Limnologie

Zwischen Bikini, Blaualge und Biologie

von Redaktion

Maria Stockenreiter erforscht in Seeon das geheime Leben unserer Seen

Seeon-Seebruck – Ein Organismus im ständigen Kampfmodus: „Plankton zu sein bedeutet, sich ständig im Kampf ums Fressen und Gefressenwerden zu befinden. Dies dient jedoch ebenso der Biodiversität wie der Qualität unserer Gewässer“, beschreibt es Maria Stockenreiter. Die promovierte Biologin an der Fakultät für Aquatische Ökologie der Ludwigs-Maximilians–Universität (LMU) München leitet zusammen mit Professor Dr. Herwig Stibor die limnologische Forschungsstation in Seeon.

Seit über fünf Jahren forscht sie an den rund 60 Seen unserer Heimat. „Die Gewässer des Voralpenlandes entstammen alle der gleichen Schmelze der letzten Eiszeit, entwickelten sich jedoch ganz unterschiedlich. Jeder See ermöglicht einzigartige Einblicke in Vergangenheit und Zukunft unserer Natur“, erklärt die Biologin.

Diese Faszination für Naturwissenschaften bildete sich bei der gebürtigen Inntalerin schon in ihrer Schulzeit aus. Mit einem Biologie-Abitur in der Tasche führte ihr Weg an die Universität München. Dem Biologie-Studium mit Promotion im Fachbereich Ökologie folgte ein erfolgreich durchgeführtes EU-Projekt.

Von da an ging es auf Planktonjagd von Frankreich nach Finnland und von Norwegen in die USA. Im Jahr 2014 landete die Bayerin in Seeon und irritierte die Leute im Chiemgau mit unkonventioneller Arbeitsmethodik.

„Verrückte Forscher“ mit Pool-Nudeln

„Manche sahen in uns die verrückten Forscher, wenn wir um fünf Uhr morgens mit bunten Poolnudeln und riesigen Lkw-Radschläuchen an den Ufern stehen und in die Seen schauen.“

Eine Brise Verrücktheit sowie spezielle Methoden werden in der Forschung benötigt, gerade wenn man mit wenig Aufwand die Vorgänge in den heimischen Gewässern verstehen will. Viele hilfreiche Geräte wären sehr teuer, deshalb müssen eigene Konstruktionen her. Ein mit Seewasser gefüllter Plastiksack, der an schwimmenden Poolnudeln oder an Schläuchen fixiert ist, fasst bis zu 20000 Liter Wasser.

„Unter diesen Bedingungen sind wir sehr nah an der Realität und ermöglichen eine natürliche Umgebung. Verschiedene Vorgänge, Veränderungen oder Einflüsse können anhand eines Experiments besser nachvollzogen werden“, beschreibt es Stockenreiter.

Viele wissenschaftliche aber auch alltägliche Fragen können so bearbeitet werden: Wie beeinflusst der Klimawandel die Seen im Chiemgau und wie reagieren seine Organismen darauf?

Hautrötungen und Kampf-Plankton

Die Simulation in Mesokosmen zeigte unter anderem eine starke Vermehrung von Blaualgen. „In langen heißen Sommern sehen wir ähnliche Effekte in zahlreichen Gewässern. Blaualgen sind natürlicher Bestandteile eines Sees, können aber unter bestimmten Bedingungen hohe Dichten erreichen, die sich auf das Ökosystem negativ auswirken.“

Unter Umständen merken das auch Schwimmer nach einem Bad im warmen See: „Blaualgen bilden Giftstoffe, die nicht sonderlich gefährlich für den Menschen sind, die sich aber im Bikini oder der Badehose anreichern können. Dies kann zu unschönen Rötungen der Haut führen.“ So wie die Blaualge dem Badegast eine bleibende Erinnerung hinterlassen kann, so schafft es ein anderer Mikroorganismus dem Raubfisch eins auszuwischen. Die Rede ist vom Wasserfloh, einer wenige Millimeter großen Planktonart und willkommenen Fischmahlzeit.

Doch das kleine Lebewesen hat es faustdick hinter den Ruderantennen. „Wasserflöhe besitzen tolle Überlebensstrategien, um nicht gefressen zu werden. So können sie Helme, Nackenstacheln oder verlängerte Schwanzspitzen bilden und als Abwehrsystem gegen Räuber nutzen“, erklärt die Biologin.

Viele dramatische Szenen spielen sich unsichtbar in unseren Seen ab. Aber dank Maria Stockenreiter haben wir ein Auge darauf und wissen um die Qualität unserer Seen und die positiven Wirkungen auf unser Leben.

Infos über die Seeforschung

Weitere Informationen über den Stand der Forschung an der limnologischen Forschungsstation Seeon können Interessierte auf dieser Homepage abrufen: http://aquatische-oekologie.bio.lmu.de/

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