Traunstein/Siegsdorf/Salzburg – Mangelnden Sachbeweisen und schlechten Zeugen hatte ein 35-jähriger Salzburger vor dem Amtsgericht Traunstein eine Geldstrafe von 3600 Euro statt einer Freiheitsstrafe zu verdanken. Zwei weitere Mitfahrer drückten mit ihm die Anklagebank. Ein anderer Mitfahrer war nur Zeuge. Der fünfte Mann, „Rado“ genannt, fehlte gestern. Er lebt irgendwo im Ausland. Zwei Salzburger sprach Richter Christopher Stehberger frei.
Gegenstand des Prozesses war ein hochgefährliches Ausbremsmanöver am 6. Januar 2018 auf der Autobahn Salzburg-München kurz vor Siegsdorf samt Verletzung eines Mannes.
An jenem Abend war es gegen 20.30 Uhr dunkel und nass. Fünf Securitys aus Salzburg pressierte es auf dem Weg zur Arbeit in Traunstein. Am Steuer des VW Passats saß der 35-Jährige. Ebenfalls Richtung München fuhr ein Paar aus der Nähe von Offenbach auf der linken Fahrspur mit einem VW Bus. Der 35-Jährige betätigte die Lichthupe, um den Bus auf die rechte Fahrbahn zu zwingen. Auch räumte der VW Passat-Lenker jetzt vor Gericht ein, nach mehreren gegenseitigen Überholmanövern, teils auf der rechten Spur, vor den Bus gefahren zu sein und das Fahrzeug bis zum Stillstand ausgebremst zu haben.
Das Paar hatte die Szene mit dem
Handy gefilmt
Leugnen hätte auch nicht viel geholfen: Das aus dem Skiurlaub kommende Paar hatte die Szene mit dem Handy gefilmt. Die Österreicher brachten den Beifahrer des Busses dazu, das Video zu löschen, übersahen jedoch, dass die 24-sekündige Szene noch unter „Gelöschte Objekte“ vorhanden war. Die Krux war jedoch, dass entscheidende Szenen vor und nach dem Ausbremsen nicht auf dem Filmchen zu sehen waren.
Staatsanwalt Dr. Rainer Vietze hatte in der Anklageschrift vorherige Provokationen durch das Paar angenommen wie Müll, der aus dem Busfenster geworfen wurde, einen ausgestreckten Mittelfinger der Fahrerin und einen „Hitler-Gruß“ ihres Freundes gegenüber den Österreichern. Solches wiesen die Zeugen zurück. Sie hätten nichts dergleichen getan. Umgekehrt behauptete das Paar, die „Herrschaften“ seien „auf Krawall aus gewesen“ und mit dem VW Passat viel zu dicht aufgefahren. Man habe wegen des Verkehrs nicht auf die rechte Spur wechseln können und sei durch ein via Handy imitiertes Blaulicht irritiert worden.
Wie es nach dem Stopp auf der Überholspur – mit hupenden und auf der rechten Fahrbahn vorbeifahrenden anderen Verkehrsteilnehmern – weiterging, konnte das Gericht nicht genau klären. Der Staatsanwalt hatte den Vorwurf erhoben, die Angeklagten hätten zusammen entschieden, den Leuten im VW-Bus eine Lektion zu erteilen, somit zwei „Nötigungen“ sowie „gefährliche Körperverletzung“ durch das gemeinschaftliche Handeln verwirklicht. Der 35-Jährige beteuerte gestern, es habe keinen Plan gegeben. Er allein habe „in einer Schockreaktion“ wegen der geworfenen Gegenstände das andere Fahrzeug ausgebremst. Seine Mitfahrer und er seien ausgestiegen, hätten diskutiert und rumgestritten. Einzig der besagte „Rado“ habe zugeschlagen. Hinterher hätten sich alle Beteiligten gegenseitig „entschuldigt“ und seien weitergefahren. Bei der Polizei – nach Anzeige durch die Businsassen – habe man „Rado“ schützen wollen und deshalb nichts von ihm erwähnt.
Das Paar hingegen meinte, der 35-Jährige habe „gegrinst“, während „Rado“ und andere zuschlugen. Einer habe die rechte Schiebetür geöffnet und von hinten auf den im Wagen sitzenden Beifahrer eingeprügelt, ein anderer von der offenen Beifahrertüre aus von vorne. Der Geschädigte erlitt Schwellungen, Blutergüsse und Schmerzen im Kopfbereich und an den Beinen. Vor allem das Ausbremsen beschäftigte die Fahrerin des Busses: „Denen war völlig egal, was da hätte passieren können. Das hat die gar nicht gejuckt.“ Die geworfenen Gegenstände hätten die Angeklagten „erfunden, um ihren Arsch zu retten“.
Staatsanwalt forderte 18 Monate Freiheitsstrafe
Staatsanwalt Dr. Rainer Vietze erachtete alle Vorwürfe als nachgewiesen an und beantragte für den 35-Jährigen 18 Monate Freiheitsstrafe mit vierjähriger Bewährung, dazu eine Geldauflage von 1000 Euro und noch zwei Jahre Fahrerlaubnissperre für das Bundesgebiet. Die Mitfahrer sollten neun Monate mit Bewährung, 500 Euro Geldauflage und noch 15 Monate Führerscheinsperre erhalten. Die Verteidiger – Udo Krause, Reinhard Roloff und Sven Ryfisch, alle aus Laufen – beantragten vier Monate mit Bewährung für den 35-Jährigen und Geldstrafen für die übrigen.
„Ich war nicht dabei“, konstatierte der Richter im Urteil. Ein gemeinsamer Tatentschluss sei „ganz klar nicht nachweisbar“. Der nicht auffindbare „Rado“ sei nach dem Ausbremsen laut Video sofort losgestürmt. Nicht nachgewiesen sei, ob außer „Rado“ jemand zugeschlagen habe. Springender Punkt war nach Worten von Christopher Stehberger: „Die Zeugen waren schlecht, zeigten einen erheblichen Belastungseifer gegenüber den Angeklagten sowie Entlastungseifer hinsichtlich ihres eigenen Verhaltens.“ Die Zeugen hätten bezüglich der vorausgehenden Provokationen das Gericht „mit der Unwahrheit bedient“. Genötigt worden sei letztlich nur die Fahrerin.
Der 35-Jährige könne von Glück sagen, dass nicht mehr passiert ist.