Zwischen Rückzug und Ausraster

von Redaktion

Bernauerin gründet ADHS-Selbsthilfegruppe – Langer Weg bis zur Diagnose

Bernau – Erleichtert sei sie gewesen, als die Diagnose feststand, sagt Sabrina Pollinger. „Weil das Kind jetzt endlich einen Namen hatte und die Arbeit beginnen konnte“. Seit Frühjahr weiß sie, dass ihr Sohn Lukas (12) ADHS hat. Bis zu dieser Gewissheit sind Jahre vergangen. Anstrengende und ermüdende Jahre für die vierköpfige Familie. Jetzt hat die Bernauerin eine Selbsthilfegruppe gegründet. „Weil ich das Gröbste hinter mir habe, andere aber mitten drin stecken.“

Bewusst haben sich Sabrina und Martin Pollinger dafür entschieden, offen mit der Krankheit ihres Sohnes umzugehen. Denn die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) ist nichts Geringeres als die häufigste psychische Störung im Kindesalter. Sie ist nichts, wofür man sich schämen muss und hat rein gar nichts zu tun mit falscher Erziehung.

In der Grundschule
„ging es richtig los“

Letzteres hatten die Pollingers schon immer vermutet, schließlich ist Tochter Vanessa (14) „ruhig, gechillt, einfach das krasse Gegenteil von Lukas“. Mit Vorurteilen und Unsicherheit konfrontiert sahen sich die Eltern anfangs dennoch.

Lange wussten sie nicht, was mit Lukas los ist. „Er war schon im Kindergarten auffällig und so bewegungsfreudig, dass es den Erzieherinnen zu viel war“, erinnert sich seine Mutter. In der Grundschule „ging es so richtig los“: Der Bub vergaß viel, war schludrig, seine Handschrift war schlecht, er war streitlustig. Das gemeinsame Erledigen der Hausaufgaben dauerte ewig – „diese Stunden waren ein Martyrium für meine Frau“, wirft Martin Pollinger ein. Irgendwann fing der Schüler an, sich zurückzuziehen und den Unterricht zu verweigern.

Nach dem Wechsel an die Mittelschule in Prien „wurde alles noch schwieriger“: noch mehr Verweigerung, Ausraster wegen Kleinigkeiten, Vollgas dagegen in den Pausen. Das alles, so wissen die Pollingers inzwischen, ist typisch für Menschen mit ADHS.

Als die Eltern nicht mehr weiter wussten, wandten sie sich an das Jugendamt, das einen Sozialpädagogen vermittelte. Jede Woche reflektierte er das in den vergangenen Tagen Erlebte mit der ganzen Familie, nahm sich aber auch Zeit für Gespräche alleine mit Lukas. Doch Klarheit, was mit dem Bub los ist, gab es noch immer nicht.

Die brachte erst eine gründliche Untersuchung im auf kinderpsychiatrischen Erkrankungen spezialisierten Heckscher Klinikum in Rosenheim. Nach EEG, EKG, Blutuntersuchung, Gutachten und Fragebögen, die Lukas näheres Umfeld über ihn ausfüllte, stand endlich die Diagnose fest.

Ihr Sohn, so erfuhren Sabrina und Martin Pollinger, hat eine neuro-biologische Störung. Die Botenstoffe Nor-Adrenalin und Dopamin, die im Gehirn dafür sorgen, dass Reize weitergeleitet werden, sind bei ihm verändert.

Um dies zu regulieren, muss Lukas ein Medikament nehmen. „Das ist so, wie ein Zuckerkranker eben Insulin braucht“, erklärt die Mutter. Sie setzte jedoch nicht auf Medikamente alleine, sondern fing an, viel über die Krankheit zu lesen. Eine Hilfe waren ihr zwei Bücher der Wienerin Anna Maria Sanders, „weil sie eben kein Fachchinesisch sind“. Teilweise las sogar Lukas mit. „Der Maxi ist ja wie ich“, stellte er fest über den Jungen, um den es in den Büchern geht.

Große Unterstützung
durch die Schule

Auf Pollingers Initiative gab die Wiener Autorin an der Priener Mittelschule im Oktober eine Lesung – ein sehr gut besuchter Abend, an dem auch der Wunsch nach einer Selbsthilfegruppe aufkam. Die Unterstützung durch die Schule schätzen die Eltern sehr. „Es ist wichtig, dass offen damit umgegangen wird. Wir brauchen diese Eltern-Schularbeit“, so Pollinger.

„Ein Traum“ sei es heute, wenn sie das Verhalten ihres Sohnes, der jetzt in der sechsten Klasse ist, im Vergleich zu vor einem Jahr sieht. Seit März gab es eine „stetige Besserung“, vor allem die Bereitschaft zur Mitarbeit im Unterricht sei „schon fast auffällig im positiven Sinn“. Die Noten seien besser, die Handschrift auch ohne Ergotherapie viel schöner, die Rechtschreibung fehlerfreier. Zwischendurch gebe es „kleine Spitzen“, die aber nicht mehr ausufern.

Der Zwölfjährige selbst gibt sich cool. Nichts, so sagt er, habe sich geändert. Freundlich und aufgeschlossen beantwortet er alle Fragen: „Normal“ sei das früher mit den Ausrastern gewesen, Mathe mag er besonders, „auf die Palme gebracht“ habe ihn immer, wenn ihn die Kinder in der Grundschule mit einem ungeliebten Spitznamen ansprachen. Und wenn das jetzt passiert? „Dann sag ich halt, dass sie mich in Ruhe lassen sollen.“

Stolz fügt er an, dass er sich mit den meisten Mitschülern gut versteht, dass er Klassensprecher ist und dass viele „berühmte Erfinder“ ADHS hatten. Und in der Tat gibt es prominente Beispiele für Menschen, die mit oder trotz ihrer Erkrankung sehr erfolgreich wurden.

„Man muss ADHS früh erkennen. Das ist wichtig. Dann haben Menschen mit ADHS weniger Probleme im Leben“ heißt es in einem Info-Heft des Vereins ADHS Deutschland. Genau dazu will Sabrina Pollinger mit ihrer Selbsthilfegruppe, die für alle – ob mit oder ohne Diagnose – offen ist, beitragen.

Selbsthilfegruppe

Einmal im Monat soll die neu gegründete ADHS-Selbsthilfegruppe zusammenkommen. Wegen der Weihnachtszeit ist das nächste Treffen am Freitag, 17. Januar, ab 19.30 Uhr im Restaurant „Sportiv“ in der Bernauer Tennishalle. Nähere Infos gibt es per E-Mail an adhs-chiemsee@web.de.

Mehr Infos unter www.adhs-deutschland.de

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