„Aktiv neuen Wohnraum schaffen“

von Redaktion

Mischgebiet „Am Sportplatz“ in Marquartstein: Bürgermeister Scheck nimmt Stellung

Marquartstein – Der Bedarf an bezahlbaren Wohnraum und die fortschreitende Flächenversiegelung ist allerorts in der Diskussion. Das bedeutet ein schwieriges Spannungsfeld in der Entwicklung von Kommunen und Dörfern, so auch in Marquartstein. Die Gemeinde hat für eine rund 32000 Quadratmeter große Fläche südlich des Sportplatzes in Freiweidach im Sommer ein Entwicklungskonzept beschlossen. In einem Interview mit der Chiemgau-Zeitung erläuterte Bürgermeister Andreas Scheck, warum die Gemeinde gerade auf dieser Fläche die Weiterentwicklung plant und dies nicht dem Bekenntnis zum Flächensparen widerspricht.

Worum geht es bei dem neuen Areal?

Die besagte Fläche ist durch den Bau der neuen Fußgängerbrücke direkt an das Ortszentrum herangerückt und stellt eine zentrumsnahe Entwicklungsmöglichkeit für den Ort dar. Durch die kurzen Wege ist sie auch für Senioren gut erreichbar. Die Gemeinde hat rund zwei Drittel der Fläche erworben, der Rest ist in Privatbesitz. Das Entwicklungskonzept ist eine Ideensammlung für die Zukunft. Erschließung und Bebauung sollen nach Bedarf und schrittweise erfolgen.

Welche Rolle spielt das Projekt von MARO dabei?

Bereits konkret ist das Konzept für gemeinschaftliches und nachbarschaftliches Wohnen der MARO Genossenschaft. Auf rund 4200 Quadratmetern sollen 25 barrierefreie Wohnungen verschiedener Größen und eine Wohngruppe für Demenzkranke entstehen. Durch den hochwertigen und verträglichen Geschosswohnungsbau entsteht doppelt so viel Wohnfläche wie bei einem Wohngebiet gleicher Grundstücksfläche mit Einfamilienhäusern. Hinzu kommt, dass die MARO Genossenschaft Gemeinschaftsräume integriert und die Bildung einer Wohngemeinschaft als moderierten Prozess begleitet.

Eine Anzahl von Bürgern und Anliegern kritisiert das Projekt in einem offenen Brief an Sie und den Gemeinderat. Bemängelt werden fehlende Bürgerbeteiligung und fehlender Bedarf. Wie stehen Sie dazu?

Der Gemeinderat hat auf das Schreiben vom März reagiert und das Projekt der MARO Genossenschaft bei seinem Grundsatzbeschluss im Juli um rund 40 Prozent reduziert. Ein ähnliches, sehr erfolgreiches Wohnprojekt in Kirchanschöring wurde in einem beispielhaften Prozess gemeinsam mit den Bürgern entwickelt. Das hat aber über zehn Jahre gedauert. Auf diesen Erfahrungen könnten wir aufbauen.

Wie sehen Angebot und Bedarf an Wohnungen in Marquartstein aus?

Gerade bei der Schaffung von Angeboten für Demenzkranke dürfen wir in Marquartstein keine Zeit mehr verlieren. Auch beim Wohnraumangebot zeigen die Zahlen in Marquartstein ein eindeutiges Bild. 85 Prozent der Wohnungen in Marquartstein haben mehr als drei Zimmer. Die durchschnittliche Wohnungsgröße beträgt fast 100 Quadratmeter. Fast zu 70 Prozent werden diese Wohnungen oder Häuser aber nur von ein oder zwei Personen bewohnt. Wir brauchen dringend mehr Vielfalt auf dem Wohnungsmarkt. Wir benötigen Wohnungen für Alleinstehende, ältere Menschen und junge Familien, die möglichst barrierefrei und auch bezahlbar sind.

Bisher hat die Gemeinde dabei wohl mehr auf den freien Markt gesetzt?

Das Projekt der MARO Genossenschaft ist einer von mehreren Bausteinen, mit denen die Gemeinde Marquartstein aktiv neue Wohnraumformen schaffen will. Die Genossenschaft bietet mit ihrem Konzept eigentumsähnliche Mietwohnungen an, die preislich von der Regierung von Oberbayern festgelegt werden. 40 Prozent der Wohnungen werden zusätzlich mit einem Mietkostenzuschuss gefördert, wenn der Mieter bestimmte Einkommenswerte nicht überschreitet. Das geht vom Einpersonenhaushalt mit maximal 28000 Euro bis zur Familie mit drei Kindern und bis zu 75000 Euro Jahreseinkommen. Ein wesentlicher Aspekt ist auch, dass sich die MARO Genossenschaft auf mindestens 40 Jahre an diese Nutzung bindet und die Gemeinde ein Mitspracherecht bei der Belegung erhält.

Können Sie sich auf dem vorgesehenen Entwicklungsareal weitere Wohn- und Eigentumsmodelle vorstellen?

Als weiteren Baustein für neues Wohneigentum für Einheimische kann ich mir die Vergabe von Gemeindegrundstücken an Bauherrengemeinschaften vorstellen, die ähnlich flächensparende Wohngebäude zur Eigennutzung realisieren. Das könnte ein zukünftiger Entwicklungsschritt auf der Fläche am Sportplatz sein.

Was sagen Sie zu der
Kritik an den Gebäudehöhen?

Verdichtetes Bauen darf meines Erachtens nicht bedeuten, dass die Grundstücke für Einfamilienhäuser immer kleiner werden. Das schafft keine guten Wohnverhältnisse und versiegelt zu viel Fläche. Wir müssen mehr in die Höhe bauen. Das ist aber im Grunde nichts Neues. Man kehrt nur zu den früheren Wohnformen in großen Gebäuden zurück, wie sie auch in Marquartstein zahlreich vorhanden sind. Hier ist ortsangepasste Architektur wichtig. Bei dem Genossenschaftsprojekt sind drei der vier Gebäude dreigeschossig.

Wieso sind in dem Entwicklungskonzept am Sportplatz auch Gewerbeflächen vorgesehen, obwohl das Gewerbegebiet an der B305 noch nicht voll ist?

Das hat mehrere Gründe. Zunächst ist es so, dass man hinsichtlich des Immissionsschutzes mit Wohnbebauung zumindest ohne Lärmschutzanlagen nicht direkt an ein Sportgelände heranrücken kann. Deshalb gibt es dort unterschiedlich gegliederte Gebietstypen und Nutzungsmöglichkeiten. Zwischen der Wohnbebauung und der Sportanlage sieht das Entwicklungskonzept ein Mischgebiet mit Wohnen, Arbeiten und kleinen Gewerbeeinheiten vor. Für diese gibt es Anfragen einheimischer Betriebe, weil die Gewerbeflächen an der B305 in Privateigentum sind und nur im Erbpacht-Modell vergeben werden.

Wie geht es jetzt mit dem Projekt weiter?

Die Gemeinde wird demnächst über die Aufstellung der Bebauungspläne zu der ersten südlichen Teilfläche beraten. Nachfolgend stehen die Beteiligungsmöglichkeiten im Rahmen des Bauleitplanverfahrens offen. Im ersten Quartal 2020 soll es eine Informationsveranstaltung der MARO Genossenschaft über das Projekt für alle Bürger geben. Parallel werden die Fixierung der gemeindlichen Vorgaben und die Verkehrssituation untersucht.

Interview: Manfred Peter

Bürgerinitiative stellt ihre Ziele vor

Gegen die Realisierung des geplanten Misch- und Gewerbegebiets und die Wohnbebauung durch Investoren „Am Sportplatz“ in Freiweidach hat sich eine Bürgerinitiative gegründet. Sie stellt am Dienstag, 3. Dezember, um 19.30 Uhr im Weßner Hof ihre Ziele unter dem Motto „Lebenswert statt zugeteert“ vor.

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