Das Kreuz mit dem Kreuz

von Redaktion

Es war einmal ein Gipfel im Hochgerngebiet, dem fehlte ein Kreuz. Ein Chieminger Schreiner fertigte eines. Nachdem ein Blitz es zerstört hatte, nahmen sich zwei junge Grassauer der Sache an. Sie appellieren nun an die Allgemeinheit, das Objekt mit Respekt zu behandeln.

Unterwössen/Grassau/Marquartstein – Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz auf der Zwölferspitz, die sich im Hochgerngebiet bei Marquartstein 1633 Meter in die Höhe reckt. 2014 von einem Chieminger Schreiner spendiert, fällt es schon kurze Zeit später einem Blitzschlag zum Opfer. 2016 machen sich zwei junge Burschen aus Grassau ans Werk, dem verwaisten Gipfel wieder ein Kreuz zu schenken. Wer schon Berggipfel erklommen hat, mag sich beim Anblick der oft mächtigen Kreuze gefragt haben, wie zum Teufel sie da einst raufgeschafft wurden.

Ein Kreuz soll her – dann verschwindet es

Klar ist: Eine leichte Aufgabe kann das nicht sein. Umso mehr ärgern sich die Gipfelkreuz-Spender von der Zwölferspitz darüber, mit wie wenig Respekt so mancher Bergsteiger dem handgemachten Holzkreuz begegnet. „Jetzt gibt´s leider Gottes so ignorante Leute, die nix besseres zum doa ham, ois auf des Kreuz zum klettern, sich drauf zum stellen oder kopfüber dranzuhängen und dann nix besseres zum doa ham, als des dann no ganz stoiz auf Instagram zu posten. Leid, für des hammas ned gmacht“, macht Mit-Initiator des zweiten Gipfelkreuzes, Florian Hagl, seinem Unmut auf seiner Facebook-Seite Luft.

Aber der Reihe nach.

Die Geschichte vom Kreuz auf der Zwölferspitz fängt damit an, dass die Wirtin der Enzianhütte auf dem Hochgern, Gabi Zeininger, schwer erkrankt. Stammgast auf der Hütte ist zu dieser Zeit der Schreiner Herbert Sieber aus Tabing bei Chieming, der, wie er der Chiemgau-Zeitung erzählt, vier Jahre lang fast jedes Wochenende zur Hütte wandert, um der Wirtin zu helfen.

Dabei erklimmt er auch den einen oder anderen Gipfel, darunter die Zwölferspitz. „Mir ist aufgefallen, dass sie im Gegensatz zu den anderen Gipfeln im Hochgerngebiet kein eigenes Kreuz hatte.“ Auch anderen Gästen der Enzianhütte sei das aufgefallen, und rasch habe sich eine Gruppe gebildet, die sich der Sache annehmen wollte. Darunter auch der Unterwössener Christian Zeininger, Sohn der Hüttenwirtin.

Wie es dann 2014 ernst wurde, seien nur noch eine Handvoll Leute übrig gewesen, die wirklich mitanpacken wollten, erinnert sich Sieber. Das war die Stammtisch-Gemeinschaft Unterwössen, die auch auf der Tafel Erwähnung findet. „Ich habe das Kreuz selbst in meiner Werkstatt geschreinert.“ Im August 2014 half der harte Kern um Sieber mit, das Kreuz auf den Gipfel zu transportieren und dort in einem Zementsockel zu befestigen.

Nicht jeder Bergfreund sei damals davon begeistert gewesen, erinnert sich Sieber heute rückblickend: Es habe sogar an die Mithelfenden böse Briefe gegeben, es brauche doch nicht jeder Gipfel ein Kreuz. 2016 erfährt Sieber dann zufällig bei einem Besuch auf der Unterwössener Alm, dass die Zwölferspitz erneut ohne Kreuz dasteht: „Ich habe nie erfahren, was genau passiert ist.“ Waren es die damaligen Kreuz-Gegner?

Zwei junge Grassauer Burschen, Florian Hagl und David Schneider, bringen für die Chiemgau-Zeitung Licht ins Dunkel: Als regelmäßige Zwölferspitz-Gäste bemerken sie 2016, dass ein Blitz das von Sieber gestiftete Kreuz so schwer gespalten haben muss, dass es rücklings den Berg hinunterstürzte. „Da braucht´s ein neues“, beschließen die beiden gebürtigen Grassauer. Ihre Motivation: „Es sollte ein Geschenk von Chiemgauern für die Chiemgauer sein“, erzählt Hagl. „Zumal die Zwölferspitz vor allem eher Einheimischen bekannt sein dürfte.“

Zwei Tage, 85 Kilo Holz, 30 Kilo Zement

Und: Hagl ist mit der Zwölferspitz im Blick aufgewachsen, „vom Haus meiner Eltern aus sieht man den Gipfel mit dem Fernglas“. In Eigenregie besorgen sich die beiden Holzbalken von einer heimischen Zimmerei und legen los. Eine Tafel gibt´s auch dazu.

Dann schleppen die beiden Männer allein das etwa 85 Kilo schwere Holzkreuz auf die Zwölferspitz, „jeder hatte auch noch einen 30 Kilo schweren Zementsack dabei.“

Dazu Werkzeug und ein Rucksack. „40 Liter Wasser zum Anrühren des Zements für den Sockel mussten wir separat zu Fuß von der Mooralm holen.“ Am zweiten Tag marschieren die beiden nochmals los, erneut mit Zement im Gepäck: „Wir wollten es gescheit machen und haben zur Sicherheit noch mal nachzementiert.“ Dass die ursprüngliche Stiftergemeinschaft, die Stammtischler von Unterwössen, zur selben Zeit ebenso Pläne für ein neues Kreuz hatten, habe man nicht gewusst, sagt Hagl. So kommt es kurzfristig zu einem Zwist, der laut Hagl inzwischen aber friedlich beigelegt worden sei. Damit will er die Sache auch ruhen lassen.

Gemeinsame
Kontrolle

Viele Male sind er und Schneider seitdem oben gewesen, haben unterm Kreuz Brotzeit gemacht und die Aussicht aufs Achental genossen. So, wie viele andere Wanderer auch. Nun ist die Geschichte um das Kreuz auf der Zwölferspitz an dem Punkt angelangt, wo Hagl und Schneider sich über Wanderer ärgern, die das Kreuz nicht einfach in Ruhe stehen lassen können. Sondern es zum Beispiel zum Klettern benutzen. Seitdem der 28-jährige David Schneider studiert und Hagl, 25 Jahre, als Brauer bei einer Brennerei in Tirol arbeitet, kommen sie nicht mehr so oft auf „ihren“ Berg. Aber in zwei Wochen soll es wieder so weit sein: „Nachschauen, ob alles in Ordnung ist.“

Der Schreiner Herbert Sieber und die beiden Grassauer kennen sich übrigens nicht und sind sich auch nie über den Weg gelaufen. Sie alle hatten jedoch denselben Gedanken: Es braucht ein gescheites Kreuz auf der Zwölferspitz.

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