Mit dem Pinsel auf Spurensuche

von Redaktion

Kurt Kopizenski (94) hat seine Leidenschaft fürs Malen wiederentdeckt

Seeon – „Das nächste Mal mach´ ich es besser“. Kurt Kopizenski betrachtet sein jüngstes Aquarell in Postkartengröße kritisch. Der 94-Jährige sollte Gedächtnistraining machen – und entdeckte in Seeon seine alte Leidenschaft fürs Malen wieder. „Besser geht nicht!“, lobt Ergo- und Kunsttherapeutin Hannah Kleuser aus Seeon ihren 94-jährigen Patienten. Dieser war eigentlich laut Verordnung seines Arztes zum Gedächtnistraining in ihre ergotherapeutische Praxis überwiesen worden. Seit inzwischen einem Jahr sind die zweiwöchentlich stattfindenden Termine, in denen sich Kleuser eine Stunde für Kopizenski Zeit nimmt, für beide zur lieben Gewohnheit geworden – und, wie sich an der mit den Kunstwerken gepflasterten Wand im Praxis-Eingangsbereich erkennen lässt, zur äußerst produktiven Kreativ-Zeit.

Die Kindheit war
schon früh zu Ende

Schon bei den ersten Terminen staunte die Therapeutin, wie sie erzählt, über die verblüffend gute Feinmotorik des 94-Jährigen: Kein Zittern und eine saubere Strichführung. Als sie im Gespräch erfährt, dass Kurt Kopizenski schon in seiner Kindheit mit Freuden zeichnete, kristallisiert sich für die Kunsttherapeutin ein klarer Therapieplan heraus. An den Wänden des Behandlungszimmers hängen bereits Kunstwerke aus Kinderhand, es gibt allerlei Gerätschaft, Sprossenwand und Bälle. Aktiv kreativ waren also in diesem Raum offenbar schon viele. Für Kopizenski wurden Aquarellfarben, Pinsel, und natürlich geeignetes Papier bereitgestellt – und schon nahm die malerische Reise in eine bewegende Vergangenheit – ein in Bildern „beschriebenes“ Gedächtnistraining, ihren Anfang. 1925 in Ostpreußen geboren, verließ er schon als 13-Jähriger das Elternhaus, heuerte zunächst als Schiffsjunge an, absolvierte dann eine Marineausbildung bis zum höheren Dienstgrad. Vom Krieg bekam er, wie er erzählt, „wenig mit“. Dafür sah er in der Zeit bis zum Kriegsende viele ferne Länder, entwickelte „eine tiefe Liebe zur See“ und sammelte wertvolle Erfahrungen fürs Leben.

1946 wurde er in Übersee am Chiemsee sesshaft, fand eine Tätigkeit, in der ihm seine technische Vorbildung zugute kam: als Technischer Zeichner im Torfwerk Rottau, wo man seine Fähigkeiten zu schätzen wusste. Obwohl ihn diese Arbeit erfüllte, „konstruktives Zeichnen war meine Lebensberufung“, betont er, zog es ihn immer wieder zur See oder auf die Werft nach Hamburg. Auf dem Tisch vor ihm liegen Pinsel unterschiedlicher Stärke, ein Wasserglas und eine Palette mit Farben, aus denen er wählen und mischen kann. Die Inspiration seiner Aquarell- „Tagwerke“, oder präziser ausgedrückt, „Stundenwerke“, ergeben sich meist aus den Gesprächen mit der Therapeutin. Es seien Jugenderinnerungen, die vor seinem inneren Auge auftauchen und die er ohne große Mühen zu Papier bringen könne. Seine Kunst gewordenen Erinnerungen, er selbst nennt sie „Seestücke“, wirken wie Fenster zu seiner Seele, die er mit großer Experimentierfreude und Spontaneität gestaltet.

Während Kopizenski malt, strahlt er Ruhe und Zufriedenheit aus, so als erlebe er manch verblasste Erinnerung noch einmal: Die Stimmungen auf dem weiten Meer, das, wie er anmerkt, „niemals langweilig“ sei, große Segelschiffe, Fünfmaster oder kleine Schiffchen auf hoher See. Als ehemals begeisterter Bergwanderer lässt er auch alpine Landschaften oder auch idyllische Ausblicke des Chiemgaus mit seinen Seen und das Kloster Seeon auf dem Papier entstehen.

Rezept für ein langes,
zufriedenes Leben

Dass er mit seiner im hohen Alter wiedererweckten Passion anderen Menschen Freude macht, gefällt ihm. Nun sind seine „gesammelten Werke“ im Eingangsbereich der Praxis attraktiver Blickfang. „Ich habe im Leben immer gemacht, was mir guttat, habe nicht zu viel gewollt und das, was auf mich zukam, immer gerne getan.“ Vor Herausforderungen sei er nie zurückgeschreckt, sondern habe sie mit positiver Einstellung angenommen. Ist das etwa die Zauberformel, gesund und zufrieden alt zu werden? Kurt Kopizenski jedenfalls macht einen glücklichen Eindruck und genießt sein Alter in bester Gesellschaft mit seiner 27 Jahre jüngeren Frau (mit der er seit 35 Jahren verheiratet ist), seinen beiden Hunden und dem Ziegenbock Heinz. Unter seinen Vorfahren gab es einen 110-Jährigen, erzählt er. Auf die Frage, ob auch er die Hundert schaffen wolle, antwortet er aus vollem Herzen: „Aber leicht“. In diesem Fall und bei gleichbleibender Produktivität, ließe sich ein ganzes Haus mit seinen Kunstwerken tapezieren.

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