander“. Seit Lange durch Dritte davon gehört hat, seitdem zitiert er dieses Lob mit Stolz.
Es ist Vormittag in seinem Chiemseebräu, der Gastraum ist noch leer und Oliver Lange hat die Zeit, weit auszuholen. Der Whisky, so erklärt der gelernte Braumeister, kommt in Oberbayern bisher nur von zwei Brennereien: Vom „Slyrs“ in Schliersee und vom „Kymsee“ in Grabenstätt. Er sei „die Miniaturausgabe vom Slyrs“, bekennt Lange, wobei der Große dem Kleinen vor Jahren ganz unfreiwillig Starthilfe geleistet hat. Doch das ist eine andere Geschichte.
Zunächst erzählt er, wie das mit dem Whisky bei ihm begonnen hat. So hätten die angehenden Brauer in Weihenstephan in der Studentenbude schon mal ein bisserl mit dem Brennen experimentiert. „Über das Ergebnis sage ich jetzt lieber nichts“, meint er verschmitzt.
Der eigentliche Anstoß kam nach dem Biergarten-Ratsch mit einem Brauerkollegen. „Wenn Du unbedingt Whisky brennen magst“, bot dieser an, „dann machst das halt bei mir.“ Der Kollege hat nämlich eines der in Oberbayern seltenen Brennrechte für „mehlige Stoffe“. Er darf also neben Obst auch aus Getreide brennen.
Bei der Gelegenheit machte Lange die Erfahrung, dass die vergorene Würze, sein Ausgangsprodukt beim Brauen von Bockbier, ab einer bestimmten Stufe sich bestens für den Brand von Whisky eignet. Schade nur, dass der Kollege sein Brennrecht nicht abgeben wollte. So blieb ihm nur der jahrelange Kampf mit den komplizierten Auflagen bei einer neu zu gründenden „gewerblichen Verschluss-Brennerei“, ganz abgesehen von den Kosten und der Finanzierung. Die Banken brachten wenig Fantasie auf für die Pläne einer bayerischen Whisky-Brennerei. Und dennoch fragten die Bankleute: „Aber wenn’s denn mal soweit ist, dürfen wir schon zum Verkosten kommen?“
Die Geschichte von „Kymsee“ wurde Langes ganz persönliche Erfolgsgeschichte. Es spielten mit: Manch glückliche Zufälle und viele persönliche Kontakte in der Welt der Genussmenschen – seien es Brauer oder Brenner, Schotten oder Bayern. Ein glücklicher Zufall war, dass der Mitanbieter „Slyrs“ den Hersteller seiner Brennanlage wechselte.
Woraufhin die geschasste Firma Holstein, Nummer Eins dieser Branche, am Chiemgau unbedingt einen neuen Standort finden musste. Da bot sich der Bräu in Grabenstätt an. Den Anblick der Anlage genießt Lange täglich, und an die günstigen Konditionen denkt er gerne zurück.
Aber auch wenn der Hindernisse eher mit Humor nimmt, quasi als Würze auf dem Weg zum Erfolg, expandieren will er nicht. Das Format seiner „Kymsee2- Brennerei hat er seit 2012 nicht wesentlich verändert, was er mit Nachdruck so begründet: „Auf Biegen und Brechen größer werden, das mag ich nicht. Das, was ich mache, mag ich selber machen, ich will alles selber in Händen halten.“ Konkret heißt das, dass er als Brauer und Brenner ohne Angestellte arbeitet, damit er frei ist in seinen Entscheidungen und den Spaß an der Arbeit behält.
Und den merken sowohl die Gäste im Bräu als auch bei den Verkostungen, die er rund einmal im Monat veranstaltet. Dabei vermittelt einer, der sich auskennt, kompetent, unterhaltsam und mit ausgesuchten Proben aus Schottland alles über Whisky-Kultur und -Geschichte. Seine Frau Eva-Maria zeigt bei der Gelegenheit, was ihre Küche drauf hat, wie gut ihr frisch gebackenes Brot zum Whisky passt, vom eigenen Bier ganz zu schweigen.
Ein letztes Mal kommt der Genuss zur Sprache – und das Thema Rauschmittel. Wer Langes Website besucht, muss zusichern, dass er volljährig ist. Und zum Thema „Rausch“ hat Lange eine klare Meinung: Alles, was exzessiven Kick oder den ultimativen Adrenalinstoß verspricht – von Komasaufen bis Bunjee Jumping – ist überhaupt nicht das Seine.
Mit Maß und Ziel:
Für den Genuss reicht schon ein Zentiliter
„Ein guter Single Malt dagegen ist ein so komplexes Destillat“, versichert er, „dass allein die Geschmackserlebnisse ausreichen, um glücklich zu sein. Mit Maß und Ziel runterzukommen und zu genießen, dafür reicht schon ein einziger Zentiliter.“ Was bleibt da noch zu sagen, außer „Wohl bekomm’s!“