Warnung vor dem Overtourismus

von Redaktion

Chiemgauer Fremdenverkehrsexperten tagen im Bürgerhaus Unterwössen

Unterwössen – Die Warnung vor dem Schlagwort Overtourismus und zugleich die Freude über die Zuwachszahlen im Tourismusbereich prägte den elften Tourismustag im Alten Bad in Unterwössen. „Ich freue mich über einen tollen Tourismustag in einem Achental, das so eng zusammensteht“, so Landrat Siegfried Walch als Vorsitzender des Tourismusverbandes Chiemgau- Tourismus. Als Themen für die Zukunft nannte er Natur und Nachhaltigkeit.

Einheimische wie Gäste suchten eine „echte Region“, eine, die authentisch geblieben ist. Dafür gelte es, aktiv Maßnahmen umzusetzen. „Eine Alm als etwas, in das ich auf meiner Wanderung einkehre, das ist wirklich nicht alles. Almen heißen gelebter Naturschutz, ein Naturerlebnis, das nicht auf Kosten der Natur gehen darf. Deshalb müssen wir bewusst und sorgsam mit unserer Heimat umgehen. Wir müssen echt und authentisch sein und ein hochwertiges Angebot liefern.“ Hochwertigkeit bringe nicht nur Wertschätzung, sondern erzeuge auch Wertschöpfung. „Zeigen wir den Menschen unsere Begeisterung für die Region“, forderte Walch auf.

Wachstum braucht
Management

Rund um den Tourismus sei es schwer, Fachkräfte zu finden. Dabei wachse der Tourismus, und um dieses Wachstum zu managen, benötige der Chiemgau-Tourismus Arbeitskräfte. Daher soll im Frühjahr eine Initiative für Fachkräfte und Nachwuchskräfte an den Schulen starten. Auch müssten Tourismus und Wirtschaft verzahnt werden. Die Wirtschaft erkenne das und werbe mit der Region, wenn es gilt, Arbeitsplätze zu besetzen.

Geschäftsführer Stephan Semmelmayr machte keinen Hehl daraus, dass die Finanzen den Verband im vergangenen Jahr sehr beschäftigten. Die Frage stelle sich, wo sich etwas einsparen lässt, ohne dass es im Marketing spürbar wird. Lieb gewordene Einrichtungen seien abgestreift worden. 1500 Sendungen pro Jahr versende der Verband nunmehr selbst, ohne Dienstleister.

Die dicke Imagebroschüre sei den Kunden zu schwer und unhandlich gewesen – einmal abgeschafft, blieben eingesparte 25000 Euro für andere Maßnahmen.

Viele Projekte
werden betreut

Auf der Einnahmenseite sei es vor allem Marketingleiter Jens Hornung zu danken, dass der Chiemgau- Tourismus aktuell Leader- und EU-Projekte mit einem Volumen von fast 400000 Euro betreut, zehnmal mehr als noch 2010.

Da gehe es um Premium-Wandern, Rad-Infrastruktur und Arbeitskräftegewinnung im Tourismus. Die Kehrseite solcher Projekte: Sie beanspruchen mehr Ressourcen.

Zu den besten Nachrichten für 2019 gehört für den Geschäftsführer, dass sich alle Gemeinden bis auf eine Ausnahme am Markenprozess beteiligen. Es gehe darum, den Chiemgau einheitlich zu definieren und zu positionieren.

Das erfordere Qualität. Bei Projekten wie dem Premium-Wandern und der Rad-Infrastruktur wolle der Verband sich an die Spitze der deutschen Wander- und Fahrraddestinationen spielen. Der grundsätzliche Trend zu weniger Gästen zeichne sich mit Pillenklinik und auslaufenden Babyboomer-Jahren ab. Da ziehe der Titel Premium, die Marke, die ganze Region hoch und ermögliche den Gastgebern mit höheren Preisen den Einnahmenrückgang aufzufangen. Auch Semmelmayr verliert ein Wort zur Tourismuskritik. Das Schlagwort „Overtourismus“ entwickle sich heuer zu einem „schönen Sammelbecken für jede Form von Tourismuskritik“. „Wir haben vollstes Verständnis für alle, die gern allein auf der Alm oder am See wären“, versichert Semmelmayr. Aber die Gäste im Chiemgau-Tourismus werden dank aller Anstrengungen mehr. In 2009 waren es 680000 Gäste, in 2018 kamen 870000 Gäste, die aber nur noch vier Tage blieben. „Ohne diese konsequente Steigerung der Gästezahlen durch konsequentes Marketing wären wir jetzt bei zweieinhalb Millionen Übernachtungen. Die Auswirkungen wären für alle im Chiemgau spürbar, ohne Ausnahme, warnt der Fachmann.

Seit 2019 hat der Chiemgau-Tourismus rund 10000 Gästebetten gerade bei den Privatvermietern verloren. Für den Rückgang gebe es verschiedene Gründe. Für den Menschen im Acht-Stunden-Tag sei kaum vorstellbar, wie es ist, sich in der Saison 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche um den Gast zu bemühen. Da verdienten die Gastgeber im Chiemgau besonderen Applaus. Semmelmayr sagte zu, Gastgeberinnen und Gastgeber bestmöglich zu unterstützen. Er schloss mit den Worten: „Ich kann außerdem versprechen, dass wir nach zehn Jahren Chiemgau-Tourismus unvermindert mit voller Kraft voraus touristisches Marketing betreiben, dafür stehe ich mit meinem Team und meinem Wort.“ „Die Verblüffungsstrategie: Ungewöhnliche Serviceideen, die ihren Gästen und Kunden ein Lächeln ins Gesicht zaubern“ hieß der Vortrag von Gabriele Schulze. Sie rief auf, den Gast abseits der weltweiten, alltäglich geübten Verhaltensweisen mit gut vorbereiteten Überraschungen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Seine so geweckten Emotionen bleiben in Erinnerung und machen Lust auf mehr davon im nächsten Chiemgau-Urlaub.

Humorvoll und im manchmal provozierenden Wechselspiel mit den Rednern und Honoratioren führte Nico Foltin durch den Abend. Mit A-cappella-Gesang begeisterte das Traunreuter Vokalensemble „Fourte +“. Filmauszüge aus neuen Werken des Chiemgau-Tourismus unterstrichen das Thema vom nachhaltigen Tourismus.

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